Cursive - Happy Hollow - Cover
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Cursive Happy Hollow


  • Label: Saddle Creek/INDIGO
  • Laufzeit: 45 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Durchgedrehte an den Drums, Geisteskranke an der Gitarre, Tolle an den Trompeten. Als ob Georg Büchners Lenz die Lust am Wandern verloren und sich statt dessen aufs Komponieren verlegt hätte - so klingen die vierzehn Songs auf „Happy Hollow“, dem neuen Album von Cursive. Komplizierte und unvorhersehbare Kompositionen machen das neue Werk von Tim Kasher zwar interessant, aber stellenweise schwer zugänglich. Wer diese Herausforderung nicht zu schätzen weiß, sollte die Finger von „Happy Hollow“ lassen.

„Schief wie kursiv“ könnte der deutsche Titel des Albums der amerikanischen Indie-Band sein. Kein Stück, in dem die Dissonanzen sich nicht aneinander reihen wie Perlen auf einer Schnur. Nicht alle sind rund, viele eckig, manche spitz wie Speere, die sich in den blanken Hals des Hörers bohren: Überraschende Breaks („Dorothy dreams of tornados“), der „Big bang“ mit seinem lähmenden, sich dahin schleppenden Intro, blitzartig hohes Ska-Tempo – „Happy Hollow“ ist alles andere als entspannend. Lange unterdrückte Krankheiten graben sich an die Oberfläche, brechen aus. Lärm ist das Stilmittel des 45-minütigen Konzept-Albums. Schrille Off-Beat Trompeten sind ein gern wiederholtes Thema der seelisch-verstörenden Sinfonie. Der Sound hat in seiner Dramatik etwas theaterhaft Übersteigertes. Die Themen der Text-Ebene ergänzen die Stimmung perfekt: Die Religion, die Oberflächlichkeit, die Ausweglosigkeit in amerikanischen Vorstädten. Die Ausnahmen von der Regel: „Bad sects“ hat eine Melodie mit weniger Missklängen. Dem Pop am nächsten steht „Into the fold“, das besonders durch teils weibliche Vocals eine angenehmere Atmosphäre schafft.

Dann geht’s wieder zurück in die musikalische Geisterbahn, wie der Anfang von „At Conception“ deutlich macht: Nackenhaare stellen sich auf, Zombies und tote Gliedmaßen springen ruckartig aus ihren Verstecken hervor, im Takt der tosenden Atonalität. Je länger die Fahrt dauert, desto mehr nutzt sich die schreckliche Schönheit ab. Hinter jeder Ecke wartet eine neue alte Absurdität. Dessen ist man sich spätestens bei „The sunks“, auf der Hälfte des Albums, sicher. Ein schönes Detail: Zwei Songs beziehen sich auf eine gewisse Dorothy. Mittlerweile ist sie 40 Jahre alt und träumt nur noch von Tornados: Denn „Nirgends ist es so schön wie daheim!“ Die kleine Dorothy mit den roten Schuhen aus dem „Wizard of Oz“ ist wohl genauso in die Jahre gekommen, wie der „American way of Life“ und die Anziehungskraft ihrer ach so schönen Heimat Kansas.

Fazit: Die Atonalität ist das Ass im Ärmel von Cursive. „Happy Hollow“ ist mehr Inszenierung als Musik zum konsumieren. Zum nebenbei hören keinesfalls geeignet. Die komplizierten Kompositionen sind zwar interessant anzuhören, aber das Interesse am Art Rock von Cursive flacht doch zu schnell ab, um ein echtes Meisterwerk zu sein.

Anspieltipps:

  • Big bang
  • Into the fold
  • Dorothy at forty
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