Avril Lavigne - The Best Damn Thing - Cover
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Avril Lavigne The Best Damn Thing


  • Label: RCA/SonyBMG
  • Laufzeit: 44 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine uninspirierte Songsammlung, bei der nur Einzelteile zu gefallen wissen.

Avril Lavignes unerwartete Verwandlung vom rebellischen Teenager zur eleganten Frau war und ist für die meisten ihrer Fans ein gewöhnungsbedürftiger Prozess, der jede Menge Fragen aufwirft. Denn nachdem bereits die vergangene Welttournee der 22-Jährigen mehr von Routine als von Spielfreude geprägt war, ist ihr selbstgewähltes Punkrockimage im letzten Jahr immer mehr ins Bröckeln geraten.

Nicht nur dass die Kanadierin ihren Freund Deryck Whibley (Mitglied der Band Sum 41) heiratete (ganz in Weiß versteht sich…), nein, sie tauschte auch noch die Skater-Klamotten gegen edle Designer-Outfits und zeigte sich strahlend an der Seite von Prominenten, denen sie früher höchstens den Stinkefinger unter die Nase gehalten hätte. Darüber hinaus trägt Avril nun blonde Haare, obwohl „Pop-Blondchen“ immer ein Ziel ihrer Wut gewesen waren, sie lässt sich für Magazine im Miniröckchen ablichten, obwohl sie auch dies immer verurteilte, und sie änderte ihren Wohnsitz und nennt jetzt eine Millionen-Villa in Los Angeles ihr Eigen.

Punkrock-Credibility adé? Aber hallo! Doch schon regt sich der protestierende Avril-Fan-Chor: Privatsachen! Alles nebensächliche Äußerlichkeiten, die nichts mit Musik zu tun haben! Na klar, schon richtig, aber in der Popmusik (und genau dorthin gehört Avril Lavigne trotz aller Punk-Attitüden) ist das richtige Image mindestens so wichtig wie ein guter Song. Und deshalb beginnt die Besprechung des dritten Studioalbums von Avril Lavigne an eben dieser Stelle. Nämlich an dem Punkt, wo aus dem sympathischen Punkrockgirl ein Modepüppchen in High Heels mit Schauspielambitionen wurde.

„The Best Damn Thing“ entstand unter der bewährten Mitwirkung der Produzenten und Songwriter Evan Taubenfeld, Butch Walker (Fall Out Boy, P!nk, The Bronx, The Donnas) sowie Lukasz Sebastian „Dr. Luke“ Gottwald (Backstreet Boys, Paris Hilton, Kelis, P!nk). Außerdem werkelten Rob Cavallo (Green Day, Prince, My Chemical Romance, Paris Hilton) und Avrils Ehemann Deryck Whibley (Sum 41) an der Scheibe mit. 12 Songs sind dabei entstanden, die Avrils Weg nach über 16 Millionen abgesetzten Einheiten ihres Debüts „Let Go“ (2002) und immerhin noch halb so viel verkauften „Under My Skin“-CDs (2004) weisen müssen. Ein Weg, den Avril auf „The Best Damn Thing“ als Executive Producer einschlägt, was soviel heißt, dass ihr bei diesem Album niemand reinreden durfte. Und das hört man auch.

Die (Zitat) „verdammt noch mal verflucht beste Sache, die ich je gemacht habe“, entwickelt sich leider zu einer uninspirierten Songsammlung, bei der nur Einzelteile zu gefallen wissen – selten das ganze Lied. Die frühere Mischung aus kindlicher Naivität, ansteckenden Albernheiten und dem Versuch erwachsen zu klingen, ist vollkommen verschwunden. Dafür werden dem Hörer nun fürchterliche Einblicke in das Leben der Familie Whibley/Lavigne namens „Hot“ („I want to lock you up in my closet, where’s no one’s around. I want to put your hand in my pocket, because you’re allowed. I want to drive you into the corner and kiss you without a sound. I want to stay this way forever, I’ll say it loud. Now you’re in and you can’t get out”) und „I don’t have to try („I’m the one I’m the one who knews the dance. I’m the one I’m the one who’s got the prance. I’m the one I’m the one who wears the pans”) geboten, die keinen interessieren. Und dass Avril zuhause die Hosen anhat, haben wir eh geahnt.

Anstelle von Balladen, die für jeden nachvollziehbare Gefühle transportieren und tagelang nicht aus dem Kopf gehen wollen, sind zu Tode produzierte Powerballaden mit erhöhtem Belanglosigkeitsfaktor getreten („When you’re gone“). Die schnellen Stücke unterbieten sich in Einfallslosigkeit und erschreckend schwachem Songwriting, das man in Amerika an jeder Studioecke von der Stange kaufen kann. Dabei fällt besonders auf, dass sich die kompositorischen Strukturen bei Songs wie der ersten Singleauskopplung „Girlfriend“, die auch als Bonus mit schauderhaftem deutschen Refrain vorhanden ist, „I can do better“ und dem Titeltrack „The best damn thing“ auf fast schon peinliche Weise wie ein Ei dem anderen gleichen und mit ewig wiederkehrenden „Hey, hey, hey“-Passagen wie bei einer schlechten Ramones-Kopie nerven.

Nicht nur irgendwie war diese Entwicklung zu erahnen, aber bis jetzt hatte man sie nicht wahrhaben wollen. Mit dieser Ungewissheit ist nun Schluss. Avril Lavigne hat den Biss ihres Debüts und den Ehrgeiz von „Under My Skin“, sich nicht als Eintagsfliege herauszustellen, verloren und einen knalligen Mainstream-Bonbon ohne Substanz und wenig Seele abgeliefert. Teuer produziert, hübsch verpackt. Eben wie Designerware, die den Bodenkontakt verloren hat. Traurig.

Anspieltipps:

  • Girlfriend
  • Innocence
  • Keep holding on
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