Smashing Pumpkins - Zeitgeist - Cover
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Smashing Pumpkins Zeitgeist


  • Label: Reprise/WEA
  • Laufzeit: 52 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein rastloses und mörderisch laut abgemischtes Gitarren-Schlachtfest.

Nachdem bereits im vergangenen Jahr jede Menge Künstler aus der Versenkung wiederauftauchten (u.a. The Who, Cat Stevens), setzt sich die Serie der überraschenden Comebacks auch in diesen Jahr fort: The Police und Genesis sind im Augenblick (allerdings ohne neue Alben) auf Welttournee. Und mit den Stooges und Dinosaur Jr. brachten zwei Rock Institutionen aus den 60er bzw. 90er Jahren neue Platten auf den Markt. Fehlen bloß noch Guns ’N Roses in Originalbesetzung und vielleicht die Smashing Pumpkins.

Vielleicht? Nein, ganz bestimmt! Denn nach sieben Jahren Pause kehren die Kürbisköpfe aus Chicago mit einem Dutzend neuer Songs und einer ausgedehnten Tour zurück. Was im ersten Moment unglaublich klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als logische Konsequenz bzw. als den vielleicht letzten Versuch, eine ins Trudeln geratene Karriere zu retten. Eine Karriere, die Anfang der 90er Jahre steil bergauf ging und vor zwei Jahren am Ende schien, als Billy Corgan sein grottenschlechtes Soloalbum „The Future Embrace“ (2005) veröffentlichte und man nur mit dem Kopf schütteln konnte, was aus dem genialen Songwriter geworden war. Doch der Reihe nach.

Die Entwicklung war beängstigend. Von Album zu Album steigerten sich die mitten in der Grunge-Hysterie an den Start gegangenen Smashing Pumpkins um Mastermind Billy Corgan, bis nichts mehr ging. Der Zenit war erreicht, es war alles gesagt, die Luft raus. Und auf einmal wendete sich das Blatt. Nach den euphorisch aufgenommenen Werken „Gish” (1991), „Siamese Dream” (1993) und „Mellon Collie And The Infinite Sadness” (1995) folgten mit „Adore“ (1998) und „Machina“ (2000) lauwarme Alben mit wenigen Höhepunkten, die von Fans und Presse zwiespältig aufgenommen wurden. Und als wäre Corgan aufgrund der mäßigen Kritiken persönlich beleidigt (die Plattenfirma Virgin Records weigerte sich sogar den Rest der „Machina“-Sessions auf den Markt zu bringen. Die Songs gab es dann für lau im Internet und füllten immerhin zwei CDs), löste er die Smashing Pumpkins auf und verkündete, nie wieder im Leben die Songs dieser Epoche zu spielen.

Das wäre gar nicht mal so schlimm gewesen, hätte das neue Corgan-Projekt Zwan etwas länger überlebt als einen Sommer und ein starkes Album („Mary Star Of The Sea“, 2003). So aber kam es, dass im Sommer 2005 eine ganzseitige Anzeige in einer Tageszeitung für Aussehen sorgte, in der Billy Corgan seine alte Band, seine Lieder und seinen Traum zurückforderte. Seitdem brodelte die Gerüchteküche („machen James Iha, D´Arcy Wretzky und Jimmy Chamberlin wieder mit?“), doch damit ist jetzt Schluss! Mit „Zeitgeist“ ist das Comeback besiegelt. Und es steht fest, dass neben dem Duo Corgan/Chamberlin niemand von der alten Garde mit dabei ist. Dass mit Ginger Reyes wieder eine gutaussehende Frau den Bass bedient – geschenkt! Dass ein gewisser Jeff Schroeder die zweite Gitarre bedient – who cares?! Es war schon immer klar, wer oder was die Smashing Pumpkins ausmacht: Ein kauziger Hüne mit Glatzkopf.

Jenen verhüllte Billy Corgan beim Live-Comeback auf dem diesjährigen Rock am Ring Festival, als er wie ein Mönch gewandet auf der riesigen Bühne erschien und neben alten Klassikern auch den einen oder anderen neuen Song anstimmte – darunter das zentrale Stück von „Zeitgeist“, „United States“, ein kongenialer 10-Minuten-Brocken, der mit seiner Sperrigkeit an selige „Mellon Collie“-Tage erinnert. Und Sperrigkeit ist auch das Stichwort im Zusammenhang mit dem gesamten Album, das mit einer wuchtigen Planierraupe aus Gitarren und Drums loslegt („Doomsday clock“) und damit den Ton für die nächsten knapp 50 Minuten vorgibt: Es wird mit Schmackes gerockt, nach links und rechts ausgezackt, das Tempo gedrosselt und wieder angezogen und dabei nie die Melodien aus den Augen verloren, die Corgan/Chamberlin auch nach ach so vielen Hakenschlägen immer wieder einfangen („Bring the light“). Das ist die typische SP-Progressivität wie wir sie kennen und lieben – und wie sie locker in vierminütige Songs passt, obwohl es dem Hörer gut und gerne wie das Doppelte vorkommt.

Eingefangen wurde dieses Biest von gleich zwei Produzenten. Roy Thomas Baker, der mit Queen in den Siebzigern „A Night At The Opera“ aufnahm (drei Songs) und Terry Date (vier Songs), der sich mit harten Gitarrenklängen bestens auskennt und in der Vergangenheit u.a. mit Soundgarden, Ozzy Osbourne, Limp Bizkit und den Deftones zusammenarbeitete. Den Rest erledigten Corgan und Chamberlin im Alleingang. Diese Dreiteilung hinter dem Mischpult funktioniert bestens

Zu den Höhepunkten dieses rastlosen und mörderisch laut abgemischten Gitarren-Schlachtfests (lediglich „That’s the way “ und das finale Doppel „For god and country“ und „Pomp and circumstances“ taugen etwas zum verschnaufen) zählen die düstere Hymne „Bleeding the orchid“, das wütend ballernde „Tarantula“ und das bereits erwähnte Song-Monster „United States“. Doch auch die übrigen Stücke halten den hohen Niveauansprüchen so mancher Pumpkins-Klassiker stand, so dass „Zeitgeist“ tatsächlich das innig erhoffte, aber nicht mehr für mögliche gehaltene Klasse-Comeback von Billy Corgan und den Smashing Pumpkins ist.

Anspieltipps:

  • Tarantula
  • Neverlost
  • United States
  • Doomsday clock
  • Pomp and circumstances
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