Charlotte Gainsbourg - 5:55 - Cover
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Charlotte Gainsbourg 5:55


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 43 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

„5:55“ ist ein dunkles Album für die Mitte der Nacht, das streckenweise richtig unter die Haut geht.

Der französische Chansonnier Serge Gainsbourg war in allen Belangen ein extremer Mensch. Er ging mit seiner Kunst sogar soweit, dass er in dem weltberühmten Song „Je t’aime... moin non plus“, den er zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Jane Birkin einsang bzw. einstöhnte, einen Liebesakt nachstellte. Zu damaligen Zeit, Ende der 60er Jahre, ein absoluter Skandal. 1983 ging Gainsbourg noch einen Schritt weiter und sang mit seiner zwölfjährigen Tochter Charlotte das inzestuöse Duett „Lemon incest“. Ein weiterer Skandal.

Charlotte blieb der Musik zwar lose treu – ihrem einzigen Album „Charlotte For Ever“ (1986) folgten hier und da ein paar Soundtrackbeiträge, Duette und Kollaborationen – das Hauptaugenmerk in der Karriere der Tochter zweier Legenden liegt aber bis heute auf der Schauspielerei. Hier brachte sie es zu einigem Ruhm und Anerkennung in Form einer Oscar-Nominierung und diversen „Césars“.

20 Jahre nach ihrem Debüt legt die 35jährige Mutter von zwei Kindern nun ihr zweites Album vor. „5:55“ ist ein echtes Stück französischer Avantgarde geworden, obwohl alle Songs bis auf einen in englischer Sprache verfasst sind. Doch das Team hinter „5:55“ verrät sehr schnell die Richtung, in die es mit den elf Songs gehen soll. Radiohead-Produzent Nigel Godrich saß an den Reglern, die Musiker der französischen Gruppe Air komponierten die Musik und Jarvis Cocker (Pulp) sowie Neil Hannon (Divine Comedy) schrieben die Texte. Die Streichersätze wurden zudem von David Campell arrangiert, dem Vater von Beck.

Das riecht nach großer Kunst und schwerer Kost und nicht nach einer Fortsetzung des – jetzt darf man es ja sagen – schrecklichen Debütalbums, das eine katastrophale 80er Jahre Produktion mit viel Hall und dünnem Stimmchen war. Anno 2006 trifft die Beschreibung von Charlotte Gainsbourgs Stimme als „schwebender Hauch zwischen Spiel und Verführung“ wie die Faust aufs Auge. Denn es geht ruhig und bedächtig zu auf „5:55“. Die Songs fließen als softer Elektro-Pop oder auch mal als snafter TripHop („Night-time intermission“) plus Piano, Gitarre und Streichern zu Mademoiselle Gainsbourgs Gänsehautstimme dahin und erzeugen Atmosphäre pur. Also genauso wie es sich die meisten Hörer wohl vorstellen, wenn der Radiohead-Produzent und die Elektronikspezialisten von Air zusammenarbeiten.

„5:55“ ist ein dunkles Album für die Mitte der Nacht (5:55 Uhr), das streckenweise richtig unter die Haut geht („Everything I cannot see“). Der Hörer darf auf eine anspruchsvolle Entdeckungsreise gehen, die nicht mit dem Schaffen eines Serge Gainsbourg verglichen werden darf, aber dennoch sehr intensiv ausfällt.

Anspieltipps:

  • Everything I cannot see
  • Little monsters
  • The operation
  • Beauty mark
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