Olli Schulz Und Der Hund Marie - Warten Auf den Bumerang - Cover
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Olli Schulz Und Der Hund Marie Warten Auf den Bumerang


  • Label: Labels/EMI
  • Laufzeit: 33 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Joachim Ringelnatz schrieb „Es war einmal ein Bumerang. War ein weniges lang. Bumerang flog ein Stück. Aber kam nicht mehr zurück. Publikum – noch stundenlang -, wartete auf Bumerang.“ und so lautet auch die erste Assoziation, die man hat, wenn man das neue Album von Olli Schulz in den Händen hält. Ein lustiger Titel, der, wenn man mal einen Moment darüber nachdenkt, doch sehr traurig, im Grunde sogar melancholisch rüberkommt. Ist Olli Schulz erwachsen geworden? Ernster? – Nein! Wer sich diese Frage stellt, kennt Olli Schulz nicht.

Bereits auf seinem ersten Album „Brichst du mir das Herz, brech ich dir die Beine“ ist Melancholie das zentrale Thema. Sei es die Freundin, die sich nicht traut den nächsten Schritt mitzugehen („Küss mich schnell bevor du platzt“), oder die zerbrochene Beziehung, an die man doch gerne zurückdenkt („Weil die Zeit sich so beeilt“). Klar sind die Lieder oberflächlich betrachtet lustige Spaßlieder, doch wenn man tiefer in die Songs reinblickt, zeigt sich, dass sie auch unter die Haut gehen. Mit dem zweiten Album „Das beige Album“ richtet sich Olli Schulz mehr den ernsten Dingen zu („Der Film beginnt“, „Schon lange was defekt“), trennt die lustigen Themen und ernsten Themen voneinander und schafft damit einen gelungenen Mix aus Comedy und Singer-Songwritertum mit dem gewissen Blick auf die großen Momente in der Musik und für die Geschichten, die aus den Menschen heraussprudeln. Olli Schulz bestreitet damit eine Entwicklung, die er auf seinem neuen Album „Warten auf den Bumerang“ vollkommen ausleben kann. Weniger Comedy, mehr Gänsehaut, schöne Geschichten und tolle Texte bietet der Mann mit seinem Hund Marie und hat dabei noch eine musikalisch gute Platte abgeliefert.

Um soweit zu kommen, musste Olli Schulz einiges zurücklassen, zum Beispiel das Hamburger Plattenlabel „Grand Hotel van Cleef“, das dieses Album in der Form nicht finanzieren konnte. Da kam der Deal von der Major-Plattenfirma Labels (u.a. Wir sind Helden, Kante) gerade recht. Mit einer zufriedenen, aber aufgeregten Stimme erzählt er auf seiner Akustik-Tour im Sommer 2006 „Liner Notes und anderer Quatsch“, dass er endlich seine Songs im Studio aufnehmen konnte und nicht bei Swen Meyer im Badezimmer. Dass er endlich mal alle für ihre Arbeit bezahlen konnte und dass er eine Bandplatte aufnehmen konnte inklusive polnischem Orchester und Backgroundsängerin. Dementsprechend schwer ist auch der Einstieg in das Album. Früheres Lo-Fi wird durch fett produzierte Musik ausgetauscht, wo das Schlagzeug schön deutlich durch die Gegend stampft und der Bass seine schöne Linien durchläuft, die niemals untergehen. Olli Schulz selber zeigt sich nun als großer Geschichtenerzähler mit den einführenden Worten „Wo sie herkommt wächst kein Gras mehr und ihre Zeit ist chronisch knapp. All die Menschen haben Geschichten, aber keiner holt sie ab. – Doch, einer holt sie ab“ („In Jede Richtung“).

Das darauf folgende „Wenn die Music nicht so laut wär“ entpuppt sich schon als erstes großes Highlight mit einem Liebeslied aus der Sicht des Liedes. Im Refrain dürfen Mark Tavassol und Pola Roy (beide „Wir sind Helden“) und Arnim Teutoburg-Weirss (Sänger von den Beatsteaks) den Chor unterstützen. Ein Song, zu dem man gut tanzen kann, der aber auch gleichzeitig unter die Haut geht. „Unsichtbarer Vogel“ hingegen liefert nur die Gänsehaut-Momente und einen schönen Text, darüber, dass man über jemanden wacht, den man liebt, und auf sie aufpasst. So schöne Texte kann man nur in seiner Muttersprache schreiben.

