Pain Of Salvation - Scarsick - Cover
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Pain Of Salvation Scarsick


  • Label: InsideOut/SPV
  • Laufzeit: 68 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Auf nachdenklich stimmende Momente müssen Fans dennoch nicht ganz verzichten, allerdings fallen diese weit weniger verkopft aus.

Pain Of Salvation ist die wahrscheinlich experimentierfreudigste Band des Planeten. Mit ihrem letzten und bisher ambitioniertesten Album „Be“ aus dem Jahr 2004 versetzten sie Fans und Kritikern nach den ersten Hördurchgängen einen Schock, unterschied sich das Werk doch radikal von den Vorgängeralben und lag ihm ein Konzept zugrunde, zu dem nur Philosophiestudenten einigermaßen Zugang fanden. Inzwischen gilt das Album zusammen mit „The perfect element part I“ (2000) und ihrem Meisterwerk „Remedy lane“ (2002) als eine der besten Veröffentlichungen des schwedischen Quartetts.

Vor diesem Hintergrund dürfte es wenig überraschen, dass Mastermind Daniel Gildenlöw in der Vorberichterstattung zu „Scarsick“ abermals eine grundlegende Neuorientierung ankündigte. Bevor man sich jedoch den Inhalt des Werkes zu Gemüte führt, fällt zunächst unweigerlich das gruselige Cover auf, welches schlimme Assoziationen zum Death-Metal-Genre weckt. Andererseits verbarg sich hinter einem ähnlich abstoßenden Cover eines Albums mit dem Titel "In Absentia" von einer gewissen Band namens Porcupine Tree nicht weniger als das nach Meinung des Autors beste Werk des modernen Prog-Rocks (in bestimmten Kreisen kursiert auch der Begriff „New-Art-Rock“). Ein gutes Omen also?

Bevor man diese Frage beantworten kann, stellen sich zunächst weitere. Welche konkreten Erwartungen hat man an ein „Pain Of Salvation“-Album? Was sind die typischen musikalischen Elemente, die man mit der Band in Verbindung bringt? Der Schlüsselbegriff, der bei der Beantwortung dieser Fragen unweigerlich fallen muss, ist die Mark und Bein durchdringende, seelenverzückende Emotionalität, mit der es die Band in der Vergangenheit (übrigens auch beim abstrakten „Be“) textlich wie musikalisch verstand, den Hörer für ihre ernsthaften Themen zu gewinnen. Des Weiteren wäre der perfektionistische Umgang mit den Instrumenten zu nennen. Mit Ausnahme von Dream Theater gibt es wahrscheinlich keine Band, die die Balance zwischen Eingängigkeit und progressiver Abgehobenheit so meisterhaft zu wahren versteht. Und zu guter letzt hat Sänger Daniel Gildenlöw mit seiner charismatischen Stimme, die immer wieder gesangliche Extreme auslotet, großen Anteil der Tiefenwirkung der Musik.

Und nun vergessen wir mit Ausnahme der letzten Kategorie sämtliche aufgeführten Trademarks, denn „Scarsick“ ist erwartungsgemäß völlig anders, als alles, was die Band bisher gemacht hat. Es handelt sich gewissermaßen um das Gegenstück zum schwergewichtigen „Be“. „Scarsick“ zeigt die Band in einer beinah infantil anmutenden Losgelöstheit. Mit unübersehbarem Augenzwingern wird über „America“ und sonstige Übel dieser Welt hergezogen. Das mit Abstand abgefahrenste Stück ist zweifelsohne das fetzige „Disco Queen“, welches alle scheuklappentragenden Fans mit seiner simpelsten Instrumentierung und dem kuriosen 80er-Refrain vollkommen ratlos zurücklassen dürfte. Vielleicht kann man auf diese neu entdeckte Unbeschwertheit auch den Titel zurückführen. Krank von den psychischen Narben, welche die Auseinandersetzung mit den depressiven Themen der Vergangenheit hinterlassen haben, war es Zeit für einen Befreiungsschlag. Weniger Weltschmerz, mehr Lebenslust. Eine Devise, die sich vor Allem in der musikalischen Konzeption von „Scarsick“ wiederspiegelt.

Auf nachdenklich stimmende Momente müssen Fans dennoch nicht ganz verzichten, allerdings fallen diese weit weniger verkopft aus. Als stellvertretendes Beispiel hierfür sei das bedächtige „Kingdom of loss“ genannt, das durch seine elegische Melodieführung und Gildenlöws desillusioniertem, weltentrückten Gesang augenblicklich gefangen nimmt. Und Komplexitätsfetischisten dürfte das abschließende „Enter Rain“ versöhnlich stimmen. Sicherlich ist „Scarsick“ kein Meilenstein wie „Remedy Lane“, dafür ist das Album dann doch eine Spur zu einfach gestrickt, als dass es eine ähnliche Langzeitwirkung entfalten könnte. Dennoch kann man den Ausflug in den Quasi-Mainstream als überaus gelungen bezeichnen. Pain Of Salvation beweisen mit „Scarsick“, dass sie keine „Genreidioten“ sind, die sich auf fremden Terrain so unbeholfen bewegen wie die talentresistenten Kandidaten deutscher Castingshows. Einige Progpuristen dürften sich aufgrund der Schlichtheit zwar mit Grausen abwenden, aber ich bin mir sicher, dass die Band mit diesem Album mehr neue Fans gewinnt als alte verliert. Lange Rede, kurzer Sinn: mit „Scarsick“ fügt die Band ihrer an Höhepunkten ohnehin nicht armen Diskographie ein weiteres Highlight hinzu. Well done!

Nachtrag: Wie aufmerksame Fans inzwischen festgestellt haben, handelt es sich bei „Scarsick“ nicht um „Scarsick“, sondern um das lang erwartete „The Perfect Element, Part II“. Wenn man die Schmalseiten des Backcovers knickt (wofür man den Plastikeinsatz entfernen muss) ist dort statt der Aufschrift „Painofsalvation/scarsick“ „The Perfect Element, Part II“ zu lesen. Da hat sich die Band wohl einen kleinen Scherz erlaubt.

Es finden sich jedoch auch deutlichere Hinweise. So ist schon der Song „Kingdom of loss“ als Anspielung auf „King of loss“ zu verstehen, zumal die mit diesem Song beginnende Seite B der CD textlich an „The Perfect Element, Part I“ anknüpft, was auch erklärt, dass Abschnitt B musikalisch den „alten“ Pain Of Salvation mehr ähnelt als Teil A. Außerdem ist auf der dritten Seite des Booklets „Part II“ abgedruckt, was ja auch eine bestimmte Bedeutung haben muss. An der Qualität des Albums ändert das freilich nichts...

Anspieltipps:

  • Spitfall
  • Disco Queen
  • Enter Rain
  • Kingdom of loss
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