Travis - The Boy With No Name - Cover
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Travis The Boy With No Name


  • Label: Independiente/SONY
  • Laufzeit: 52 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Die zurückgekehrte optimistischere Grundstimmung der 12 Stücke kann nur begrüßt werden.

Wer die vier Schotten aus Glasgow verfolgt hat, seitdem sie von „U16 girls“ (vom Debüt „Good feeling“ (09/1997)) gesungen haben, dürfte den ersten paar Takten von „3 times and you lose“, dem Opener des bislang fünften Travis-Albums, sofort verfallen. Fran Healys angenehme Stimme schmiegt sich behutsam zu den sanften Klängen einer Gitarre ans Ohr, während er über einen nächtlichen Alptraum sinniert: „I had a nightmare / I lived in a little town / Where little dreams were broken / And words were seldom spoken / I tried to reach you / But all the lines were down / Summer rain began to fall / On this little town” – Einen besseren Einstieg hätten der charismatische Sänger, Songschreiber, Gitarrist und das stets lächelnde Aushängeschild der sympathischen Truppe, der noch Andy Dunlop (Gitarre), Dougie Payne (Bass) und Neil Primrose (Schlagzeug), angehören, nicht wählen können. Doch schwingt in diesen ersten Zeilen nicht wieder eine gewisse Melancholie und bedrückende Stimmung mit? Hat sich das Quartett noch nicht von Primroses folgenschweren Unfall 2002 in Frankreich erholt, der kurzzeitig das Ende von Travis bedeutet hätte?

Keine Angst, „The boy with no name“ ist wieder ein Werk im Stil von „The man who“ (05/1999) und „The invisible band“ (07/2002) geworden, also mit mehr Melodien und wundervollen und berührenden Arrangements, selbst wenn „Selfish Jean“ für einen Song der Band eher rockig loslegt, „Closer“ ist der zaghafte Fingerzeig, das die Schotten den Rückwartsgang eingelegt haben und die Ruppigkeit und raue Seite des Vorgängers abgelegt ist. Davon zeugt ebenso das nachfolgende Stück „Big chair“, das sich in die Reihe der beiläufigen Dudelsongs der Truppe einordnet, von denen Travis schon mehrere auf den Alben verstreut hatten. Andere nennen das auch Füllmaterial. „Battleships“ fährt dann mit subtilen Streichern auf und Healy erzählt von den turbulenten Seiten seiner Ehe, dafür präsentieren die Jungs im Anschluss als Ausgleich einen erfrischenden Stampfer namens „Eyes wide open“, der dem Grundrhythmus von KT Tunstalls „Black horse and the cherry tree“ nicht unähnlich ist, was möglicherweise davon kommt, dass besagte Dame auf dem radiokonformsten Song, „Under the moonlight“, quasi ein Semiduett mit Fran hinlegt. Nebenbei ist das der einzige Track, den Travis nicht selber geschrieben, sondern Susie Hug (Ex-Katydids) verfasst hat, für deren Solo-Album der Travis-Frontmann als Produzent fungierte.

Weiter geht’s mit dem eher unauffälligen „My eyes“, welcher dem Menschen gewidmet ist, der für den Albumtitel verantwortlich ist: Frans Sohn Clay. Da er sich mit seiner Frau Nora erst bis kurz vor der Geburt auf einen Namen für den Jungen einigen konnte, beschloss er kurzerhand den fünften Longplayer danach zu benennen und ein Stück für ihn zu verfassen. Bei „One night“ und „Out in space” wird die musikalische Nähe zu den bezaubernden Harmonien des zweiten und dritten Longplayers wieder verstärkt spürbar und ein unbehagliches Gefühl macht sich breit, Travis hätten lediglich die besten Melodien dieser beiden Werke herausgepickt und mit neuen Texten versetzt. Doch wie nicht anders zu erwarten vollbringen sie diese Rückbesinnung auf ihre eigene spezielle Art und spannen somit einen wunderbaren Bogen, sodass man ihnen gar nicht böse sein kann, wenn die Innovationen ein bisschen auf der Strecke geblieben sind, die auf „12 memories“ (10/2003) eine ganz andere Herangehensweise evoziert hatten. Man erinnere sich nur an die verzweifelte Gitarrenmelodie zu Beginn von „Re-Offender“, den nachdenklich, leicht gelangweilten Vortrag Healys in „Paperclips“ oder das durch und durch düstere „Walking down the hill“.

Nein, die zurückgekehrte optimistischere Grundstimmung der 12 Stücke kann nur begrüßt werden, was unter anderem sicher an Produzent Nigel Godrich (Radiohead, Paul McCartney, Beck) liegt, der nach dem kurzen Stelldichein von Tschad Blake (Pearl Jam, Crowded House) auf dem melancholischen Vorgänger, wieder verpflichtet wurde, obwohl für kurze Zeit sogar Brian Eno (David Bowie, U2) im Gespräch war. „Wir haben ihn (Godrich, Anm. der Redaktion) erst ganz am Ende hinzugezogen. Wir wollten nicht, dass er uns sagt, wie wir zu spielen hätten, wir wollten die Kontrolle über die Arrangements nicht aus der Hand geben. Also legten wir ihm Aufnahmen vor, die beinahe komplett waren, in ihrer Summe aber noch kein Album ausmachten. Darin ist Nigel fantastisch. Er hört das Große und Ganze, weiß die unterschiedlichsten Fäden im Mix und mittels kleiner Overdubs so zu verbinden, dass daraus ein roter Faden wird, der das Album zusammenhält. Manchmal reicht dazu schon das Weglassen einer Tonspur. Wir können das nicht, sind wahrscheinlich zu nah dran. Es hat ihm nicht behagt, dass wir ihn so spät konsultierten, aber das geschah mit Bedacht“ weiß Bassist Payne darüber zu berichten.

Zum Abschluss sorgt die Band aus Glasgow mit „Colder“ für einen lautstarken Beitrag, in dem nicht nur die Abmischung der Instrumente etwas kantiger ausgefallen ist, sondern auch eine Harfe und ein beschwingtes Mundharmonika-Zwischenspiel Platz beanspruchen, während „New Amsterdam“ durch einen ungewöhnlichen, dümmlich-simplen Text auffällt. Dafür holt der gut gelaunte Hidden Track „Sailing away“ die Kohlen aus dem Feuer, wenn Healy ein munteres Pfeifen einflechtet und ein Glockenspiel für positive Akzente sorgt. Doch dieser endgültig letzte Schlussstrich auf „The boy with no name“ steht neben dem optimistischen Ansatz noch für etwas ganz anderes: Travis sind wieder aus ihrem dunklen Loch, in das sie geschlittert sind und über das „12 memories“ Zeugnis ablegte, herausgekommen. Soviel ist sicher.

Anspieltipps:

  • Colder
  • Selfish Jean
  • Eyes Wide Open
  • 3 Times And You Lose
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