Lily Allen - Alright, Still - Cover
Große Ansicht

Lily Allen Alright, Still


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 37 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Es ist beileibe keine fröhliche Welt, die Englands neues Popsternchen mit „Alright, still“ ob der verspielten Ska-, Reggae-, Dub- und R&B-Tunes vorgelegt hat.

Im Web 2.0 treibt sich mittlerweile viel Klatsch, Tratsch und Hype herum, den man als normaler Mensch gar nicht mehr überblicken und in all seinen Dimensionen erfassen kann. Entgegen der Annahme, dass die schicksalsgebeutelte Musikindustrie diesen Tummelplatz der Extrovertierten für ihre eigenen Zwecke nutzt und so möglichst schnell ausschließlich massentaugliche und konservative Künstler und Bands unter Vertrag nimmt, ist es natürlich erfreulich doch von so manchem Musiker zu hören, der sich komplett dem Image des braven Vorstädters mit Einfamilienhaus entzieht und gerade deswegen ein riesengroßes mediales Interesse entfacht. Die Rede ist von Lily Allen, die sich als zuckersüßes „Postergirl der MySpace-Generation“ durch ihr loses Mundwerk (sie zieht gelegentlich sehr direkt und offen über Kollegen her), mehreren Drogen- und Alkoholeskapaden, sowie der reggaeinfizierten Popsingle „Smile“ bereits einen Namen gemacht hat und nun mit gerade einmal 21 Jahren das am heißesten herbeigesehnte Popalbum des Sommers 2006 vorlegt.

Wie nicht anders zu erwarten pendelt die fleischgewordene Dualität jedoch nicht nur im realen Leben zwischen rotzfrech und herzallerliebst, auch „Alright, still“ lebt von seinen herrlichen Kontrasten, die sich in kariesfördernde Popstrukturen mit bitterböser Lyrik und sarkastischer Schlagseite bemerkbar machen. Im Klartext bedeutet das einer Mischung aus The Streets und den Sugababes beizuwohnen, die aber alles andere als konstruiert klingt, sondern dass die kleinen Geschichten, die Mrs. Allen dem Hörer präsentiert, schlicht und ergreifend eine zweckmäßige und leicht verdauliche Verpackung spendiert bekommen haben, welche wunderbar mit den zynischen Bemerkungen und Untertönen der Britin einhergehen. Allein die Ska-Trompeten in „LDN“ oder die beschwingte Klaviermelodie und Perkussion in „Knock ´em out“ fügen sich dermaßen selbstverständlich dem Sprachwitz und den expliziten Äußerungen, dass die scheinbar oberflächlichen Girlgroup-Handclaps und R&B-Versatzstücke die in weiterer Folge auf der Platte angewendet werden, aus ihrem ursprünglichen Umfeld gerissen, eine ganz andere Dynamik und Wirkung erzielen.

Doch damit nicht genug. Hat sich „Alright, still“ nämlich erst einmal im CD-Player festgesetzt, lässt es einen vor allem wegen seiner schonungslosen Beobachtungsgabe nicht mehr so schnell los. Allen weiß nämlich über einiges zu berichten oder hat mit dem einen oder anderen Ex-Freund noch offene Rechnungen zu begleichen. Wenn Lily mit ihrem Debüt erreichen wollte, dass fortan jeder wissen soll, das mit ihr nicht zu spaßen ist, dann hat sie das erreicht. Besonders vortrefflich wird dieses Vorhaben in „Knock ´em out“, „Not big“ und „Alfie“ demonstriert, wo sie lästige Anmachsprüche kontert („Can´t knock ´em out, can´t walk away / Try desperately to think of the politest way to say / Just get out my face, just leave me alone / And no you can´t have my number / Why? / ´Cause I´ve lost my phone”), dem ehemaligen Lover eins auswischt („Let´s see how you feel in a couple of weeks / When I work my way through your mates”) oder im Polka-Takt über die Präferenzen ihres Bruders singt („Ooh deary me, my little brother´s in his bedroom smoking weed / I tell him he should get up cos it´s nearly half past three / He can´t be bothered cos he´s high on THC”).

Das zweite Gesicht von Lily Allens Debüt lässt zwar aufgrund der vordergründig ebenso charmanten wie bissigen Art aufhorchen, ist bei näherer Betrachtung aber eine schonungslose Schilderung der Befindlichkeiten ihrer selbst („Smile“, „Everything´s just wonderful“, „Littlest things“), anderer („Friend of mine“) oder der Großstadtmetropole London, der sie mit „LDN“ einen Spiegel vorhält, wenn sie bei einem kleinen Spaziergang durch die Hauptstadt einem „pimp and his crack whore“ über den Weg läuft oder dabei zusieht, wie eine alte Dame wegen „her jewellery and wallet“ unter dem Vorwand ihr über die Straße zu helfen niedergeschlagen wird. Es ist beileibe keine fröhliche Welt, die Englands neues Popsternchen mit „Alright, still“ ob der verspielten Ska-, Reggae-, Dub- und R&B-Tunes vorgelegt hat. Doch gerade wegen dieser hemmungslosen Unberechenbarkeit ist das Debüt der 21-Jährigen eine Platte, die einerseits zum Schmunzeln anregt um auf der anderen Seite ebenso stark in Melancholie umzuschlagen und ein derartiger Kontrast hat schon immer gute Popalben ausgemacht.

Anspieltipps:

  • Alfie
  • Smile
  • Not Big
  • Littlest Things
  • Knock ´em Out

Neue Kritiken im Genre „Pop“
Diskutiere über „Lily Allen“
comments powered by Disqus