My Chemical Romance - The Black Parade - Cover
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My Chemical Romance The Black Parade


  • Label: Reprise/WEA
  • Laufzeit: 52 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Die fünf Amerikaner hantieren ein weiteres Mal mit Vergänglichkeit, Tod und Trauer.

Wer erst mit seinem zweiten Werk auf der Poplandkarte erscheint und dazu noch mit einem Knall, der sich gewaschen hat, dann sind die Erwartungen dementsprechend groß. Das Debüt von My Chemical Romance „I brought you my bullets, you brought me your love“ (2002) war gerade einmal mit der Single “Honey, this mirror isn't big enough for the two of us” in den britischen Charts in den hinteren Rängen vertreten und selbst das nicht besonders lang. Als dann nach einer Tour mit Avenged Sevenfold „Three cheers for sweet revenge“ (2004) erschien, überschlugen sich die Ereignisse. Die erste Auskoppelung „I´m not okay“ wurde sowohl in Amerika als auch in Europa ein Riesenhit und enterte problemlos die Hitparaden.

Durch die Freundschaft von Sänger Gerard Way zu Bert McCracken von The Used war das Album hardcorelastiger ausgerichtet, unterschied sich vom Vorgänger jedoch dadurch, dass es sich wesentlich geordneter gebärdete, wenn auch der Wahnsinn in Form von irren Rhythmuswechseln in den 13 Stücken erbarmungslos auf den Hörer einschlug. Letzten Endes verkaufte sich das Album bis dato über 2 Millionen Mal und erreichte Platin in den Vereinigten Staaten. Als Dankeschön veröffentlichten Gerard Way (Gesang), Ray Toro (Gitarre), Mikey Way (Bass), Frank Iero (Gitarre) und Bob Bryar (Schlagzeug) im März diesen Jahres das 2DVD/CD-Paket „Life on the murder scene“, das mit Einblicken und Zusatzmaterial, verteilt auf 284 Minuten, nur so um sich warf und ein dementsprechend willkommenes Fangimmick darstellte.

Als im gleichen Atemzug erste Details zum Nachfolger offenbart wurden, der „The rise and fall of My Chemical Romance“ heißen sollte, kochte die Euphorie über. Mutmaßungen über die Entwicklung der Band wurden angestellt und Prognosen abgeliefert, die mit dem Endprodukt, das nun doch „The black parade“ getauft wurde, nicht viel gemeinsam hatten, diese musikalische Ausrichtung hatten die wenigsten erwartet. Als Produzent schnappten sich die Jungs Rob Cavallo (Green Day, Jewel, Goo Goo Dolls) und setzten Howard Benson (Papa Roach, P.O.D., Hoobastank), der für den Vorgänger verantwortlich war, vor die Tür. Ein Umstand, der sich wohl durch den Platz als Vorgruppe für den Punkrock-Dreier Green Day erklären lässt, den sie auf deren „American Idiot“-Tour begleiten durften.

Im Prinzip konnte es der aus Newark stammenden Truppe nicht schnell genug gehen, wie Bassist Way mit den Worten „Obwohl „Three cheers for sweet revenge“ noch gar nicht so lange draußen ist, konnten wir es kaum erwarten, Album Nr. 3 aufzunehmen,“ erklärt. Trotzdem ist „The black parade“ für My Chemical Romance viel mehr als nur der Nachschlag zu ihrem äußerst erfolgreichen zweiten Output, denn Sänger Gerard verarbeitete damit ein Kindheitstrauma: „Ich wurde sehr katholisch erzogen, weshalb ich als Kind panische Angst hatte zu sterben, in die Hölle zu kommen, überhaupt nur den Mund aufzumachen. Ich wollte wissen, warum man mir so viel Angst eingejagt hat. Dieses Album hat mir geholfen, das alles zu überwinden. Ich bin viel erwachsener geworden. Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod.“

