Bernd Begemann - Ich Werde Sie Finden - Cover
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Bernd Begemann Ich Werde Sie Finden


  • Label: Begafon/INDIGO
  • Laufzeit: 57 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Die meisten Lieder brauchen einfach zu viel Zeit, damit sich der Hörer überhaupt nur ein bisschen an diesen neuen Begemann-Stil gewöhnen kann.

Man stelle sich vor, man veröffentliche seit 19 Jahren seine Musik auf Tonträgern, die alle so ungefähr 12 bis 21 Titel haben. Wie viele CDs kann man besingen? Bernd Begemann kann 15 besingen und wird dabei nicht müde, seine Qualität konstant zu halten. Das wäre natürlich immer noch einfach, wenn die Qualität auf dem bodenlosen Bohlen- oder Scooter-Niveau liegen würde, aber Bernd Begemann steht weit darüber. Begemann ist es auch, dem man die Gründung der „Hamburger Schule“ zugeschrieben wird. Eine Schule, bei der niemand Mitglied sein möchte, aber alle trotzdem den Oberlehrer verehren. Und Bernd Begemann ist es auch, der zwar Goldene Schallplatten an den Wänden hängen hat, den aber trotzdem niemand kennt, die Preise ehren seine Lieder, die von Bands wie Echt, die Prinzen und Dieter Thomas Kuhn gecovert wurden.

Und so kommt es nun, dass der Rezensent auf der Suche nach der neuen CD „Ich werde sie finden“ durch die zweitgrößte Stadt Niedersachsens irrt und Sätze hört, wie „Ja, davon haben wir heute eine bekommen. Das ist Comedy, oder?“. Nein, ist es nicht! Im Grunde ist das sogar die unlustigste Bernd-Begemann-Platte. „Ein Pop-Singspiel in vier Aufzügen“ heißt der Untertitel des Albums und teilt die 19 Lieder in die vier Kategorien „Bestimmt woanders“, „Fallgeschwindigkeit“, „Die Anfechtung“ und „Hinter diesen sicheren Zinnen“. Mit „Bestimmt woanders“ leitet Begemann auch gleich seine CD ein. Der Opener „Wir sind fünfzehn“ gilt dabei wie die Rückschau in die Jugendzeit eines Film-Protagonisten. Bernd Begemann beschreibt, wie es ihn schon früher geprägt hat, dass er immer auf der Suche nach der richtigen Partnerin sein wird. Und schon landet man beim Titelstück. Ein Stück so optimistisch, dass man ihm kaum widersprechen mag, dass der idealisierte Partner nicht existiert. In „Flackernder Straßenrand“ macht sich dann zum ersten Mal Produzent Thies Mynther bemerkbar. Stereoversierte Electrosounds prallen auf den Begemann und man weiß nicht, ob das nun gut oder schlecht sein soll. Man fühlt sich so fehl an Platz wie damals bei „Ich komme aus den Hügeln“. Dazu ein Sprechgesang und wenn Bernd Begemann Sprechgesang macht, dann spricht er so, wie man es aus Podcasts und von Konzerten gewohnt ist.

Kontrast dazu bietet „Auf den schwarzen Schwingen der Nacht“, das nur mit Klavier begleitet wird und Begemann sich als Chanson-Sänger versucht und leider zu oft scheitert. Aber gerade das macht das Lied erst interessant. Und so verabschiedet sich der Sänger auch aus dem ersten Teil seines Singspiels, nicht applausfixiert, sondern still und leise. Fallgeschwindigkeit. So heißt der zweite Teil und der Titel sagt schon alles, der Protagonist fällt, wird verlassen („Immer wieder überrascht“), treibt sich rum („Haltlos“), wird aber rechtzeitig in „Irgendwie klappt es mit uns“ aufgefangen, dem wunderschönen Duett mit der Hamburgerin Regy Clasen, das sehr hartnäckige Fans auch schon auf der Paula-Single „Ich vermisse dich“ hören konnten.

Der dritte Teil, die Anfechtungen, beschäftigt sich hingegen mit der Saturierung einer Beziehung, das Unzufriedensein aus Sicht des Unzufriedenen und aus Sicht des betroffenen zufriedenen Gegenstücks („Verschließ dein Herz nicht vor mir“). Während im zweiten Teil Bernd Begemanns Band „Die Befreiung“ mitspielen durfte, wird es im dritten Teil wieder elektronisch-düster („Die Anderen“, „Sie haben dich geschickt um mich zu bestrafen“). Nur „Verschließ dein Herz nicht vor mir“ sticht mit seiner wunderschönen Begleitung einer akustischen Gitarre heraus.
„Hinter diesen sicheren Zinnen“ beschäftigt sich mit dem Stillstand einer Beziehung. Von der hässlichen Einrichtung, die man aber irgendwie kaufen musste, handelt „(Wir sind alle in der) IKEA-Falle“, was ein Klassiker auf Konzerten sein wird und in dem sich jeder, der sich in der letzten Zeit eine neue Wohnung eingerichtet hat, wieder finden kann. Frustrierende Geschichte, der Stilland wird erreicht mit „Unser Sex nach zwei Jahren“, wenn die Beziehung Routine wird und kann nur noch mit „Ein Sportunfall“ getoppt werden, was Bernd Begemann mal als sein schlechtestes Lied bezeichnet hat. Aber weil Begemann seinen cineastischen Blick für das Große nicht verloren hat, zoomt er in „Ich bin Mitteleuropa“ zurück auf das Fluchtlicht, den Rasen, die Straße, die Stadt, die Autobahn, das Land, Mitteleuropa und dann fängt der Abspann an („Wir sind fünfzehn (Reprise)“).

Mit den 46 Sekunden Stille, oder wie Bernd es nennt, „Mit Abstand betrachtet (Instrumental)“, leitet Begemann das letzte Highlight ein, „Ein Vorschlag: Denk an den Weg“ und beendet sein Opus und damit auch eines seiner experimentellsten und vielleicht deshalb schlechteren Alben, wobei das Album nicht schlecht ist, es hat sogar einige der besten Begemann-Songs drauf. Aber die meisten Lieder brauchen einfach zu viel Zeit, damit sich der Hörer überhaupt nur ein bisschen an diesen neuen Begemann-Stil gewöhnen kann. Und diese Zeit weiß man bei diesem umfangreichen Songmaterial des B. Begemann anders zu nutzen.

Anspieltipps:

  • Ich werde sie finden
  • (Wir sind alle in der) IKEA-Falle
  • Ein Vorschlag: Denk an den Weg
  • Verschließ dein Herz nicht vor mir
  • Auf den schwarzen Schwingen der Nacht
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