Bright Eyes - Cassadaga - Cover
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Bright Eyes Cassadaga


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 60 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Künstler, die erst nach ihrem Tod die Anerkennung bekommen, die sie verdienen, haben zwar nicht das Glück, den Ruhm zu genießen, der ihnen gebührt, aber haben zumindest die Chance ihr Gesamtwerk ohne äußere Einflüsse zu vervollständigen und aus ihrer Not eine Tugend zu machen. Man stelle sich vor, was wäre Franz Kafka ohne Selbstzweifel? Es gibt natürlich viele Ausnahmen, aber am Betroffensten ist die Popkultur, in der zwar viele anerkannte Genies sind, aber wenig wahrhaftige. Connor Oberst war einer der anerkanntesten Genies seiner Generation. Es hat nichts mit handwerklich geschicktem Musikspiel zu tun und auch nicht, dass seine Texte den Kern der Aussage treffen. Es ist das große Ganze, die musikalischen Wendungen, als würde man „The Sixth Sence“ immer und immer wieder erleben, und die Gesamtstimmung, nicht als würde man einem Superstar zuhören, sondern einfach Connor Oberst, der nette Junge von neben an zuhören.

All diese Eigenschaften hat Bright Eyes nun abgelegt. Bright Eyes ist keine Kunstplattform mehr, Bright Eyes ist ein Business. Und das kalkuliert, dass es am besten ist, wenn man weiterhin so tut, als sei man innovativ. Also beginnt man das Album wieder, wie schon die letzten, mit einer Stimme, die irgendwas erzählt und so klingt als höre man es im Radio („Clairaudients (Kill Or To Be Killed)“). Der danach beginnende Song ist nett, schwingt sich durch die Bright-Eyes-Welt und irgendwie freut man sich als alter Fan, dass Connor wieder seine zitternde Stimme zurück hat, die er extra für das letzte Album „I’m Wide Awake It’s Morning“ abgelegt hat.

Auch das darauf folgende „Four Winds“ ist alles andere als schlecht. Hier steht sogar einer der besten Songs aufrecht, die Bright Eyes jemals geschrieben hat und zeigt zugleich alles was Bright Eyes ausmacht: Weltschmerz, Folk, großartige Zeilen und noch umwerfendere Bilder. Doch der Standard kann nicht gehalten werden und so ist das Highlight schon im zweiten Track verbraucht. Die Tragik, die mit „Cassadaga“ daherkommt, zieht sich durch die folgenden 10 Tracks.

Im Grunde sehr traurig, dass Connor Oberst gerade jetzt schwächelt. Auch wenn Künstler wie er oder auch Ryan Adams im Grunde niemals glücklich sein sollten, damit sie weiterhin so wunderbar für uns leiden, verdienen sie dennoch von ihrer Kunst leben zu können und viel Zuspruch zu bekommen. Und Connor Oberst steht vermutlich gerade auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Bereits mit 10 hat er angefangen Lieder zu schreiben und diese Aufzunehmen. Schnell entstand ein Album und später folgte ein Label, das er zusammen mit seinem Bruder Justin gründete. Heute trägt es den Namen „Saddle Creek“ und hat viele bekannte und anerkannte Bands unter Vertrag, wie The Good Life, Azure Ray, sowie die Solokarrieren der beiden Frauen, und Cursive. Bekannt wurde das Label jedoch erst nach dem Erfolg von „Lifted Or The Story Is In The Soil, Keep Your Ear To The Ground“, das Bright Eyes entgültig bekannt machte. Zuvor veröffentlichte er einige Split-EPs mit anderen Bands und das Album „Fevers And Mirrors“. Allerdings wurde er erst mit der Veröffentlichung dieses dritten Albums in den Fachkreisen anerkannt und gefördert.

Es folgten Touren durch die ganze Welt und das Glück schien sich zu manifestieren, denn auf dem darauf folgenden Album „I’m Wide Awake It’s Morning“ erkennt man Oberst nicht wieder. Bis auf kurze Aussetzer scheint er ein Dauergrinsen auf den Lippen zu haben, das den Fans sagt: Es wird alles gut. Und so kam es auch für Connor Oberst: erneute Tourneen, die immer größer wurden, Musikkritiker, die vor sich Lob überschlugen und eine große Tour mit Michael Stipe von REM, Bruce Springsteen und vielen anderen Helden gegen einen Erneuten Wahlsieg von George Bush Jr. Dazu das private Glück mit Freundin und Labelkollegin Maria Taylor. Nachdem der Rummel um die beiden meistgeliebten Alben 2005, „Digital Ash In Digital Urns“ und „I’m Wide Awake It’s Morning“ erschienen am selben Tag, verklungen war, sei er in ein tiefes Loch gefallen, sagt Oberst. Es scheint fast so, als sei er noch nicht ganz raus aus diesem Loch, dabei ist „Cassadaga“ eines der schönsten Albumtitel des vergangen Jahres. Und das, nicht nur weil er gut klingt, sondern auch eine kleine spirituelle Gemeinde in Florida repräsentiert.

Leider kommt Oberst selbst nicht mehr zur spirituellen Einsicht und verkauft dem Hörer Lieder wie „If The Brakeman Turns My Way“ und „Soul Singer In A Session Band“, die zwar so nett daher kommen, aber nichts Neues erzählen. Es ist alles kalter Kaffee und mal ehrlich, wir haben Leute wie Connor Oberst nicht um nette Songs zu schreiben. Wir haben Leute wie Connor Oberst um großartige Songs zu schreiben. Auch bei „Hot Knives“ und „Middleman“ findet man hübsche Momente, aber alles kommt einem so überladen vor und man hat alles schon einmal gehört. Dagegen glänzen Songs wie „Classic Cars“, das auf einem Bright Eyes „Best Of“-Album eines der schlechteren Songs wäre, und „I Must Belong Somewhere“, das ohne Zweifel auf das vorige Folkalbum gehört hätte. Doch die Stücke, die Fans am traurigsten machen werden, sind „Make A Plan To Love Me“ und „No One Would Riot For Less“. Denn auf beiden Liedern lässt Oberst sein Talent großartige Lieder schreiben zu können endgültig fallen. Statt großartige Melodien zu schreiben, zu spielen, zu singen, überlässt er die Arbeit einem Orchester, das dann aber nur langweilige und endlos erscheinende Arrangements spielt. Oberst zupft seine Gitarre, singt und niemals klang er so banal wie auf diesen traurigen Momenten dieses Albums.

Dass Orchester Songs kaputt machen können, wissen wir Deutschen spätestens seit Grönemeyers Album „12“, nun ist es international bekannt und man fragt sich, warum es nicht so geniale Streicher gibt wie damals auf dem „Lifted“-Album. Man fragt sich, ob nicht weniger doch mehr ist, gerade bei so einem emotionalen Menschen wie Connor Oberst. Man stellt sich so viele Fragen, während man „Cassadaga“ hört, aber man begreift nicht, warum man Bright Eyes dennoch den Erfolg wünscht, den sie verdienen und man begreift nicht, warum man Bright Eyes trotz dieses schlechten Albums noch so gern hat.

Anspieltipps:

  • Four Winds
  • Classic Cars
  • I must Belong Somewhere
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