Tom Waits - Orphans: Brawlers, Bawlers And Bastards - Cover
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Tom Waits Orphans: Brawlers, Bawlers And Bastards


  • Label: Anti Records/SPV
  • Laufzeit: 190 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Wo jüngere Künstler in diesen Tagen mit mühsam zusammengestückelten „Best Of“-CDs um die Gunst des Käufers im vorweihnachtlichen Geschäft buhlen, haut ein gestandener Veteran wie Tom Waits mal eben 54 Songs (in der Pressemappe steht etwas von 56 Songs, was in einigen Reviews ungeprüft übernommen wurde. Kleiner Tipp: Einfach mal selbst nachzählen...) auf drei CDs raus, von denen satte 30 Stück bisher unveröffentlicht sind. Da hat der geneigte Hörer richtig was zu tun, bis er alle Lieder und das 94-seitige Booklet in sich aufgesogen hat. Solange überlebt garantiert kein Weihnachtsbaum im gut beheizten deutschen Wohnzimmer.

Diese opulente Box, genannt „Orphans“, wurde mit Überbleibseln und Raritäten gespickt, die Tom Waits in seiner ganzen künstlerischen Bandbreite zeigen, andere Musiker aber wahrscheinlich nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden. Dabei ist Mr. Waits gar nicht so extrem, wie viele immer denken. Dennoch gehört das Ausloten von Grenzen und kindliche Experimentierfreude seit jeher zu den Markenzeichen des 57-Jährigen. Das bedeutet, dass Waits seine teilweise arg surrealen Geschichten auch auf „Orphans“ in Form von Röhren, Flüstern, Keifen, Gurgeln und Schreien vorträgt und in verschiedenste musikalische Gewänder steckt. Der Meister selbst sagt dazu: „Orphans are rough and tender tunes. Rhumbas about mermaids, shuffles about trainwrecks, tarantellas about insects, madrigrals about drowning. Scared, mean orphan songs of rapture and melancholy. Songs that grew up hard. Songs of dubious origin rescued from cruel fate“.

Bei 20 Alben in 30 Jahren bleibt einiges liegen. Da ist so ein Box-Set sicher eine gute Idee, um mal richtig aufzuräumen. Dazu wird hinter und auf Schränken gesucht und im Keller in alte Kisten geschaut. Am Ende des Tages ist das Erstaunen dann umso größer, wie viele Schätze zutage gefördert wurden. Jetzt fehlt nur noch ein Ordnungssystem und aus der ganzen Aktion wird ein Schuh. Beim Tom Waits funktioniert das mit drei konzeptionell gegliederten Alben, die alle einen eigenen Titel bekamen. So ist „Brawlers” kurz gesagt ein räudiges Bluesalbum („A chock full of raucous blues and full-throated juke joint stomp”), während sich auf „Bawlers” „Celtic and country ballads, waltzes, lullabies, piano and classic lyrical Waits’ songs” befinden. „Bastards” versammelt abschließend nach dem Ermessen des Künstlers „Experimental music and strange tales” – und das soll schon was heißen, wenn Waits persönlich von Experimenten und verrückten Geschichten spricht.

Doch „Orphans“ hat nicht nur vermeintliches Hardcore-Material zu bieten. Es gibt auch Songs zu entdecken, die ursprünglich für Film- und Theaterprojekte eingespielt wurden sowie Interpretationen von Liedern, die aus der Feder fremder Künstler stammen. Zum Beispiel von Daniel Johnston, Kurt Weill, Bertolt Brecht, Leadbelly, Sparklehorse, Charles Bukowski, Jack Kerouac und den Ramones. Dabei stellt sich „Bawlers“ als das zugänglichste Teilstück der Songsammlung dar, da Waits hier deutlich gemäßigter zuwerke geht und den kauzigen Balladenonkel gibt.

Mit diesen 190 Minuten Musik macht Tom Waits seinen Fans ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk, auch wenn die 54 Songs stilistisch keine Überraschungen bieten. Doch auch wenn Waits klingt wie er immer klingt, gibt es jede Menge zu entdecken und positiv zu verbuchen: Garagen-Blues, Rock’n’Roll, Swing, Country und Jazz wird zu einer virtuosen, moll-getränkten Melange verbunden, die sich kein Fan entgehen lassen darf.

Anspieltipps:

  • Little man
  • Low down
  • All the time
  • Long way home
  • Goodnight Irene
  • Bottom of the world
  • World keeps turning
  • Lord I’ve been changed
  • Bend down the branches
  • The return of Jackie and Judy
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