Otep - House Of Secrets - Cover
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Otep House Of Secrets


  • Label: Capitol/EMI
  • Laufzeit: 60 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Band Otep, bestehend aus Frontsängerin Otep Shamaya, Gitarrist Karma Cheema, Brian Wollf als Drummer und eViL j am Bass, dürfte den wenigsten Leuten ein Begriff sein. In der Tat erfreut sich die Band, die schon seit 2001 besteht, einem noch verhältnismäßig kleinen, aber stetig wachsenden Fankreis. In den Staaten sind sie schon länger ein Geheimtipp, was ihnen Zutritt zu diversen Veranstaltungen wie dem Ozzfest verschaffte. Dafür sorgten die 2001 erschienene EP „Jihad“, das 2002 veröffentlichte Debütalbum „Sevas Tra“ (Art Saves) und das 2004 erschienene „House Of Secrets“, welches in Fankreisen aufgrund des unglaublich genialen Songwritings als Meilenstein des Genres gefeiert wird. Doch der Reihe nach.

Der erste Track „Requiem“ beginnt sehr düster. Man hört laute Schreie, Schläge, Gegenstände die als Schlagwaffen gebraucht werden. Es wird schnell klar: hier wird jemand vergewaltigt. Untermalt wird das ganze von einem unglaublich düsteren Elektronikteppich, gepaart mit einigen Drums, in den die Frontsängerin Otep Shamaya immer wieder verzweifelte Wortstücke wirft. Schon jetzt wird klar was einem auf dem Rest des Albums erwartet: harte, extrem düstere und schonungslose Kost, die den Hörer in eine Welt voller Schmerz und Demütigung entführt. Schon im Opener wird ein starker innerer Druck im Hörer geweckt und zugleich wird er in eine unglaublich intensive, düstere und bedrückende Welt entführt. Willkommen in der Welt von Otep.

Der eben erwähnte innere Druck wird im folgenden Track prompt abgebaut. „Warhead“ hämmert sich mit Doppel-Drums und harten Gitarren den Frust vom Leib und Shamaya lässt hier ihrem Unmut über den amerikanischen Präsidenten freien Lauf. Der Track ist auch auf dem gesamten Album einer der Härtesten und Lautesten, da er von Anfang bis Ende den Hörer in den Sessel drückt. Nach „Warhead“ scheint es, dass der Hörer erstmal Zeit zum Entspannen hat, denn „Buried alive“ beginnt, ähnlich wie „Requiem“, mit einem elektronischen Soundteppich und Shamaya wird ihrem Ruf als „weibliche Form von Jonathan Davis“ gerecht: In fast schon melancholischer und zutiefst psychischer Art ächzt sie ihren Text in das elektronische Musikgewebe, welches ab und an auch von Gitarren und Drums zerrissen wird. Wieder bildet sich ein immenser Druck im Inneren des Hörers auf; man kann Shamaya förmlich sehen, wie sie zusammengekauert in einem Eck sitzt, völlig erschöpft, am Ende, während sie immer wieder „I hate my life“ ins Mikro ächzt. Nach der Hälfte wird der Song dann lauter, Drums und Gitarren melden sich verstärkt zu Wort, die Sängerin shoutet mit aufbrausender Stimme, wird vom elektronischen Musikgeflecht jedoch immer wieder unterbrochen und verfällt daraufhin wieder in ihre ruhige Gesangslage. Erst am Ende zerfällt das elektronische Musiknetz plötzlich und Drums und Gitarren zerreißen es in kleine Stücke, während Shamaya nun ihre Stimme vollends entfalten kann und plötzlich ihren Part so heftig ins Mikrophon shoutet, dass der Hörer in den Sitz gedrückt wird, bis der Song abrupt endet.

