Linkin Park - Minutes To Midnight - Cover
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Linkin Park Minutes To Midnight


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 43 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Hörer bekommt 12 bis ins kleinste Detail glattgebürstete Tracks, die am besten gleich auf MP3-Sticks verkauft werden sollten.

Künstler, die nach Jahren im Business nach einer musikalischen Frischzellenkur verlangen, wenden sich seit Jahren vertrauensvoll an einen gewissen Rick Rubin. Der bärtige Produzenten-Methusalem (aktuelles Projekt: das neue Metallica-Album auf Vordermann bringen!) hat es sich förmlich zur Lebensaufgabe gemacht, aus seinen Auftraggebern das Maximum herauszukitzeln. Er lässt sie künstlerisch und körperlich an ihre Grenzen gehen und stellt Songwriting- und Aufnahmeprozesse nach seinen Vorstellungen gnadenlos um. Das hat im Laufe der Jahre so manche Hass-Liebe produziert, brachte aber auch eine ganze Menge herausragender Alben zum Vorschein.

Einer der jüngsten Hilfeschreie in Richtung Rick Rubin stammt von Linkin Park, dem Nu-Rap-Rock-Sextett aus Los Angeles, das in wenigen Jahren mehr als 40 Millionen Einheiten von ihren Studioalben „Hybrid Theory“ (2000) und „Meteora” (2003), sowie einem Remix- („Reanimation“, 2002) und einem Live-Album („Live In Texas“, 2003) verkauft haben. Damit ist die Band eine der letzten Gelddruckmaschinen in einem rückläufigem Markt, der vier lange Jahre auf die nächste reguläre Veröffentlichung von Mike Shinoda (Gesang), Chester Bennington (Gesang), Brad Delson (Gitarre), Joe Hahn (Decks), Dave „Phoenix“ Farrell (Bass) und Rob Bourdon (Drums) warten musste.

Über 14 Monate lang hatten sich Linkin Park ins Studio zurückgezogen, um aus über 100 Demos das Material für „Minutes To Midnight“ herauszusuchen. Das klingt nach einem gigantischen Ideenfluss mit Restart-Charakter, den Produzent Rubin bestätigt: „Sie haben sich wirklich selbst neu erfunden, das klingt nicht mehr wie Rap-Rock. Das Album enthält sehr starkes Songwriting und es ist sehr melodisch“. Einspruch, lieber Rick! Jemand sollte dir die rosarote Brille, die Betriebsblind macht, herunterreißen. Denn was du mit „melodisch“ umschreibst, bedeutet im Endeffekt, dass dem LP-Sound beinahe sämtliche Zähne gezogen wurden und die Anbiederung an den Pop-Mainstream so dramatisch ausgefallen ist, wie man es von Rubin-Produktionen bisher nicht kannte.

Dabei geht das Album durchaus zünftig los. Nach einem kurzen Intro („Wake“) sprechen die Gitarren im dynamisch treibenden „Given up“ eine klare Nu-Rock-Sprache. Dazu groovt der Bass und Chester Bennington legt eine beeindruckende Performance zwischen cleanem Gesang und heftigen Brüllattacken hin. Doch schon das nächste Stück („Leave out all the rest“) schaltet auf softe Halbballade ohne Nährwert um. „Bleed it out“ bietet dagegen klassisches LP-Material, bei dem sich Mike Shinoda (Rappen) und Chester Bennington (Blöken) am Mikro abwechseln. Die Gitarren gehen in der Abmischung allerdings total unter. Jungs, wenn ihr schon keine harten Rock-Gitarren verwendet, dann bitte mit aller Konsequenz! Etwa wie in der Ballade „Shadow of the day“, die sich langsam steigert, Streicherklänge und einen zarten Gitarrensound á la U2 dazunimmt und voll in Richtung Hit tendiert. Was dagegen überhaupt nicht geht, sind Stücke wie „Valentine’s day“ (eine verbotene Mischung aus Evanescence und Good Charlotte) – und der gesamte nachfolgende Rest des Albums, der nicht mehr als Pseudo-Atmosphäre vom Reißbrett und belangloses Songwriting bietet, das zwischen extrem langweiligen Balladen („In between“), halbherzigen HipHop-Versuchen („In pieces“) und möchtegern-progressiven Seifenblasen („The little things give you away“) changiert.

Linkin Park dürfen ab jetzt gerne Popmusik machen. Von mir aus können sie auf ihrer nächsten Scheibe auch derbsten Old-School-Death-Metal spielen. Alles kein Problem. Entscheidend ist einzig und allein die Qualität der Songs und Arrangements. Doch „Minutes To Midnight“ hat von diesen Qualitäten nur ganz wenig zu bieten. Die Platte ist weder Fisch noch Fleisch und trotz aller Innovationsbeteuerungen schrecklich langweilig. Der Hörer bekommt 12 bis ins kleinste Detail glattgebürstete Tracks, die am besten gleich auf MP3-Sticks verkauft werden sollten. Sozusagen als Wegwerfartikel.

Anspieltipps:

  • Given up
  • Hands held high
  • Shadow of the day
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