Aereogramme - My Heart Has A Wish That You Would Not Go - Cover
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Aereogramme My Heart Has A Wish That You Would Not Go


  • Label: Chemical Underground/Rough Trade
  • Laufzeit: 47 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Ruhe nach dem Sturm. Unter Ruhe kann man vieles verstehen. Die zu suchende Innere, die Abwesenheit von Lärm, einen Entspannungszustand oder Apathie. Aktiv herbeiführen kann man Ruhe z.B. durch Entspannungstechniken wie Atemübungen oder durch das Hören des neuesten Werkes der aus Glasgow stammenden Band Aereogramme.

Mit „My Heart Has A Wish That You Would Not Go“ veröffentlichen die vier bärtigen Schotten um Leadsänger und Songwriter Craig B, nach einer fast dreijährigen Schaffenspause, ihr bereits drittes Studioalbum. Ob die langwierige Stimmbändererkrankung von Sänger Craig B einer der Gründe für das neue Soundgewand ist, lässt sich nur erahnen. Die 1998 gegründeten Aereogramme setzten auf dem Nachfolger des 2004 erschienenen „Seclusion“ auf ruhigere, eingängigere Melodien und schrauben den monströsen Lautstärkepegel des Vorgängers bis fast auf das Minimum zurück.

Assoziierte man ihren bisherigen Sound mit kraftvollen, donnernden, explosionsartigen und schwer zugänglichen Songs, deuten lediglich die ersten Sekunden von „Conscious life for coma boy“ auf eine Fortführung dieses zuvor so Aereogramme typischen Stils hin. Der schlagartige Wechsel zu neuen musikalischen Ufern, wird durch das Arrangement von Streichern, melodiösen Passagen und der so klar wie noch nie erklingenden Stimme von Craig B eingeleitet. In den nächsten knapp 47 Minuten verfolgt man einen ebenso überraschenden wie spannenden Neuanfang dieser Band. Ungeachtet der ruhigeren Töne hat man von Beginn an das Gefühl, dass sie dennoch nichts von ihrer eindrucksvollen musikalischen Präsenz und ihrem instrumentellen Einfallsreichtum verloren haben.

„Barriers“ und „Exits“, mit sanften Pianoklängen und Streichereinlagen untermalt, lassen uns ohne Umschweife in die „neue“ Welt von Aereogramme eintauchen. „A life worth living“ prägt sich unaufhaltbar in die Gehörwindungen ein, stimmt nachdenklich und wirkt schließlich doch nicht so ruhig, wie es die Musik zunächst vermuten lässt. Gitarrist und Soundtüftler Ian Cook verleiht „Finding a light“, durch den Einsatz von verzerrt erscheinenden Xylophonklängen das besondere Etwas. Dieser Song besticht durch spärlich und gedämpft vorgetragene Ausbrüche während des Refrains. Es scheint als schaue die Band ein letztes Mal auf ihre musikalische Vergangenheit zurück. Eine letzte Huldigung des dröhnenden Basses, der verzerrten Gitarren und des krachenden Schlagzeugfeuerwerks vergangener Tage, um dann erneut die Geschwindigkeit zu drosseln und wieder die Ruhe einkehren zu lassen.

„Living Backwards“, „Trenches“ und „Nightmares“ leiten dann den zweiten Abschnitt von „My Heart Has A Wish That You Would Not Go“ ein. Die ruhigen Momente sind allgegenwärtig, nur weniger melodiös als auf den vorangegangenen fünf Stücken. Etwas düsterer daher kommend und bemerkenswerte Melodiewechsel innerhalb der Liedstrukturen sind die nun markantesten Merkmale der restlichen Songs. In „The running man“ wirkt das Schlagzeug von Drummer Martin Scott eingängiger und bestimmender als zuvor und auch die Gitarren erscheinen lauter und wütender. Sozusagen ein letztes Aufbäumen in Gedenken an die stürmische Vergangenheit der Band, bevor in „You’re always welcome“ die sanft angeschlagenen Gitarrensaiten den Abschluss einer erstaunlichen Platte einleiten.

Bestimmt wird manch eingefleischter Fan von Aereogramme diesem musikalischen Wechsel zunächst mit Skepsis gegenüberstehen. Waren es doch die lauten Töne der Band, von denen er anfangs begeistert wurde. Aber wenn dann ein so homogenes und überzeugendes Werk das Licht der Welt erblickt, werden auch viele eingangs skeptische Anhänger nicht lange trauern und sich in dieser Ruhe genauso wohl fühlen wie in dem Orkan zuvor. Und wer weiß, vielleicht ist die Ruhe nach dem Sturm bereits die Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Anspieltipps:

  • Conscious Life For Coma Boy
  • Finding A Light
  • You’re Always Welcome
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