Bon Jovi - Lost Highway - Cover
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Bon Jovi Lost Highway


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 50 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Bon Jovi brechen aus ihrem 08/15-Schema aus und versuchen sich an einem Countryalbum.

Die Prognose, dass „Lost Highway” vermutlich das mit am meisten Spannung erwartete Bon-Jovi-Album seit „Keep The Faith“ (10/1992) ist, dürfte gar nicht so verkehrt sein. Denn Balladenmeister™ Jon Bon Jovi bricht erstmals seit zehn Jahren – nämlich seit seinem starken Soloalbum „Destination Anywhere“ (06/1997) – aus seinen musikalischen 08/15-Schemata aus und versucht sich an einem, Vorhang auf: Countryalbum!

So verkündeten es jedenfalls die ersten aufgeregten Pressemeldungen, die Mitte März 2007 um den Globus gingen. Doch am Ende wird der Kaffee wie immer nicht so heiß getrunken, wie er gekocht wurde. Denn nur weil eine Platte in Nashville geschrieben und aufgenommen wurde, ab und zu Pedal Steel Gitarre, Fiddle, Akkordeon und Mandoline zu hören sind und mit Szeneveteranen wie Big & Rich sowie Produzent Dann Huff (Tim McGraw, Keith Urban, Rascal Flatts) zusammengearbeitet wurde, wird daraus nicht zwangsläufig ein reinrassiges Countryalbum. Dieses Risiko würde ein Jon Bon Jovi bei allem Spaß an neuen Klängen und dem Wunsch nach künstlerischer Freiheit niemals eingehen!

Trotzdem ist der Schachzug einigermaßen genial, denn für „Lost Highway“ entfällt die imaginäre Last, ein neues „Slippery When Wet“ (08/1986) oder „New Jersey“ (09/1988) abzuliefern, was von vielen Ur-Fans erhofft wird, doch von der Band wahrscheinlich nicht (mehr) gewollt ist. Und das Songwriterduo Richie Sambora/Jon Bon Jovi ist quasi im Handstreich legitimiert, seine poppigen Melodien in rockmusikfreie Radiolieder zu verpacken. Meckern verboten, wir haben es ja vorher gewusst! Und deshalb ist Bon Jovis zehntes Studioalbum natürlich nicht das angekündigte Countryalbum geworden, sondern lediglich eine noch poppigere Variante ihres typischen Songwritings, die zarte Einflüsse aus der Countrysparte zulässt und hier und da ein paar gute Ideen hat.

Die erste Singleauskopplung „(You want to) Make a memory“ ist die wohl mutigste und kompromissloseste Bon-Jovi-Ballade aller Zeiten. 4½ Minuten, die sich langsam und leise anschleichen, ohne jemals wirklich aufzubrausen, und sich von Mal zu Mal mehr ins Langzeitgedächtnis einbrennen. Die Instrumentierung ist zurückhaltend und dennoch klingt der Song satt produziert (die wenigen Streicher sind kaum zu hören, das sparsam eingesetzte Piano erzeugt Gänsehaut), während der Text, nun ja, typische Jon-Bon-Jovi-Lyrik darstellt. Damit wäre zwar schon der Höhepunkt des Albums genannt, doch es gibt noch weitere Stücke, die als gelungen bezeichnet werden dürfen, auch wenn es keine Meisterwerke sind.

So ist der Titeltrack ein nettes Schunkellied mit „Hey, hey“-Refrain, im Gute-Laune-Song „Summertime“ darf die E-Gitarre zur Abwechslung etwas lauter rocken und auch „Whole lot of leavin’“ überzeugt durch Mr. Samboras überragendes Gitarrenspiel. „We got it going on“ und „I love this town“ bedienen sich dagegen zu sehr an bekannten Bon-Jovi-Versatzstücken, auch wenn in erstgenanntem Stück Big & Rich mitmischen. „Any other day“ baut als Roadsong zunächst eine tolle Atmosphäre auf, die der Refrain nicht halten kann und „Seat next to you“ ist schlicht und ergreifend zu schmalzig geraten. Anders verhält es sich mit „Everybody’s broken“ und „One step closer“, die simple und eingängige Melodien haben, sowie dem Duett mit LeAnn Rimes („Till we ain’t no strangers anymore“), das als radiofreundliche, leicht bombastische Country-Pop-Hymne gute Chancen als Single haben dürfte.

Der wohl coolste Song der Nashville-Sessions, nämlich das bei Queens „Fat bottomed girls” geklaute „Put the boy back in cowboy”, ist leider nicht auf dem Album enthalten. Um diesen Track zu bekommen, muss der Fan auf die Maxi-Single von „(You want to) Make a memory“ zurückgreifen. Aber das tut er ja eh – vorausgesetzt, er kann sich mit den neuen Country-Popsongs aus dem Hause Bon Jovi anfreunden. Diese funktionieren nämlich – und das ist keine Überraschung – streckenweise ausgesprochen gut. Dafür muss der Ur-Fan allerdings akzeptieren, dass diese Gruppe nichts mehr mit ihrer Musik aus den 80er Jahren zu tun hat. Schließen wir also unseren Frieden mit Bon Jovi und registrieren, dass Jon, Richie, Tico und David wohl nur noch auf der Bühne richtig hart rocken können.

Anspieltipps:

  • One step closer
  • Whole lot of leavin’
  • Everybody’s broken
  • (You want to) Make a memory
  • Till we ain’t no strangers anymore
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