Amon Tobin - Foley Room - Cover
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Amon Tobin Foley Room


  • Label: Ninja Tune/Rough Trade
  • Laufzeit: 51 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Seit der Aufzeichnung live eingespielter und ausführbarer Musik versuchten Heerscharen an Künstlern die nicht real existierende, elektronische ebenfalls in ihr Werk einfließen zu lassen, um ein Klangerlebnis zu erhalten, dass die eigene Arbeit auf ein neues, mit herkömmlichen Mitteln unerreichbares Niveau hebt. Nachdem der Handlungsraum erschöpft und vorerst an seine Grenzen gestoßen war, begannen sich allmählich reine, aus dem Computer erzeugte Sounds durchzusetzen und immer mehr Platten wurden im Alleingang produziert, während trotzdem ein komplettes Orchester und etliche andere übereinandergeschichtete Instrumente auf den diversesten Longplayern eines einzigen Solisten zu hören waren. Mit immer sensibleren Programmen und einer schier unendlichen Vielzahl an Möglichkeiten, genoss die elektronische Musik eine Spannweite deren Ende nicht absehbar war. Gesampelt wurde alles, was aufzutreiben war und dessen Lizenz für die eigene Weiterverarbeitung erworben werden konnte.

Diese Herangehensweise hat sich auch Amon Adonai Santos de Araujo Tobin alias Amon Tobin zunutze gemacht und veröffentlichte bereits vier wundervolle Platten unter eigenem Namen. Zuletzt machte er sich einem größerem Publikum durch die Auftragsarbeit für den Spielehersteller Ubisoft bekannt, in dem er den Soundtrack zu „Splinter Cell 3: Chaos Theory“ komponierte. Bislang baute er jedoch auf seine eigene Samplekunst und das ihm zur Verfügung stehende, vorhandene Material an LP´s, aus denen er einzelne Klänge, Töne und Loops extrahierte, formte und zu einem Gesamtbild zusammenfügte. Diesen Weg wollte er allerdings für sein neues Album nicht mehr gehen, wenngleich Elektronik trotzdem noch einen großen Stellenwert einnehmen sollte.

Die Schlüsselwörter sind diesmal „Feldaufnahme“ und „Foley room“. Unter ersterem versteht man die Aufzeichnung von ethnischen Völkern, Tieren, etc. an ihrem angestammten Platz, also in ihrer freien Natur bzw. Umgebung. Ein sogenannter „Foley room“ wird dazu benutzt um mit hochsensiblen Mikrophonen Tonaufnahmen für einen Film zu machen. Nachvertonungen von herkömmlichen Dingen wie Schritte, zugeschlagene Türen oder das Miauen einer Katze werden dort vollkommen ohne Einwirkung von außen aufgenommen, am Computer bearbeitet und in den Streifen eingebaut. Diese Techniken machte sich Tobin zu eigen und begab sich auf Klangreise. Sein erstes Ziel waren Industrie-Roboter „because of their natural rhythmic properties”. Danach fuhr er in einen Tierpark, ließ Löwen brüllen und etliches anderes Getier in sein Mikro schnüffeln, grunzen, brüllen oder jaulen. In San Francisco traf er das Kronos Quartet, das ihm mit ihren klassischen Künsten zur Seite stand, während er einen Schlagzeuger in einem „Foley room“ mit Schneebesen auf sein Drumkit schlagen ließ.

Diese Quellen hat er dann „solange bearbeitet, manipuliert und verzerrt, bis sie über sich hinauswachsen“ und mit seinem Händchen für aberwitzige Klanginstallationen mit seinen althergebrachten Sounds in Verbindung gebracht. Am Ende des Prozesses trifft jazzige Avantgarde auf kühl strukturierte Breakbeats und Trip Hop-Elemente, wodurch der Hörer eine schweißtreibende Achterbahnfahrt durchläuft, die mit Klängen und Geräuschen aus der näheren Umgebung angereicht ist. Daraus zieht Amon Tobin natürlich den Großteil der positiven Aspekte des Albums, denn mit jedem Durchgang erschließt sich ein weiterer Mosaikstein, wird eine neue Facette hörbar. Der Entdeckungsdrang wird praktisch immer wieder auf ein Neues gestillt, von der Symbiose aus existierenden Klängen aus der Natur mit elektronischen ganz zu schweigen.

Phrenetisches, entrücktes Harfenspiel paart sich mit wabernden und zirpenden Effekten („Horsefish“), was möglicherweise das Fressen einer Katze oder einzig und allein die Kommunikation von Ameisen untereinander ist. Tobin macht aus kleinen Insekten einen einzigartigen Geräuschträger, der sich phantastisch in den übrigen Klangkosmos der Platte einreiht. In „Esther´s“ dienen Motorengeräusche als Gestaltungselement, während im Hintergrund klinischer Industrial wütet. Ein leiser Wassertropfen wird zur Triebfeder einer Melodie („Kitchen sink“) oder „Straight psyche“ setzt mit seinem klingenden Namen auf psychedelische Effekte, die von einem Gleis eines sich nähernden Zuges entnommen sind. „Foley room“ ist einfach Musik in ihrem plastischen und organischen Rohzustand, mit genialen Beats und Breaks angereichert, die bereits ab „Bloodstone“ wie eine Droge zu wirken beginnt und einen bis zum Ende von „At the end of the day“ nicht loslässt, bis noch total benommen der nächste Trip eingeworfen wird.

Anspieltipps:

  • Always
  • Big Furry Head
  • The Killer´s Vanilla
  • Keep Your Distance
  • At The End Of The Day
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