Polarkreis 18 - Polarkreis 18 - Cover
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Polarkreis 18 Polarkreis 18


  • Label: Motor Music/EDEL
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer als lokale Indie-Band ohne große Vorschusslorbeeren und vor allem ohne Album in der Tasche das Dresdener Schauspielhaus von der Bühne aus begutachten darf und am Ende der Vorstellung von über 1.000 Menschen mit stehenden Ovationen bedacht wird, kann keine gewöhnliche Indie-Formation mit regelrecht austauschbaren Rock/Pop-Schemata sein. Doch zu ähnlichen Wurzeln geht die Geschichte von Polarkreis 18 aus Dresden zurück. Felix Räuber, Bernhard Wenzel und Uwe Pasora spielten Ende der Neunziger noch recht gewöhnlichen Indie-Rock der schrammeligen Sorte und überzeugten bereits damals mit Live-Qualitäten, die allerdings beim weihnachtlichen Debüt-Konzert im Kreise der Verwandten noch sehr überschaubare Resonanzen einbrachten. Anfang des Jahrtausends wagten sich die Drei einiges mehr und bauten die Bekanntheit in der sächsischen Heimat aus, während der Anteil an experimentellen, elektronischen Elementen den einst jugendlich ungestümen Ausdruck veränderte. Christian Grochau und Philipp Makolis komplettierten das Line-Up und bitten mit dem selbstbetitelten Debüt nun zum eindrucksvollen Hörerlebnis, wie man es bisher (wenn überhaupt) nur aus anderen Ländern kannte.

Wie der erste Titel „Dreamdancer“ schon im Namen verrät, dürfen bzw. sollten gar die Augen geschlossen werden, so emotional und vielschichtig kommen die Songs daher und sind bei all der feingliedrig abgestimmten Klangvielfalt trotzdem angenehm leicht zugänglich. So fällt es nicht schwer, das vorerst schwungvoll euphorisierende „Dreamdancer“ anhand seiner orchestralen Streicheleinheiten als Ohrwurm in sich aufzunehmen und die märchenhaft hohe Stimme von Felix Räuber, die kaum einem Erdenbürger gehören kann, als Leitfaden für die innere Reise in unentdeckte Welten der träumerischen Entrücktheit zu nutzen. Was sich nach einem Break allerdings aus diesem Song entwickelt, ist emotional einfach nur umwerfend. Scharfkantige Gitarren und Felix´ verzweifelt ausufernde Stimme scheinen den Track förmlich zu zerstören und ihm dadurch ein nochmals interessanteres, neues Leben zu schenken.

Und es gibt genügend Fixpunkte auf „Polarkreis 18“, die man als herausragend und überaus bewegend einstufen kann. Ob nun „Somedays Sundays“, das die Akustikgitarre eingängig über elektronische Sequenzen/Beats legt, temporär verzerrte E-Gitarren ins Spiel bringt und sich im Laufe des Songs zu einem treibenden, gitarrenlastiger werdenden Etwas formt oder das sonnengetränkt auftrumpfende, wieder einmal mit Streichern und Gitarren verzierte „Crystal Lake“, in dem sich ebenso ein bemerkenswerter, am Ende gar noisig aggressiver Stimmungswechsel vollzieht – Es sind die scheinbar konträren Elemente aus Electro / Gitarren-Pop und unbeschwerter Lebensfreude / verzweifelter Tobsucht, die dieses Debüt auszeichnen. Wenn sich dazu mit der vokalen Akrobatik noch eine ungemein ausdrucksstarke Komponente hinzugesellt und die Umwege in Kauf nehmende Musik die Sackgasse „übertriebene Verkopftheit“ erfolgreich umschifft, ist man im besten Sinne erledigt und sinnt auf ein Wiederhören – Am besten umgehend.

Anspieltipps:

  • Dreamdancer
  • Somedays Sundays
  • Stellaris
  • Ursa Major
  • Under This Big Moon
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