Herbert Grönemeyer - 12 - Cover
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Herbert Grönemeyer 12


  • Label: Capitol/EMI
  • Laufzeit: 49 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

„12“ entpuppt sich unterm Strich als gutes Grönemeyer-Werk.

Herbert Grönemeyer, der Mann aus dem Ruhrpott, ist einer der letzten großen Vertreter der deutschsprachigen Pop-Musik und genau genommen Deutschlands Superstar, auch wenn er in England wohnhaft ist. Ein Superstar, der seine Meinung sagt und die Massen aufgrund seiner vor allem früher stark nuschelnden Gesangsart spaltet, doch nie unüberlegt den Ruhm für Eigenmarketing-Kampagnen ausnutzt. Er ist nach wie vor der Typ von nebenan, der von den Abwegigkeiten und der Schönheit des Lebens singt, während Alben wie „Bochum” (1984), „Ö” (1988), „Chaos” (1993) oder der letzte Megaseller „Mensch” aus 2002 immer noch größten Zuspruch erhalten und in Windeseile ausverkaufte Tourneen den Weg pflastern. Im Sommer dieses Jahres gastiert Grönemeyer wieder in den Stadien Deutschlands und wirft knapp zwei Monate vor dem Tourstart im Leipziger Zentralstadion ein Album auf den nach Neuem von „Uns Herbert” lechzenden Markt, das mit „12” schlicht die Anzahl der darauf enthaltenen Titel benennt und neben typischen Hymnen auch Überraschendes zu bieten hat.

Die Überraschung ist im Opener und ersten Single „Stück vom Himmel” noch weit entfernt. Stattdessen erlebt der Fan einen ordentlichen Pop-Song, der sich in Melancholie suhlt und neben einprägsamen Piano-Klängen auch mit einem nahezu bombastischen Refrain daherkommt. Dieser lässt weit ausholende Streicher genauso wenig aus wie triumphierendes Schlagwerk und stellt mit einem gewohnt lyrisch mitreißenden Text einen guten Einstand dar, welcher sich mit der Zeit zu einem kaum bezwingbaren Ohrwurm entwickeln kann. Bei „Kopf hoch, tanzen” geben ganz klar die Elektronik und ein drückendes Schlagzeug den Takt an und dringen sehr schwungvoll aus den Boxen, so dass es ein leichtes ist, die im Titel vorgegebene Marschroute in die Tat umzusetzen, während Text-Passagen wie „Du küsst so wunderbar deutsch“ zum Schmunzeln und im Kontext weniger zum Kopfschütteln anregen. So energisch hat man Herbert Grönemeyer auf den letzten Platten seltener erlebt, tut diesem neuen Werk aber sehr gut, wobei der leichte NDW-Touch positiv überrascht.

Thematisch beschäftigt sich „Flüsternde Zeit“ mit der politischen Lage Deutschlands aus den Augen eines Wahl-Briten, der sich mit dem farblosen Kuschelkurs der Großen Koalition nicht anfreunden kann und dieses analog zur lockeren, enthusiastischen Stimmung während des so genannten Sommermärchens verarbeitet. Klug werden Seitenhiebe spielerisch verteilt („Der Sommer war groß, das Wetter überreif. Aber ihr rennt ohne Plan ins Abseits, spielt mehr harmlos als schlecht. Der Gegner kommt über rechts, für euren Beruf fällt euch sehr wenig ein... in einer flüsternden, flüsternden Zeit.“) und verfehlen dennoch nicht ihre Wirkung, die von der Musik leider nur mäßig beeindruckend aufgefangen wird.

Genau dieser Umstand, dass den genialen, lyrischen Auswüchsen musikalisch nur wenig ebenbürtige Gegenstücke präsentiert werden, lässt die Wertung ein wenig schrumpfen, wobei die eindrucksvolle Absage an Liebesschmerz mit dem Namen „Ohne Dich“ oder das südamerikanisch anmutende „Spur“ noch einmal für Großartiges sorgen und sich „12“ unterm Strich als gutes Grönemeyer-Werk entpuppt, das die Weichen für eine Erfolgsreise durch die Stadien der Republik stellt.

Anspieltipps:

  • Lied 02 – Kopf hoch, tanzen
  • Lied 05 – Flüsternde Zeit
  • Lied 08 – Ohne Dich
  • Lied 09 – Spur
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