Tokio Hotel - Zimmer 483 - Cover
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Tokio Hotel Zimmer 483


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 48 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
4.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Durchgehende, vor sich hin wabernde Belanglosigkeit.

„Schrei / Und wenn es das Letzte ist / Schrei / Auch wenn es weh tut“ – Den Leitsatz des Debüts „Schrei“ (09/2005) der vier Magdeburger Tom (Gitarre), Georg (Bass), Gustav (Schlagzeug) und Bill (Gesang) alias Tokio Hotel, haben sich mehrere tausend Mädchen enorm zu Herzen genommen. Kein Konzert der Jungs verlief ohne ausuferndes Kreischgewitter, kein öffentlicher Auftritt ging unter normalen Umständen vonstatten, von den wöchentlichen Berichten über ohnmächtige Groupies, die stundenlang ohne Essen oder Trinken vor den Konzerthallen warten, nur um eine Haarspitze von Bill berühren zu können, ganz zu schweigen. Immer wurden die Gebrüder Kaulitz mitsamt ihren zwei eher stilleren Bandmitgliedern von einem Fanschwarm verfolgt und umringt. Die Hysterie, die die vier Deutschen entfacht haben, war Ende 2005 nicht einmal annähernd abzusehen. Mit einem ganzen Tross an Marketingexperten, die jede Kleinigkeit ins Detail planten, begannen die Jungs ihren Siegeszug in deutschen Landen äußerst erfolgreich in die Tat umzusetzen. Nicht verwunderlich, dass Meinungsforscher Tokio Hotel aufgrund dieser durchkomponierten Haltung im Musikgeschäft nicht mehr als ein Jahr an Popularität zusprachen, bevor das Quartett wieder in der Versenkung verschwinden würde.

Doch nix da! Nach 6 (!!!) verschiedenen Versionen des Debüts innerhalb eines Jahres, die natürlich die amorphe Haarpracht Bills stets berücksichtigten, und nicht abschwellender Kreischszenen unzähliger Teenies, hängen weiterhin Poster der Gruppe in den Kinderzimmern Deutschlands. Mehrere Gold- und Platinauszeichnungen für die erste Single „Durch den Monsun“ und die LP „Schrei“, sowie nationale (Bambi, Echo) und internationale Preise (unter anderem den World Music Award für die „Worlds best selling german band of the year“) treiben jegliche Erwartungshaltung an den Nachfolger ins Unermessliche, der kryptisch „Zimmer 483“ betitelt wurde. Das sich dahinter lediglich der Raum befindet, in dem die ersten Aufnahmen zum neuen Werk entstanden sind, sei dahingestellt. Aber schließlich punkteten die Jungs bislang auch nicht gerade mit enormen Einfallsreichtum, sondern durch ihr Image als harte Jungs.

Musikalisch stellen Tokio Hotel 2007 im Gegensatz zu ihren Plattenverkäufen jedenfalls erneut keine bahnbrechenden Rekorde auf, obwohl Bills Stimme dieses Mal als durchaus passabel gewertet werden darf, was im Vergleich zum Vorgänger ein enormer Fortschritt ist. So ein Stimmbruch ist eben doch was Gutes! Dafür langweilt er andererseits mit seinem markanten, aber ausdruckslosen Organ, das außer gehauchtes Selbstmitleid keine andere Gefühlsregung zulässt. Ein Umstand, den die Fans zur großen Verwunderung vieler anscheinend lieb gewonnen haben. Tom, Gustav und Georg bewegen sich an ihren Instrumenten dazu allenfalls auf durchschnittlichem Niveau, selbst wenn die angeschlagenen Töne durchwegs düsterer und erwachsener sind. Von einer gewissen Weiterentwicklung kann also die Rede sein, jedoch steht den Kompositionen die aalglatte Produktion allzu oft im Weg. Effektspielereien wurden größtenteils zugunsten der Natürlichkeit weggelassen, die lahme Rockballade „Spring nicht“ und viele andere Titel des Albums kann das aber nicht retten.

Dabei sind es diesmal nicht einmal ausnahmslos die Texte, sondern größtenteils die Darbietungen der vier Magdeburger, die auf „Zimmer 483“ an der kurzen Leine gehalten werden und bar jeden Ausdrucks sind. Von Spannung keine Spur, Abrocken übernehmen andere. Wenigstens schlägt sich das neue Leben der Vier in gehaltvollere Lyrics nieder als im Debüt, wenn „Reden“ die allgemeine Lage der Truppe beleuchtet („Hier drinnen ist niemals richtig Tag / Das Licht kommt aus der Minibar / Und morgens wird’s hier auch nicht hell / Willkommen im Hotel“), „Wo sind eure Hände“ alleine für die Fans auf den Konzerten geschrieben wurde („Heute sind wir hier / Die Welt bleibt vor der Tür / Was jetzt zählt seid ihr / Wo sind eure Hände“) oder „Wir sterben niemals aus“ die Beruhigungspille für all die kreischenden Teenies schlechthin sein dürfte („Wir bleiben immer / Schreiben uns in die Ewigkeit / Wir bleiben immer / Sowas wie wir geht nie vorbei“), welches sogar alleine von Tom und Bill verfasst wurde. Den Rest übernahm ein Produzententeam, deren Danksagungen im Booklet sogar vor denen der Band kommen (Zitat: „Bill, Tom, Gustav, Georg – Was für eine Band!“), was die wirklichen Drahtzieher hinter Tokio Hotel damit subtil hervorheben dürfte.

„Nach der Zeit im Studio können wir es kaum abwarten, das Tempo wieder zu erhöhen und mit dem neuen Material auch live loszulegen“ erklärt Tom euphorisch über „Zimmer 483“ und angesichts der durchgehenden, vor sich hin wabernden Belanglosigkeit der 12 Stücke, kann man sich das für die Tokio-Hotel-Fans Europas nur wünschen. Teenager sollen schließlich extrem launisch sein.

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