Dadurch hantieren die fünf Amerikaner ein weiteres Mal mit Vergänglichkeit, Tod und Trauer und lassen im Opener „The end“ das Piepsen eines EKGs ertönen, was in etwa die Situation des Videos zur ersten Auskoppelung „Welcome to the black parade“ wiederspiegelt. Nach einigen Momenten, in denen Gerard ergriffen und pathetisch nur von einer Akustikgitarre begleitet wird, bricht plötzlich das komplette Instrumentarium der Band aus den Boxen und leitet beinahe nahtlos zu „Dead!“ über, das die lautstarke Eruption weiterspinnt. In Manier des Vorgängers geht es mit krachenden Gitarren in „This is how I disappear“ weiter, „The sharpest lives“ wird mit einem feststeckenden Beat-Sample verfeinert und präsentiert sich vor allem im Refrain besonders eingängig. Danach folgt „Welcome to the black parade“, das nicht nur aufgrund der Länge und des Titels das Herzstück des Albums ist, sondern auch durch den stimmigen Aufbau und den perfekten Spannungsbogen ein Kandidat für die häufige Verwendung der Repeat-Taste ist. Geradlinig geht es im alternativ rockenden „I don´t love you“ weiter, bevor mit „House of wolves“ und „Mama“ zwei sowohl stimmungsvolle als auch einwandfrei arrangierte Stücke am Start sind, die qualitativ in der obersten Liga des Pathos-Pop/Rock spielen und durch verschiedenste Färbungen und bei letzterem durch die Verwendung einer Gypsy Kings-Gitarre ebenfalls zu den Höhepunkten zählen.

Eher vernachlässigbar ist die Ballade „Cancer“ und das erst gegen Schluss in „Three cheers for sweet revenge“-Gefilde ausbrechende „Sleep“, das sich vom stinknormalen Rocksong „Teenagers“ ablösen lässt, der selbst nach mehrmaligem Genuss zu Fraglosigkeit führt, würde man so etwas schließlich eher von Lynyrd Skynyrd denn von My Chemical Romance erwarten. Dafür vereint „Disenchanted“ und „Famous last words“ alle Trademarks der Band, obwohl das Tempo und die Durchgeknalltheit hinten an gestellt wurde und bei ersteren nur ein reinrassiger Poprocker mit balladesken Untertönen herausgekommen ist.

Es ist wie es ist. „The black parade“ glänzt im Vergleich zum 2004er Werk vorrangig mit Gelassenheit, die Grenzen sind klar definiert, unerwartete oder plötzliche Peaks, Ausbrüche im Klanggebilde gibt es wenige, und wenn, dann wird so gut wie jedes Mal auf den musikalischen Orgasmus hingearbeitet, bis der große Knall kommt und den Hörer in den Sog der Instrumente mit einbezieht. Dafür ist der leidende Unterton in Gerard Ways Stimme, der noch auf „Three cheers for sweet revenge“ vorherrschte, präziserer Arbeit an den Instrumenten und klar gesungenen Linien gewichen. Wo im Video zu „Helena“ noch eine Beerdigungsprozession das düstere Szenario darstellen und unterstützen musste, so ist z.B. der Titeltrack an sich schon ein fein ausgearbeiteter Akt im bombastischen Dramaspiel „The black parade“.

Die feinere Abstimmung auf dem dritten Werk stellt eine enorme Weiterentwicklung dar, trotzdem trüben Fehlgriffe wie „Teenagers“, das sich dem ansonsten gut durchdachten Spannungsbogen völlig entsagt, und Durchschnittstracks wie „Disenchanted“ oder „Cancer“ das Vergnügen, das die dritte Schöpfung der fünf Jungs in seinen Grundzügen eigentlich geworden ist. „Wir wollen neue Maßstäbe setzen – mit einem Album, das in keine Schublade passt und die Leute einfach umhaut“ erklärt Sänger Gerard. Schade, dass es mit dem Umhauen doch nicht ganz geklappt hat.

Anspieltipps:

  • Mama
  • House Of Wolves
  • The Sharpest Lives
  • Welcome To The Black Parade
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