„Sepsis“ fährt dann ähnliche Kaliber wie „Warhead“ auf, wirkt dabei aber nicht unbedingt hart. Der Song trumpft mit einem konsequenten Beat auf und die Frontfrau darf das tun, was sie am besten kann: Sie schreit sich Hass und Frust von der Seele, während Drums und Gitarre sie dabei mit voller Kraft unterstützen. Mit dem albumbetitelten Track „House Of Secrets“ wartet das wohl genialste Stück der CD auf den Hörer. Wieder beginnt alles sehr ruhig. Doch schon nach wenigen Sekunden hört man Schreie einer Frau und eines Mannes, Gegenstände fliegen durch die Luft, Schläge, eine Tür knallt und dann herrscht Ruhe. Jedoch nur kurz, denn gleich darauf setzt eine sanfte Gitarre ein und Shamaya beginnt mit ruhiger Stimme ihren Text zu singen:

Sie erzählt in ruhiger Art und Weise, nur mit Gitarre unterlegt aus ihrer (definitiv nicht harmonischen) Jugend und baut abermals eine Welle auf, die nur darauf wartet, auf den Hörer hinabzustürzen. Nach den drei Minuten sanften Klängen und melodischem Gedudel wendet sich dann urplötzlich das Blatt. Die Gitarre verstummt. Mit erhebender Stimme singt Shamaya „Come on, come on, witness the fall“ und urplötzlich bricht diese gigantische Soundwelle aus Double-Drums, Gitarren und shouted Vocals auf den Hörer nieder und presst ihn unweigerlich nach hinten bis nach ungefähr einer weiteren Minute alles wieder vorbei ist. Die Gitarre setzt wieder ihren alten ruhigen Klang fort, Otep flüstert die Worte wieder sanft ins Mikrophon und beendet so diesen Track. Ganz großes Songwriting.

„Hooks and splitters“ beginnt nach dieser Ruhephase dann fast schon klassisch mit harten Gitarrenriffs und lauten Vocals. Der kommende Track „Gutter“ ist dann eine Art „Hörspiel“ in der Shamaya in knapp einer Minute von einem Traum erzählt, bevor es einen flüssigen Übergang zum nächsten Song „Autopsy song“ gibt, welcher abermals seine Dynamik sehr langsam aufbaut, diese aber dann am Ende wie durch ein Ventil mit geballert Kraft wieder ablässt. Ähnlich wie „Gutter“ ist auch das folgende Lied „Suicide tree“ eine Art Hörspiel. Über knapp vier Minuten erzählt Shamaya scheinbar aus ihren Leben, ihren Enttäuschungen und Rückschlägen, bis der Song wieder Druck aufbaut und ihn am Ende plötzlich abbaut. „Nein“ scheint dann noch zu „Suicide tree“ zu gehören, da der dort so plötzlich abgebaute Druck hier wieder aufbereitet und dann ordentlich abgelassen wird. „Self-Made“ bietet dann wieder „normale“ Hörkost: Hart aber heftig gehen hier Drums, Shouts und Gitarre zu werke, bevor im letzten Song „Shattered pieces“ Shamaya nur mit Gitarre und einigen Samples unterlegt, den Hörer noch einmal in ihre kaputte Welt zerrt um ihn mit den Worten „I am an emotional nightmare (...) You're listening” in seiner eigenen Welt zurückzulassen.

Nach dem „Genuss“ dieser CD muss sich der Hörer erst einmal entspannen. Was er gerade gehört hat, war nicht nur Musik, es war Kopfkino. Klar, die Art des Songwritings wird nicht jedem gefallen, doch wer sich darauf einlässt, wird definitiv eines der innovativsten Alben der letzten Jahre im Genre hören, insofern man die Band in eine Genre-Schublade stecken kann. Eins sei aber definitiv gesagt: Diese Scheibe ist keine, die man mal eben so anhört, weil man gerade Lust darauf hat. Das Haus der Geheimnisse ist kein Haus, in dem man sich wohl fühlt. Es ist ein Haus, welches man nur betreten sollte, wenn man sich auf die unangenehme Atmosphäre der CD einlässt und tief in die Psyche von Otep eindringen will.

Anspieltipps:

  • House of secrets
  • Hooks & Splitters
  • Buried Alive
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