Damien Rice - 9 - Cover
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Damien Rice 9


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 64 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Damien Rice zieht den Hörer mit seinen Gefühlen und nicht zuletzt mit seiner Ehrlichkeit absolut in den Bann.

Eigentlich heißt das neue Werk passend zum Opener „9 crimes“, aber die (wunderschön) schmerzhafte Wahrheit ist, dass Damien Rice gleich zehn Verbrechen am Herzen des Hörers begeht. Gute zwei Jahre mussten Fans in mittlerweile aller Welt auf das neue Album von Damien Rice warten und es wurde viel spekuliert. Etwa, ob der Irische Songwriter das Niveau halten könne und ob er sich der Kommerzialisierung hingeben würde. Doch wieder wird man von so einem hinreißenden, lieblichen Cover angelächelt. Ein bisschen verrückter und weniger minimalistischer wirkt es, aber es strahlt wieder den Charme des Vorgängers aus.

In den letzten Jahren beglückte Damien Rice viele Tausend Menschen mit seinen gelungenen Live-Auftritten und wer einer der Glücklichen war, diese gesehen zu haben oder sich auf dem neusten Stand hielt, was der gute Mann an neuem Material auf seinen Konzerten spielte, wusste: Mr. Rice hat nicht dauernd nur aufgewärmt, sondern schnell sehr intensiv an neuem Stoff gearbeitet. Wer Damien auf der Bühne kennt, wird wissen, dass der Mann, der das unglaublich ehrliche und traurige „O“ herausgebracht hat, auch ein sehr lustiger Mensch sein kann (war schon auf dem Booklet des Erstlings zu entdecken). Beste Voraussetzungen also, dass Damien Rice mit „9“ wirklich etwas Neues bieten kann.

Letzte Zweifel am vorliegenden Zweitwerk werden mit oben genanntem Opener „9 crimes“ sofort weggewischt. Lisa Hannigans Gesang eröffnet gefühlvoll wie schon auf dem Debüt das neue Album und singt mit Damien Rice über das wohl führende Thema dieses Albums: Der Trennung und wie Damien versteht damit umzugehen. Wunderbar eingängig wird man also begrüßt und dem ein oder anderen wird es schon nach dem Opener schwer fallen, nicht die Repeat-Taste zu drücken. Wer dieser Versuchung wiederstehen kann, erlebt mit „The animals are gone“ wieder den kindlichen Rice, dem es so schwer fällt, seine Liebe auszudrücken, aber eben noch schwerer, diese loszulassen, so wie man es von seinem Meisterwerk „The blower’s daughter“ kennt. Aber der wahre Nachfolger dieses Liedes ist der dritte Song auf „9“. Der freundliche Name „Elephant“ täuscht und erinnert eher an das Emblem der damaligen „B-Sides“-Platte. Hier spielt Rice alle seine Trümpfe aus. Seine Stimme wird bis zum Finale des Liedes nur von der Gitarre, Vyvienne Longs Cello und einem Streicher unterstrichen – und das so zurückhaltend, dass man die Begleitung bis zum Auftakt des Finals beinahe überhört.

Damien Rice zieht den Hörer mit seinen Gefühlen und nicht zuletzt mit seiner Ehrlichkeit absolut in den Bann. Wer sonst würde zugeben, dass er geil auf die Angebetete ist („Cause I'm lately horny; Why should she take me horny?“). Jeder, der eine Trennung hinter sich hat und den Partner nicht vergessen kann, versteht nur zu gut, wovon Rice da singt. Der Finger hat sowieso schon nach wenigen Sekunden den Repeat-Knopf gedrückt. Im Folgenden konzentriert sich die Instrumentalisierung größtenteils auf Damiens Gitarre. Alles hört sich einfacher gestrickt an, als auf „O“, ja, wären dies nicht Stücke von Damien Rice.

Wer das „F-Wort“ so zu verpacken weiß, dass damit Beziehungen zu retten sind und in einem Gitarrenstück so eine wonnige Atmosphäre schafft, dass es einem gegen Ende so unbewusst das Herz zerreißt, so dass man nicht mehr weiß wo man ist, dann ist es wohl ein echter Rice. Insgesamt sind es dieser Gitarrenstücke drei, die einen durch das Herz des Albums führen. Eben das dritte Stück „Coconut skins“ zeigt das erste Mal Damiens wirklich lustige Seite. Die kleinen, aber ach so großen Gefühlsprobleme des Lebens behandelt er mit einer typisch britischen (oder doch eher irischen?) Art des Humors („Well you can lie between her legs and go looking for; Tell her you searching for her soul”).

Man sollte jeden Lacher, den dieses Stück bietet, annehmen, denn mit „Me, my yoke and I“ reißt Damien das Ruder wieder herum und führt uns in einen schmachtend schmerzlichen Endspurt. Wer Damiens Song „Prague“ mag, wird sich schneller als andere mit „Me, my yoke and I“ anfreunden können. Die musikalischen Mittel sind ähnlich, sowie der Klang von Damiens Stimme. Wenig Text, viel Geschrei und verboten hohe Töne, die manchen wahrscheinlich sogar schräg vorkommen. Damien ist ziemlich mutig, dieses Stück auf das Album mitzunehmen, doch es gilt die Weisheit: Wer Damien Rice kennt, versteht ihn auch. So ungern wir es hören, ist Geschrei und scheinbar sinnlos Zusammengesetztes immer das, was wir herausbekommen, wenn wir unsere Gefühle in vollem Schmerze frei lassen. Mit „Grey room“ und „Accidental babies“ schlägt Rice wieder sanfte Töne an, gleichzeitig aber auch seinen Schmerz und seine Gefühle mitten in unser Gesicht. Diese hoffnungslose Liebe ist zutiefst berührend. „Sleep don't weep“ ist der wunderschöne Abschluss, der uns eben doch diesen Funken Hoffnung lässt („I hope I find a place where I belong“).

Der Witz an diesem grandiosen Album ist, dass man es, wenn einmal durchgehört, nicht sofort neu auflegt. Viel zu sehr ist man in all diesen Gefühlen gefangen, sucht man Parallelen des eigenen Leidens oder wird sich der Schönheit des eigenen Glücks bewusst. Vielleicht dauert es wieder mehr als zwei Jahre, bis Damien Rice die Hörer ein weiteres Mal mit seiner wunderschönen Musik zum Weinen und zum Lachen bringt. Kein Problem, die Zeit wird gerade so ausreichen, um die Gefühle, die auf „9“ mitgeliefert werden, zu verdauen.

Anspieltipps:

  • 9 crimes
  • Elephant
  • Grey room
  • Coconut skins
  • Sleep don't weep
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