Scala & Kolacny Brothers - One-Winged Angel - Cover
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Scala & Kolacny Brothers One-Winged Angel


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 55 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Handwerklich wäre hier sicherlich noch einiges mehr möglich gewesen.

Scala & Kolacny Brothers polarisieren! Ungefähr sechzig junge Frauen und ihre Chorleiter, die Gebrüder Skolacny, drängen moderne Rock- und Pop-Klassiker mit Chorgesang und Klavierbegleitung zurück in ihre kompositorischen Ursprünge. Und während die Einen dies für die längst überfällige Umformung entarteter Musik in ihre essentiellen Bestandteile halten, brüllen die Anderen im Chor „Kommerz!“, enttarnen die Neuinterpretationen als berechnende Nivellierung ihrer Musikkultur und weigern sich verzweifelt, diesen Einheitsbrei zu löffeln.

Ob Björk, Damien Rice oder Depeche Mode, die Liste derer, die für „One Winged Angel“ (ungefragt!) das Songmaterial liefern ist abwechslungsreich und zeugt von Geschmack. „Es muss ein Song sein, der mit der Umsetzung durch Scala einen weiteren musikalischen Sinn bekommt“ geben die Kolacny-Brothers befragt zu ihren Auswahlkriterien zu Protokoll. Ohne zu erläutern, wie die Sinneserweiterung der Originale auf diesem Werk, dessen Titel durchaus treffend für ein Symbol der Unvollkommenheit steht, bewerkstelligt wird.

Der Frage, was so makellosen Klassikern der jüngeren Musikgeschichte wie Björks „Joga“, „Friday I’m In Love“ von The Cure oder dem herzzerreißenden „Colorblind“ der Counting Crows noch hinzugefügt werden kann, beantwortet der klavierbegleitete Massengesang dafür sehr deutlich: Nichts! Die Transkription misslingt, weil diese Titel 1:1 übertragen werden. Uninspiriert und ehrfürchtig hangelt sich der Chor am jeweiligen Original entlang ohne sich auch nur im Ansatz eine eigene Interpretation zu erlauben. Auch ihr Faible für Radiohead (eine Neuauflage von „Creep“ war der Beginn der wundersamen Karriere des Chores) leben die Kolacny-Brothers enttäuschend einfallslos aus, indem sie mit „Fake Plastic Trees“ einen Song auswählen, der bereits im Original keine Wünsche an emotionalen Tiefgang offen lässt. Eine Übersetzung sperriger Inhalte der Spätwerke „Kid A“ oder „Amnesiac“ wäre sicherlich um einiges aufregender gewesen. Dass ein Chor durchaus geeignet ist, die sentimentalen Momente einer Komposition zu erhöhen, beweist hingegen die Neuaufnahme von „Black Horse And The Cherry Tree”, welche dem vergleichsweise schroffen Original von KT Unstall eine unerwartete Eingängigkeit verleiht. Und mit ihrer Version von „I Believe In You“ (Kylie Minouge) weisen die Kolacny-Brothers nach, dass auch dem glattgebügelsten Dance-Hit eine schlichte und durchaus gehaltvolle Komposition zu Grunde liegen kann.

Handwerklich wäre sicherlich noch einiges mehr möglich gewesen. Der Chorgesang bleibt meist einstimmig (und somit eintönig) und es fehlt der Mut, die Dramatik der Titel durch Variation von Tempo und Dynamik zu verbreitern. Dass neben Klavier und Streichern mittlerweile auch der Synthesizer zeitweise den Chorgesang begleitet, dürfte einigen Fürsprechern der Großgruppe übel aufstoßen. Doch letztlich ist dies nur eine Begleiterscheinung der Entwicklung eines kreativen musikalischen Grundgedankens zu einer kommerziellen musikalischen Größe. Auch die drei auf dem Album versteckten Eigenkompositionen (die allesamt den Tatbestand der Belanglosigkeit erfüllen) stören das Gesamtbild der unantastbaren vollkommenen Unvollkommenheit nicht wirklich.

Wer sich am Chorgesang und der damit einhergehenden Vereinfachung von Songstrukturen erfreuen kann, wird „One Winged Angel“ lieben. Und wer auch nur einen der hier neu aufgenommenen Titel wirklich liebt, wird Scala & Kolacny Brothers vermutlich auf Ewig vorhalten, sich im Schatten wirklich großer Künstler zu sonnen. Doch auch dies muss den Belgiern, die vor einigen Jahren ein eigenes, bis heute konkurrenzloses Genre erfunden haben, erst einmal jemand nachmachen.

Anspieltipps:

  • Black Horse And The Cherry Tree
  • The Blower’s Daughter
  • If You Could Read My Mind
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