Sandra - The Art Of Love - Cover
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Sandra The Art Of Love


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 55 Minuten
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2/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

In „The Art Of Love“ versucht Sandra nun, ohne ihren Kreativ- und Lebenspartner Michael Cretu erstmals (!) in ihrer Karriere eigene Wege zu beschreiten.

Sandra ist zurück! Ja, eben die Sandra, die vor gefühlten 40 Jahren mit „Maria Magdalena“ einen Welthit hatte und nicht nur dafür zahlreiche goldene Bravo-Ottos erhielt. Eigentlich war Sandra auch nie wirklich weg, sie veröffentlichte regelmäßig „Best Of“-Alben – welche sich vornehmlich durch die unterschiedliche Reihenfolge der immer gleichen Titel voneinander unterschieden – und hauchte in so ziemlich jedem Lied von Enigma spirituelle Zeilen in anspruchslose Gehörgänge.

In „The Art Of Love“ versucht Sandra nun, ohne ihren Kreativ- und Lebenspartner Michael Cretu erstmals (!) in ihrer Karriere eigene Wege zu beschreiten. Die Hälfte der Lyrics trägt sie selbst bei, Unterstützung erhält sie von Jens Gnad, der „ein Freund der Familie“ ist und auch schon einige frühere Alben von Sandra abmischen durfte. Ihre Plattenfirma scheint in diese Kollaboration kein allzu großes Vertrauen zu setzen, auf der Artist-Seite des Labels freut man sich zwar auf eine viel versprechende Veröffentlichung Sandras, meint jedoch die von „Wheel of Time“ – erschienen im Jahr 2002.

Ihren musikalischen Befreiungsschlag beginnt Sandra mit der Frage „What D’Ya Think Of Me?“ Dies hier ehrlich zu beantworten ginge zu weit, doch die ersten Töne lassen vermuten, dass die häusliche Enigma-Beschallung deutliche Spuren in Sandras künstlerischem Un(ter)bewusstsein hinterlassen hat. Und dass Jens Gnad, der sich nicht nur hier rücksichtslos mit seiner E-Gitarre in den Vordergrund drängelt, entweder von Gary Moore oder aber von bewusstseinsverändernden Substanzen beeinflusst ist. Wie sie sich selbst sieht, erklärt Sandra in ihrer Top-50-Single „The Way I am“. „NaNaNa, NaNaNaNaNa“ nämlich. Wir hatten es bereits vermutet! „The Art Of Love“ überrascht dann ein wenig als durchaus gelungene, abwechslungsreich instrumentierte Komposition.

In „Dear God... If You Exist“ verarbeitet Frau Cretu in berührenden Zeilen Erfahrungen aus ihrer Kindheit. Ein Kinderchor, der im Refrain das Vater Unser intoniert, verleiht ihrer Anklage an den Lieben Gott jedoch etwas arg rührselig Nachdruck. Stimmlich leicht überfordert wirkt Sandra in „Put Your Arms Around Me“, was sich erschöpfend damit erklären lässt, dass dieser Titel ursprünglich für Sinead O’Connor geschrieben wurde. „Casino Royale“ hätte bestimmt Chancen gehabt, Titelsong des gleichnamigen Bond-Abenteuers zu werden, wenn dieser Film irgendwann zu Beginn der 80er Jahre erschienen wäre. Wie hier klingt Sandra über weite Strecken von „The Art Of Love“ so zeitgemäß wie weiße Tennissocken.

Möglicherweise in einer Selbsthilfekleinstgruppe zum Thema: „Ich war vor langer Zeit voll berühmt aber mir fällt nichts Neues mehr ein“ ist die Idee entstanden, den Titel „Love Is The Price“ neu aufzunehmen. Gemeinsam mit dem unsäglichen DJ Bobo weckt Sandra diesmal tatsächlich zielsicher ein tiefes Gefühl beim Hörer: Mitleid! Doch dies soll noch nicht der zweifelhafte Höhepunkt gewesen sein: Zum Abschluss gibt Sandra dem bereits vollkommen ausgenudelten Hooters-Klassiker „All You Zombies“ endgültig den Rest. Wie es dazu kommen konnte? „Per Zufall, muss ich sagen, stand ich mit meinen Kindern in der Küche, hab’ gekocht und da lief der Song. Meine Kinder waren mit in der Küche, haben mir geholfen beim Salat machen, und sie haben so mitgesungen, da fand ich, das klingt eigentlich ganz gut, hab’ mir aber keine Gedanken darüber gemacht.“

Nun, der Rest der Entstehungsgeschichte dieser tongewordenen Unverschämtheit lässt sich auch ohne weitere Zitate weiterspinnen: Vermutlich kam noch Michael Cretu in die Küche (um zu überprüfen, ob der Salat auch knackig ist) und hat spontan auf irgendwelchen Töpfen herumgetrommelt (so könnte der nervtötende Reggae-Dub entstanden sein). Und dann trat noch Hausfreund Jens Gnad durch die Küchentür (der hatte auch Hunger) und spielte stilsicher melodiöse E-Gitarrenakkorde zur Hausmusik, wie wir sie sonst nur vom jungen Gary Moore kennen. Nur gut, dass nicht auch noch die „Hermes House Band“ zum Essen eingeladen war.

Bevor nun beleidigte Fan-Horden (die tatsächlich noch vorhanden sind) dem Verfasser dieser Zeilen mordlustig Hausbesuche abstatten, möchte dieser in versöhnlicher Absicht bekennen: Ich bin einer von euch! Auch ich hatte 1987 den Bravo-Starschnitt von Sandra über dem Bett hängen! Und weil wir Bravo-Leser von damals uns entwickelt haben und heute eher so etwas wie die „Bild am Sonntag“ lesen, werde ich hemmungslos für Sandra votieren, wenn der „Goldene BamS“ verliehen wird! Und falls ihr mal Lust habt, entspannt beim gemeinschaftlichen Kochen ein wenig zu jammen – ich bin dabei! Die Gary-Moore-Platten im Gepäck!

Anspieltipps:

  • The Art Of Love
  • Casino Royale
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