Sufjan Stevens - Greetings From Michigan: The Great Lake State - Cover
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Sufjan Stevens Greetings From Michigan: The Great Lake State


  • Label: Rough Trade
  • Laufzeit: 73 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Wir schreiben das Jahr 2002. Eine britische Band reißt dieses Jahr in Sachen Erfolg so ziemlich an sich, was die gefühlvolle Ebene des Musikgeschäfts angeht. Coldplay um Fontmann Chris Martin haben mit „A Rush Of Blood To The Head“ Riesenerfolg, auch über dem großen Teich. Das ist alles nichts Neues und hat direkt nichts mit dieser Rezension zu tun, oder? Nur ist Sufjan Stevens das beste Beispiel, wie gerne die Masse nach Hypes (auch wenn er bestimmt nicht unberechtigt war) das Interesse an „alternativer“ Musik verliert.

Der junge Mann mit dem ungewöhnlichen Vornamen kommt aus Michigan und es gibt anscheinend viel über seinen Heimatstaat zu erzählen, widmet er doch eben diesem seine erste LP einer großen Reihe. Der (größenwahnsinnige?!) Songwriter hat sich nämlich zum Ziel gesetzt, über jeden einzelnen amerikanischen Bundesstaat ein Album zu schreiben. Michigan macht den Anfang und während sich die Kenner der Szene an dieser wirklich fabelhaften Musik erfreuen, bleiben die Masse (wahrscheinlich irgendwie gewollt) und der neugierige Europäer (ungewollt!) weitgehend unwissend. Wieso eigentlich?

„Oh God, where are you now? (In Pickerel lake? Pigeon? Marquette? Mackinaw?)“ könnte ein Grund sein. Nein, der Song ist nicht schlecht, aber solch ein Titel weist nicht all zu hohen (oder für die breite Masse einen zu hohen) Identifikationswert auf. Sufjan hat nicht nur am Experimentieren mit Folkmusik Spaß, sondern auch an der Namensgebung seiner Songs. Die Titel haben alle absolute Überlänge (was Stevens noch sympathischer macht, abseits vom Trubel um die großen Glamourbands). Liedtitel wie „Holland“ oder „Romulus“ kommen einem auf der Trackliste von „Greetings From Michigan: The Great Lake State“ beinahe nackt vor. Aber was sagt das schon über die Qualität der Musik aus? Am besten lässt sich Musik sprechen, wenn man sie hört.

Sufjan Stevens ist vielleicht jung, doch er weiß wie man ein gutes Album strukturiert. Gleich das erste Lied muss dem Hörer mitten ins Herz stechen und das tut „Flint (for the unemployed and underpaid)“ auch. Das ruhige Piano und Sufjans sanfte Stimme trösten nicht über den traurigen Text hinweg. Eine Mischung aus wunderschön und tiefsttraurig erwartet den Hörer. Seinen Hang zu Bläsern gibt Stevens hier Preis und lässt diese das Klavier erst dezent unterstützen, bis sie den Song beinahe völlig übernehmen. Es ist nahezu unmöglich jeden Song so beschreiben zu können, da die Songs immer komplexer werden. Das einzige was sich zusammenfassen lässt, ist Sufjans Stimme. Immer gefühlvoll und ruhig, aber doch vorherrschend ist sie. Oh ja, und der Großteil der Texte befasst sich natürlich mit Michigan. Stevens bedient sich aller möglichen Instrumente, so dass neben Klavier und den erwähnten Bläsern auch Xylophon, Gitarre, Schlagzeug und die ganze Palette Folkinstrumente (Banjo und wie sie alle heißen) zum Zug kommen. Insgesamt ist die Instrumentalisierung aber alles andere als klassischer Folk und deshalb nicht so einfach in eine Schublade zu stecken. Mal fühlt man sich wie in einem Märchen, dann wie in Sim City (hatte ja auch mal einen recht jazzig, „folkigen“ Soundtrack“). Aber eines haben die Stücke alle gemeinsam: Sie berühren den Hörer garantiert. Oft gefühlvoll, aber nicht selten mit einem zwinkernden Auge.

Die Instrumentalstücke „Tahquamenon falls“ und „Alanson, crooked river“ sind noch nicht ganz so ins Geschehen eingebunden wie beim Nachfolger „Illinoise“. Sie setzen die Grenzen und lassen so drei Drittel entstehen. Nichtsdestotrotz fügen sich die xylophonartigen Töne gut ein und leiten beide Mal den darauf folgenden Song ein. Der dritte gesanglose Song, „Redford (for Yia-yia & Pappou )”, ist „nur” ein reines Klavierstück, welches sich beliebig in jedem tragischen Film als Teil des Soundtracks anbieten könnte. Eingängig und wiederholend wie die anderen beiden Stücke, aber in seiner Einfachheit fesselnd.

Aus den ganzen Stücken mit Gesang muss sich jeder seine eigenen Lieblinge raussuchen, denn so viel ist sicher: Es gibt keinen schlechten Song auf dem Album. Kein Song muss sich vor dem anderen verstecken. Unglaublich homogen und doch so verschieden kommt das erste von fünfzig (mal sehen, ob es tatsächlich was wird) Sufjan-Steven-US-Staaten-Alben daher und verzaubert seine Hörer auf eine ganz eigene Weise.

Oh ihr großen Musiker der breiten Szene seid gewarnt, denn am Indie-Songwriter-Himmel scheint sich ein Stern fest zu etablieren. Ein ehrlicher noch dazu, denn was noch zu erwähnen ist, ist dass „Greetings From Michigan“ keine Hommage sondern auch eine Kritik an der eigenen Heimat ist. Im Fall dieser CD kann trotzdem, fernab von jeglichen Bedenken gegenüber dieses Staats, nur eines empfohlen werden: „Say yes to Michigan!“

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