ClickClickDecker - Nichts Für Ungut - Cover
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ClickClickDecker Nichts Für Ungut


  • Label: Audiolith/Broken Silence
  • Laufzeit: 50 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Nie war Click, wie ihn seine Fans und er sich selbst nennt, besser, kreativer, großartiger, als auf seiner regulären zweiten Platte.

Radikal untergliedert, lassen sich Künstler in zwei Spalten einteilen. Da wären einmal die Musikliebhaber, die Thees Uhlmanns und Ryan Adams’ dieser Welt, die es makellos schaffen, einen großartigen Moment zu rezitieren, zu variieren, vielleicht sogar zu verstärken, aber sie sind halt nur die Interpreten großartiger Ideen. Die Schöpfer dieser Ideen, und damit sind wir in der zweiten Spalte, sind die eigentlichen Genies, wie zum Beispiel John K. von den Weakerthans, dessen Genialität dem geneigten Hörer leider immer erst recht spät auffällt. Zu dieser Spalte gehört auch Kevin Hamann, besser bekannt als ClickClickDecker. Bereits das erste Album „Ich habe keine Angst vor...“ war ein kleiner Meilenstein, denn niemand schreibt so zerbrechlich, aber hassende Texte wie „Bitte nicht nachmachen“, unkitschige Liebeslieder („Mit ohne“) und verreißt die halbe Hamburger Indieszene („Wer erklärt mir jetzt wie das hier funktioniert“) wie Hamann. Problem des Debütalbums war zum einen die leicht überproduzierten Arrangements der Songs und die Angst, dass der Künstler, der dieses Album als „Best Of“ der letzten Jahre bezeichnet, das Niveau bei der zweiten Platte nicht halten kann.

„Nichts für Ungut“ heißt nun die neue Platte, und zerschlägt die Kritikpunkte und Ängste des ersten Albums ohne sich anstrengen zu müssen. Nie war Click, wie ihn seine Fans und er sich selbst nennt, besser, kreativer, großartiger, als auf seiner regulären zweiten Platte. Wie schon auf dem Debütalbum liegt das Hauptaugenmerk erst einmal auf den Titeln der Songs. „Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt“ und „Niemand tanzt so kacke wie ich“ sind die großen Schenkelklopfer, aber auch „Die Suppe schmeckt auch kalt“ und „Der ganze halbe Liter“ veranlassen zum Lächeln. Hört man in die Songs rein, vergeht das Lächeln, schnell wird einem klar, hier singt niemand, um Leute zu unterhalten, hier benutzt jemand Musik als Ventil. „Sag mir was ich tun muss, wie fühlt man mit dir, das hier ist kein Spaß mehr, es passiert vor meiner Tür. Und wenn ich dich dann frage und du die Antwort inne hältst, brauchst mir nichts mehr erklären, das erübrigt sich von selbst.“ („Die Suppe schmeckt auch kalt“) Das Album beginnt mit dem bereits erwähnten „Niemand tanzt so kacke wie ich“ und einem Anfang, der leicht an „The Shining“ von Badly Drawn Boy erinnert. Ein guter Opener, der auch gleich die Frage, die sich durchs gesamte Album offenbart, was man schon damals beim ersten Durchhören des ersten Kettcar-Albums dachte, stellt, nämlich: Schöne Worte, aber was bedeuten sie? Vielleicht lässt es sich mit der Gänsehautzeile sagen bei der man spätestens ClickClickDecker angefangen hat zu lieben: „Irgendwie mag ich das Rauschen dieser ekelhaften Stadt, in der ich an dieses Mädchen mein Herz verloren hab.“ Genau das ist die Zeile, warum viele Menschen wieder anfangen werden, Musik zu machen und Musik zu lieben, weil so viel mehr drin steckt, als man zunächst rausbekommt.

Die Single, die mit einem wunderbar kleinen Video daherkommt, „Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt“ zieht den Faden weiter. Die Erinnerungen an Nächte in schlechten Diskos mit mieser Musik ziehen sich durch das Lied und übertönen es sogar bis zum Refrain. Die bereits süchtige Fangemeinde des ClickClickDecker durfte bereits auf dem Sampler der Firma „Audiolith“ das Wunderwerk begutachten, später auch auf myspace runterladen. So gut wie alle anderen Songs des Albums konnte man ebenfalls auf myspace anhören, was erklärt, warum einem das Album beim ersten Durchhören schon so vertraut vorkommt, ist es gar nicht, ist nur Show. Zwischen den genialen „Was im Abfluss so hängt“ und „Die Suppe schmeckt auch kalt“ liegt der einzige Song, „Zurecht ungerecht“, der nicht nach Genie schreit, dafür ungemein chillig erscheint, dass man sich freut, dass man mal durchatmen kann. Und plötzlich ist man gerührt von schönen Gitarren- und Mundharmonikamelodien.

„Der ganze halbe Liter“ und „Sozialer Brennpunkt ich“, sowie „Die Suppe schmeckt auch kalt“, konnte man bereits auf der von Hamann betriebenen Live-CD „Hab nur zwei Gästeplätze“, das ungerechterweise nicht mehr lieferbar ist, hören. Hier zeigen sich auch die deutlichen Unterschiede zwischen einem ClickClickDecker, der ein neues Album besingt, und einem der live spielt: Ist alles auf dem Album noch recht brav und schön gesungen, nehmen die Emotionen auf der Bühne Überhand, es wird so schön geschrieen und hineingefühlt, wie es wohl sonst nur ein Connor Oberst schafft, so dass Gänsehaut garantiert ist. Mit „Wenn man alles verliert“ feuert Click wohl seinen besten Songs ab. Anfangs etwas zu lo-fi-klingend baut es sich mit stilvoller Gitarre und schönen Basslauf zum wunderbaren, mit Bläsern unterstützenden Refrain, auf dem Kevin mit rauer Stimme „Bin grob gehobelt, doch bemüht wie die Pest, kommt halt immer drauf an, was man sich einreden lässt, schauste hin, schauste weg, Hauptsache nicht zu mir rüber, das mit dem Messer das bin ich und ich sitz dir gegenüber.“ Dagegen beruhigt nur der Schlusstrack „Aus der Notaufnahme“ mit vibrierenden Herzschlag, der gegen Ende stehen bleibt und Kevin singt mit weichem T „die Augen endlich aufgemacht, in der Notaufnahme um Mitternacht“, kurz bevor ein Akkordeon einsetzt und die letzten Melodien verklingen und man weiß, das ein großartiges Album still geworden ist. Eines der wenigen Alben, die es wohl wirklich schaffen werden, Menschenleben zu retten und zu verändern.

Und Kevin Hamann schaut dazu wie schon auf dem Cover zum Debütalbum über die Hochhäuser der Großstadt und irgendwer bekommt heut Nacht noch die SMS „Hab die neue Click, freu dich auf’n schönen Abend auf’m Balkon mit Rotwein und Zigaretten.“

Anspieltipps:

  • Niemand tanzt so kacke wie ich
  • Wenn man alles verliert
  • Der ganze halbe Liter
  • Was im Abfluss so hängt
  • Immerhin beabsichtigt
  • Aus der Notaufnahme
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