The Residents - Tweedles! - Cover
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The Residents Tweedles!


  • Label: Mute/EMI
  • Laufzeit: 62 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Über 30 Jahre sind die Residents mittlerweile aktiv, doch mysteriös erscheinen sie im Jahr 2006 immer noch. Diese Band lebt Punk mit ihrer Andersartigkeit und ihrem spielerischen Umgang mit grundverschiedenen Genres (wenn man sie in diesem besonderen Fall überhaupt so nennen kann). Allein „The Commercial Album“ (1980) ist mit seinen ein-minütigen Werbesongs mehr Punk als es viele so genannte Punkbands je sein werden. Während auf dem letztjährigen Longplayer „Animal Lover“ Paarungsgeräusche diverser Tierarten erklangen, lesen sich die Fakten über das neue Album der Kalifornier nicht minder interessant. „Tweedles!“ wurde in Rumänien erarbeitet und auf dem Flug dorthin nahmen die Bandmitglieder aufgrund eines noch fehlenden Konzeptes einfach alle Geräusche, inklusive Startgeräuschen des Fliegers, auf. In Hunedoara, 400 km von Bukarest entfernt, kam es zu spontanen Mitschnitten von Straßenmusikern, Kirchenglocken und schließlich sogar zu einer Mitarbeit des Bukarester Filmorchesters.

Am Ende entstand daraus ein eng gewobener Soundteppich, der gerade wegen seiner Zerrissenheit und zahlreichen Wendungen niemals ein Gähnen verursacht. Es bleibt spannend und jederzeit interessant, die Samples zu entdecken und sich in diese Collagen immer und immer wieder fallen zu lassen. Collage statt Song ist dann auch das Schema, wenn sich urplötzlich Bläser und leicht schräge, zweistimmige Gesangsharmonien dem unterschwelligen, elektronischem Beat anschmiegen und Sprachsamples auf orientalisches Flair treffen („Elevation“). Ehe man sich bei „Forgiveness“ so richtig an präzisen E-Gitarren erfreuen kann, ist der Song auch schon wieder vorbei und im Folgetrack „Insincere“ ein Kirchenchor und opulente Streicher zustelle. The Residents lieben es, den Hörer gewissermaßen zu verunsichern und ihn immer wieder herauszufordern. Kaum glaubt man, eine Struktur zu erkennen und sich länger an einer tröpfelnden Melodie erfreuen zu können, ist sie auch schon wieder vorbei und das Spiel mit zahllosen Instrumenten, Samples aus dem rumänischen Alltag sowie dem zurückhaltenden, elektronischen Fundament auf´s Neue entfacht.

Oft kommt es zum Wechsel zwischen bizarren, teilweise auch durch düstere Filmscores beeinflusste Momente der Zerrissenheit und lieblichen Melodien, die vorzugsweise vom Gesang oder einfach vom Ende des Songs unterbrochen werden. Dass sich die Residents alles herausnehmen und dieses stets mit einem gehörigen Augenzwinkern tun, ist auch auf „Tweedles!“ deutlich zu vernehmen. Hier regiert eine sonderbare, und gerade deswegen so ergreifende Freigeistigkeit, die nicht an Verkaufszahlen oder Musikgenres gebunden ist. Als wenn die Residents jemals darauf geschaut hätten, haben sie es nach mehr als 30 Jahren in den Wirrungen des Musikgeschäftes sowieso nicht mehr nötig, sich anzubiedern. Sie haben Spaß an dieser mit viel Liebe zusammengestellten Patchwork-Musik und geben diesen ganz selbstlos an den Hörer weiter.

Anspieltipps:

  • Elevation
  • The Perfect Lover
  • Sometimes
  • Keep Talking
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