Arcade Fire - Neon Bible - Cover
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Arcade Fire Neon Bible


  • Label: City Slang/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 47 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

„Den Druck habt ihr gemacht. Wir machen nur Musik“.

Für viele Amerikaner muss dieses Album einem Schlag ins Gesicht ebenbürtig sein, übt sich die kanadische Truppe Arcade Fire auf lyrischer Ebene nämlich zu keiner Zeit in falscher Bescheidenheit oder Zurückhaltung. Die Karten werden auf den Tisch gelegt, sämtliche musikalische Verschlossenheit der letzten 5, 6 Jahre einfach über Bord geworfen. Was bereits düster und scharfzüngig seine unheilvollen Schwingen mit „Black mirror“ ausbreitet und subtil kritisierende Züge mit Zeilen wie „Shot by a security camera / You can´t watch your own image / And also look yourself in the eye“ annimmt, kulminiert im neunten, sich kaskadenartig aufbauenden Stück „Windowsill“ in der simplen wie allumfassenden Aussage „I don´t wanna live in America no more“. Die Scheu zu sagen, was in einem vorgeht, die nach 9/11 selbst in den abgebrühtesten Songwriterkreisen immer groteskere Züge angenommen hat, spürt man auf „Neon bible“ in keiner der 47 Minuten. Der zweite Longplayer atmet stattdessen Wut, Zorn, Verzweiflung und in ganz seltenen Momenten Hoffnung wie etwa in der Neueinspielung von „No cars go“, das bereits auf der EP von 2003 enthalten war, die zwei Jahre später im Zuge des Erfolges von „Funeral“ (03/2005) eine Neuauflage erhielt.

Das sieben Mitglieder umfassende Kollektiv (Win Butler (Gesang, Gitarre, Piano, Bass), Régine Chassagne (Gesang, Schlagzeug, Piano, Keyboard, Akkordeon, Xylophon), Richard Reed Parry (Gitarre, Keyboard, Akkordeon, Xylophon), Timothy Kingsbury (Gitarre, Bass), William Butler (Bass, Xylophon), Sarah Neufeld (Violine) und Jeremy Gara (Schlagzeug)) hat also gar nicht erst versucht einen ebenbürtigen Nachfolger zum bis dato etwa 1 Million Mal verkauften Opus Magnum anzufertigen, sondern mietete sich gemütlich eine Kirche eine Autostunde von Montreal entfernt, funktionierte diese zu Proberaum und Studio um und begann an neuen, eindrucksvollen Klanggebilden zu feilschen, die, in die richtige Form gebracht, nun der „Neon bible“ zu entnehmen sind. Auffallend daran sind im ersten Moment aber vor allem die geordneteren Strukturen im Vergleich zum Vorgänger und der wesentlich größere dynamische Anteil, der den zehn neuen Songs einen größeren Handlungsraum bietet. Wurde auf „Funeral“ noch mit allen erdenklichen Mitteln auf ein furioses und ekstatisches Finale hingearbeitet, so geschieht dies hier unbekümmert aus dem Hinterhalt, was dem Hörvergnügen und der Halbwertszeit der Platte besonders zugute kommt.

Das Paradebeispiel hierfür leistet vor allem Win Butler, der seiner pathetisch, elegischen Stimme der letzten beiden Veröffentlichungen nun zusätzlich zartschmelzende Besonnenheit beigebracht hat, was im Titeltrack „Neon bible“ oder dem wunderschönen „Ocean of noise“ seine Feuertaufe erhält. Darüber hinaus erschaffen Arcade Fire in einigen Stücken erneut eine „Wall of sound“, die es in sich hat. Wer sich zu Beginn von „Intervention“ nicht von dem mächtigen Orgelton erdrücken lässt, für den dürfte erst das abschließende gospelähnliche Stück „My body is a cage“ die Absolution schlechthin sein, das sich anfänglich zurückhaltend und ruhig gebärt und erst im hinteren Teil mit schweren Geschützen auffährt und eine aufbegehrende Orgel über den Hörer hineinbrechen lässt. Die im Zusammenhang mit den Kanadiern oft beschriebene Katharsis ist hier auf einem Höhepunkt angelangt, der auf „Funeral“ lediglich aus dem Aufeinanderprallen aller Instrumente erlangt wurde.

Dennoch hat es sich die siebenköpfige Truppe nicht nehmen lassen zugängliche und leicht verdauliche Stücke wie „Keep the car running“ oder das neu aufgelegte „No cars go“ auf die Platte zu bannen, sozusagen als Ausgleich zur sonst harschen Darbietung, die beim ersten Durchgang sicherlich an einigen Stellen im Hals stecken bleibt. Aber gerade das macht den Reiz von „Neon bible“ aus. Das Erfassen der Details, die Aufschlüsselung des Komplexen, das Einswerden mit der Musik, das auf dem Vorgänger durch den stringenten Verlauf der Songs leichter vonstatten ging – Butler & Co. treten aus dem Schlagschatten des übermächtigen Vorgängers heraus und konzipieren ein Werk, das durch viele kleine Mosaiksteinchen am Leben gehalten wird und aus denen es seine Faszination bezieht. Auf die Frage hin, ob die Arbeiten zur neuen Platte zeitweise nicht von der übermächtigen Erscheinung der letzten erdrückt wurden, gibt Win´s Bruder Will zu Protokoll „Den Druck habt ihr gemacht. Wir machen nur Musik“. Amen.

Anspieltipps:

  • Windowsill
  • Intervention
  • Ocean Of Noise
  • My Body Is A Cage
  • Keep The Car Running
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