Radiohead - Amnesiac - Cover
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Radiohead Amnesiac


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 44 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Dieses Album lässt einen wohl ähnlich ratlos wie „Kid A“ zurück.

Nicht einmal ein Jahr ist seit dem Release von „Kid A” vergangen. Was erwartet den Hörer der neuen Radiohead-Platte „Amnesiac“? Der Titel lässt nicht gerade auf Besserung hoffen, war doch „Kid A“ für viele eine zu gewagte Achterbahn. Doch Radiohead bleiben der eingeschlagenen Richtung von „Kid A“ treu und konzentrieren sich wieder stark auf Musik, die klingt als sei sie dreimal durch den Computer gelaufen. Es ist eigentlich immer ein treibender Beat dabei, alle möglichen Toneinflüsse, die man sich vorstellen kann und wenn man gar nicht mehr damit rechnet, auch mal wieder eine Gitarre in Reinform. Lassen wir uns also von Thom Yorke nicht verwirren und wagen wir uns auf diese dreiviertelstündige Reise namens „Amnesiac“.

Der Opener mit dem langen Titel „Packt like sardines in a crushed tin box“ fasst sogleich alles zusammen, was schon erwähnt wurde. Ein treibender Beat, der von einer verstimmten Gitarre und einer ruhigen Elektromelodie begleitet wird. Thom Yorke muss, wie es bei Radiohead Brauch ist, nur noch seine verträumte, verlorene Stimme zum Einsatz bringen und fertig ist ein Radiohead-Song. Die Vorab-Single „Pyramid song“ fällt ein wenig aus dem Rahmen. Yorke steigert sich immer mehr in sein wohl „harmlosestes“ Stück (musikalisch gesehen) rein, um beinahe nur von einem Klavier all seine Depressionen heraus zu singen.

Als optimistische Band wurde Radiohead ja sowieso noch nie gefeiert. „Pulk/Pull revolving doors“ hätte auch auf „Kid A“ seinen Auftritt geben können. Eine Computer/Roboterstimme redet uns immer wieder ein wenig hinein und ansonsten hört man einen beinahe ununterbrochenen Beat, der die folgenden vier Minuten ausmacht. Hier gehen die Briten wieder an eine Grenze, die nur wenige zu überschreiten wagen werden. Der vierte Track „You and whose army“ beruhigt die Gemüter dann aber gleich wieder und schließt sich dem Stile von „Pyramid song“ an. Diesmal ist es aber eine Akustikgitarre, die den absichtlich alten und schallplattenartigen Sound bestimmt. Ein toller Effekt, der hier mit Thoms Stimme veredelt wird. Natürlich darf auch hier noch die ganze Band ran und dann beherrschen das gute alte Klavier und die Drums den Song.

Als wäre es ein auf und ab kommt „I might be wrong“ ähnlich wie der Opener daher, aber die begleitende Gitarre drückt dem eingängigen Stück den Stempel auf, die das Lied wieder zugänglicher macht. Yorkes geheimnisvoll klingende Stimme ist auch hier wieder Quintessenz. Überhaupt setzt die Gitarre sich wieder ein bisschen durch, wie man an der nächsten Nummer „Knives out“ bemerkt. Selbstverständlich eingängig, selbstverständlich Yorkes Beinahe-Jammerstimme, selbstverständlich ein Ohrwurm. Mit „Amnesiac/Morning bell“ wird der Mittelteil des Albums hervorragend beendet. So wie dieses Stück arrangiert ist, hat es sich den Namen „Amnesiac“ verdient. Es kommt einem nicht so elektronisch vor wie einige der Vorstücke, aber die Atmosphäre, die in diesem Lied geschaffen wird, ist atemberaubend. Bei „Dollars and cents“ erlaubt sich der Sänger auch mal wieder zu schreien. Nichtsdestotrotz kann er auch ganz schnell wieder auf leise umstellen. Eigentlich eingängig untermalt, kommen immer wieder Soundeffekte zum Einsatz, um das Lied nicht in Eingängigkeit verkorksen zu lassen.

„Hunting bears“. Ein gerade mal zweiminütiges Instrumentalstück von Radiohead und der Hauptdarsteller ist tatsächlich die Gitarre. Ist das eine Entschuldigung, Wiedergutmachung oder ein Blick nach vorne? Es ist sehr einfach gestrickt, aber unmöglich zu überspringen, weil dieses einfache „Geklimper“ wieder die typische Radioheadatmosphäre produziert, die einen einfach in seinen Bann zieht. Der vorletzte Song „Like spinning plates“ hat dann noch mal die Ehre daran zu erinnern, warum man die Richtung, die sie schon im Vorgänger eingeschlagen hatten, als „musikalische Apokalypse“ benannt wurde. Verstörte Arrangements, viel Elektronik, nein, nur Elektronik und eine unvergleichliche Stimme. Die Stimme bleibt auch bei „Life in a glass house“ erhalten und hier wird erstaunlicherweise völlig ohne Computer gearbeitet. Radiohead können also auch ohne Elektronik und das erstaunlich gut.

Dieses Album lässt einen wohl ähnlich ratlos wie „Kid A“ zurück. Wer sich auf die Musik von Yorke & Co. einlässt, erlebt eine Achterbahnfahrt, die diesmal aber besser vorauszuberechnen war. Trotz allem bleiben manche „Ah“- und „Oh“-Stellen natürlich nicht aus. Die Scheibe ist zugänglicher und bietet einen interessanten Blick auf die musikalischen Möglichkeiten von heute: Arbeit mit dem Computer oder doch lieber altmodisch mit Instrumenten. Radiohead haben sich mit „Amnesiac“ wieder allen Grenzen entledigt und haben ihren Weg eingeschlagen. Die Rockmusik hat viele Gesichter. Es gibt Alternative, Progressiv und dann gibt es noch Bands, die undefinierbare Wege einschlagen. Eine davon ist definitiv Radiohead.

Anspieltipps:

  • Packt Like Sardines In A Crushed Tin Box
  • You And Whose Army
  • Amnesiac/Morning Bell
  • Life In A Glass House
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