„Schritt für Schritt“, ein Lied darüber, dass man nicht immer auf einer Wellenlänge sein muss, um ineinander verliebt zu sein, überrascht vor allem damit, dass das „neue“ Bandmitglied Dennis Becker (Tomte, Marr, Le Gabel) bereits genauso schöne und einfache Melodien zaubert, wie Max „Der Hund Marie“ Schröder. Die erste Single „Rückspiegel“, das Glanzstück des Albums, hat alles was man an Olli Schulz kennt und liebt. Ein großartiger Text mit Gänsehaut-Momenten und liedfüllende Gitarrenmelodien sind das Grundgerüst und münden in trauriger Melancholie. Eigentlich sollte das Lied schon auf „Das beige Album“, doch Olli Schulz sah die Gefahr, dass er zu viele Autofahrlieder hintereinander veröffentlicht, weil ja auf dem Album zuvor schon „Unten mit dem King“ war.

Selbst in dem ersten elektronischen Lied von Olli Schulz „Keiner hier bewegt sich (Wir fallen)“ ist die Melancholie spürbar, wenn nur noch die Flächen am Ende zu hören sind und Co-Produzent Ben Lauber seine Klavierakkorde spielt. Das Lied selbst ist ein Duett zwischen Schulz und dem Hund Marie. Max Schröder darf, möchte und sollte sich stimmlich mehr in den Vordergrund stellen. Nach seinem Ausflug auf die Soloplatte „Hooligans & Tiny Hands“ singt er nun neben dem Duett auch eine Strophe in „Medizin“ und meistert das erwartungsgemäß gut. Die größten Unterschiede zu den vorigen Alben zeigen sich in den letzten Liedern. „Wenn das Leben beißt“ wurde bereits vom GHvC-Label im Sommer veröffentlich, als 2-Track-Single mit „Du hast da was“. Die neue Version bietet nun ein komplettes Orchester, das die Gitarrenmelodien von Schröder ersetzt. Die Swing-Nummer „Was macht man bloß mit diesem Jungen“ dagegen ist komplettes Neuland, es wird gepfiffen, Melodien geträllert, swingende Bassläufe und alles was dazugehört. Swing im Mainstream und Olli Schulz singt über einen Jungen, der verliebt ist.

Die wahre Größe zeigt Schulz aber erst mit „Armer Vater“, eine Ballade über Väter, die nichts mit ihren Kindern zutun haben möchten. Plötzlich trägt der Wahl-Berliner nicht mehr die Spaßfahne, sondern die Ernsthaftigkeit eines Damien Rice. Guter Vergleich, denn der Stil des Iren steht Pate bei diesem Meisterwerk. So zupft Schulz zunächst nur die Gitarre, wird im ersten Refrain von einem Cello begleitet. Im zweiten Refrain darf dann Judith Holofernes (Wir sind Helden) den bemerkenswerten Background singen. Ein Lied, das noch Tage später für Gänsehaut sorgt. Doch den Spaß lässt sich Olli Schulz nicht ganz nehmen und so beendet er sein bisher ernsthaftestes (& vielleicht bestes) Album mit „Kleine Meise, großes Herz“, einem Lied über seine Band, mit Olli Schulz als Pinguin, Dennis Becker als Hühnchen und Max Schröder als Affen, obwohl der eigentlich doch der Hund ist. Der Spaßfaktor des Albums wird allerdings noch erhöht, wenn man versucht die Scheibe auf illegalen Weg runterzuladen. Statt Pornos oder ätzenden Raubkopierspotts erhält man die CD von Olli Schulz’ Alter Ego Bibi Mc Benson. Ein cleverer Schachzug, um wartende Fans nicht zu enttäuschen, aber sie trotzdem dazu zu bringen das Album regulär zu kaufen. Ein wirklich wunderbares Album, das aber erst an Intensität gewinnt, wenn man es ein paar Mal gehört hat.

Anspieltipps:

  • Wenn die Music nicht so laut wär
  • Unsichtbarer Vogel
  • Rückspiegel
  • Armer Vater
  • Kleine Meise, großes Herz
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