Sylvan - Presets - Cover
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Sylvan Presets


  • Label: Point Music
  • Laufzeit: 62 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Einen so offensichtlichen Versuch, den Massenmarkt zu erschließen, hat es von einer Band des progressiven Rocks wohl noch nicht gegeben. Aber es sei den Hamburgern gegönnt, schließlich veröffentlichten sie im letzten Jahr mit „Posthumous Silence“ ein im besten Sinne des Begriffes progressives und komplexes Konzeptalbum über die schwierige Beziehung eines Vaters zu seiner inzwischen verstorbenen Tochter. Und schließlich will man auch als anspruchsvoller Musiker ein wenig Geld verdienen.

Ich bezweifle allerdings, dass „Presets“ Chartchancen hat (insofern das denn die Absicht der Band war), denn auch wenn 11 der 12 Songs eingängiger und (im nicht negativ zu verstehenden Sinne) simpler ausgefallen sind, als das meiste, was die Band bisher zusammenkomponiert hat, dürfte der hier vorzufindende Sound doch eine breite Spur zu eigen und speziell sein, um einen wirklich großen Käuferkreis anzusprechen. Andererseits hat sich Qualität bisher noch fast immer ausgezahlt. Und durch „Posthumous Silence“, das die Band höhere Weihen als Vorband zu Marillion empfangen ließ und Berichterstattungen in so bekannten Musikmagazinen wie „Men's Health“ nach sich zog, wurden Sylvan ohnehin schon bekannter, als das letztes Jahr zu dieser Zeit noch abzusehen war.

Dennoch wäre es wünschenswerter gewesen, wenn die Band die Gunst der Stunde genutzt und mit „Presets“ mal ordentlich auf die Kacke gehauen hätte. Zwar sind Sylvan keine Metal-Band, aber selbst von einem Rockalbum ist „Presets“ weit entfernt. Es ist einfach zu ruhig. Und das ist auch der Hauptkritikpunkt: Vor dem Hintergrund der Ankündigung, man wolle die eingängigere Seite zeigen, hätten es ruhig ein paar knackige Gitarrenriffs sein dürfen, schließlich gab es die auch schon auf früheren Alben zu hören. Man erinnere sich beispielsweise an „I still believe“ vom Album „Artificial Paradise“ (2002). Stattdessen eignet sich „Presets“ ganz hervorragend dazu, einen anstrengenden Tag ausklingen zu lassen. Kopfhörer in die Ohren stecken, zurücklehnen und die totale Entspannung genießen! Die Refrains sind catchy, die Melodien umspielen zärtlich die Ohrmuschel und Sänger Marco Glühmann liefert eine einmal mehr herausragende Performance ab.

Trotzdem ist das in dieser Form zu wenig. Es fehlt an zwingenden Highlights; an dem im Vorfeld immer mal wieder genannten Begriff Radiotauglichkeit ist nicht zu denken, denn es bleibt kein Song wirklich im Gedächtnis haften. Die besten Chancen nach genügend Hördurchgängen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, hat noch Seite A. Ja, auch „Presets“ ist wie schon „Scarsick“ von Pain Of Salvation in Seite A und B unterteilt. Das scheint im Genre wohl neuerdings schick zu sein, auch wenn sich zumindest auf „Presets“ der Sinn dieser Aufteilung nicht ganz erschließt. Es mag am zugrundeliegenden Konzept liegen, mit dem sich der Autor dieses Textes jedoch nicht ausführlicher beschäftigt hat.

Die Songs auf Seite A, sind, wie gesagt, gewissermaßen die eingängigsten unter den Eingängigen. Sie sind so gefällig und klanggleich, dass beim Hörer mit zunehmender Spielzeit ein ausgeprägtes Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom entsteht. Nicht zu schön um wahr zu sein, aber zu sehr auf Schönheit bedacht. Es ist wie in der Modelbranche. Die oberflächliche Schönheit täuscht nicht über die Langeweile hinweg. Einzig „For one day“, der durch seine formidable Mitsingtauglichkeit wohl mainstreamartigste Track des Albums, macht kurz hellhörig. Im Anschluss geht's leider wieder nur schön weiter. Der größte Unterschied von Seite B zu Seite A ist der Buchstabe. Ansonsten: pure Schönheit. Man fühlt sich wie im musikalischen Schlaraffenland. Die mit rosa Schleifchen umherfliegenden Noten entspringen in Watte verpackten Keyboard -und Drumriffs, die wiederum von Instrumenten hervorgerufen werden, deren Verwendung sich anfühlen muss, als würde man an seinen erogenen Zonen gestreichelt. Einzig das abschließende „Presets“ wirbelt das Szenario für 12 Minuten durcheinander. Hier traut sich die Band endlich mal was. Leider zu spät.

Das liest sich jetzt alles furchtbar negativ. Vielleicht aber auch nicht. Um es noch mal festzuhalten: Das Album ist echt, äh, schön. Freunde schöner Klänge können also nichts falsch machen. Ein Album wie ein Wasserbett. Oder ein extraweiches Federkissen. Wer mit Musik allerdings auch mit folgenden Begriffen assoziiert, sollte sich den Kauf gut überlegen: Spannung, Abwechslung, Spaß.

Anspieltipps:

  • Presets
  • For one day
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