Sido - Ich - Cover
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Sido Ich


  • Label: Aggro Berlin
  • Laufzeit: 66 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Er kann es zwar nicht lassen, noch mal richtig auf die Provo-Kacke zu hauen, doch das verbuchen wir großzügig unter dem besonderen Humor Sidos.

Für Künstler gibt es wohl nichts schlimmeres, als vom Publikum ignoriert zu werden. Dabei ist das Gegenmittel so simpel – vorausgesetzt, man ist dazu bereit, nicht ausschließlich mit seiner Kunst zu überzeugen. Wie das geht, wird uns in Deutschland seit ein paar Jahren äußerst anschaulich von vermeintlichen Gossenjungs vorgemacht, die als selbsternannte Gangsta Rapper das Patentrezept gegen Publikumsignoranz erfunden haben. Jungs wie Bushido, Eko Fresh, Fler und Sido sind die Aushängeschilder dieses Phänomens. Sie haben sich mit provozierenden Texten („Arschficksong“) zu simplen Beats und medienträchtigen Beefs in die Öffentlichkeit katapultiert und das Publikum in zwei Lager gespalten. Sie werden gleichermaßen geliebt und gehasst – aber keiner kann sie ignorieren.

Der 26jährige Berliner Rapper Sido alias Paul Würdig kann von sich behaupten, es auf diese Weise an die Spitze geschafft zu haben. Trotz Indizierung gingen 180.000 CDs seines Aggro-Debüts „Maske“ (04/2004) über die Ladentheken. Er wird von seinen Fans als Held von der Straße heiß verehrt und von seinen Gegnern als Witzfigur mit Maske abgrundtief verachtet. Besser hätte es nicht laufen können. Doch ab jetzt wird es kompliziert. Auf Sidos zweitem Album, „Ich“, kann er nicht mehr mit den alten Themen ankommen. Den Ghetto Boy („Mein Block“) nimmt ihm keiner mehr ab („Ich stehe zwischen den Welten. Ich kann nicht mehr einfach ins Ghetto gehen, ohne Probleme zu kriegen. Ich bin jetzt der reiche Typ, den man am liebsten abziehen würde. Und in meiner neuen Gegend sagen die Leute noch nicht mal guten Tag zu mir.“ Sido in Spiegel Online), seine analen Schweinereien und Drogenverherrlichungen sollte er nicht nur reduzieren, um nicht wieder mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zusammenzurasseln, sondern auch um sich nicht zu wiederholen und damit zu langweilen. Da dies aber die einzigen Themen sind, über die Sido rappt – Ficken, Drogen, Kohle, Leute abknallen – konnte die Devise nur lauten, den eigenen Kosmos zu pflegen und dezent zu erweitern.

Folgerichtig lautet Sidos Statement auf der ersten Single „Ich bin ein Straßenjunge“. Er vermittelt, dass er „kein Gangster, kein Dieb, kein Killer“ ist und dringt damit in neue thematische Gefilde vor. Er rappt davon, wie es ist Vater zu sein („Ein Teil von mir“), er gibt natürlich damit an, ab jetzt zu den Reichen und Schönen zu gehören („Goldjunge“, „Nie wieder“), er verteidigt seinen Status („Ihr habt uns so gemacht“), er spricht sich gegen Drogen aus („Ich kiff nicht mehr“, „Schlechtes Vorbild“) und beschreibt die Abgründe des Ghettolebens („Bergab“). Das Ganze klingt musikalisch reifer, viel besser produziert als auf „Maske“ und trotz einer etwas gemäßigteren Vorstellung authentisch und ehrlich.

Mit „Ich“ kann Sido endlich ernstgenommen werden, ohne das Klischee vom erwachsen werden zu bemühen. Mit Beats von Paul NZA, Tai Jason, Beathovenz, Desue, Roe Bear sowie Rude Boy & Peter Fox. und Gast-Features von Fler, B-Tight, Kitty Kat, G-Hot, Pierre (Seeed), Alpa Gun, Tony D und Massiv legt der Berliner 22 Tracks vor, die fast durchgehend über dem Niveau seines Aggro-Debüts liegen. Er kann es zwar nicht lassen, zum Ende noch mal richtig auf die Provo-Kacke zu hauen („Ficken“, „Rodeo“, „Sarah“), doch das verbuchen wir großzügig unter dem besonderen Humor Sidos.

Anspieltipps:

  • GZSZ
  • Sarah
  • Ficken
  • Goldjunge
  • Mein Testament
  • Mach keine Faxen
  • Schlechtes Vorbild
  • Ich kiff nicht mehr
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