Porcupine Tree - Fear Of A Blank Planet - Cover
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Porcupine Tree Fear Of A Blank Planet


  • Label: Roadrunner/WEA
  • Laufzeit: 51 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Junge blickt uns verschüchtert über den Rand eines Fernsehers entgegen. In seinen Augen spiegelt sich die Leere seines Lebens wieder. Erst ist allein. Abgeladen vor Glotze und Konsole, weil sich seine Eltern mit der Erziehung überfordert fühlen. Als Erwachsener wird er ein sinnloses Leben im sozialen Abseits fristen. Der Traum von einem guten Leben wird für ihn unerfüllbar sein. Falls er nicht vorher aus dem Leben scheidet, wird er bis ins hohe Alter am Existenzminimum vor sich hinsiechen. Und das alles, weil er nie Kind sein durfte. Die Zeile „My Xbox is a god to me. Finger on the switch. My mother is a bitch. My father gave up ever trying to talk to me.” sagt einleitend alles.

Entfremdung in der Familie. Vernachlässigung Heranwachsender. Mediale Verwahrlosung. Selbstaufgabe. Pure, das Dasein bestimmende Dekadenz. Porcupine Trees neuntes Studioalbum ist eine thematische Auseinandersetzung mit den Abgründen modernen Lebens. Eine bittere Gesellschaftsanalyse voller Hoffnungslosigkeit, Tragik und Düsternis. Der Soundtrack der Unterschicht - in rein thematischem Sinne, versteht sich. Steven Wilson scheint den Glauben an die Menschheit endgültig verloren zu haben. Die Abrechnung mit den Fehlentwicklungen der Gesellschaft ist in textlicher Hinsicht die mit Abstand ambitionierteste und interessanteste Veröffentlichung der britischen Prog-Koryphäe und seiner Mitstreiter, denen Alex Lifeson von Rush und Robert Fripp von King Crimson unterstützend zur Seite stehen. Allerdings dürfte die mit erhobenem Zeigefinger vorgebrachte Mahnung nicht jedem gefallen. Manch einer könnte sich an Opas gebetsmühlenartiges "früher war alles besser" - Gemurmel erinnert fühlen. Und ob es für Steven Wilsons Leumund wirklich so zuträglich ist, sich als verbitterter alter Sack zu outen, sei mit einem großen Fragezeichen versehen, obgleich die Botschaften auf dem Album natürlich alles andere als plump daherkommen.

Seit es die Gesellschaft gibt beschweren sich die Alten über den Sittenverfall der Jungen. Und zur Überraschung aller gibt es uns immer noch. Die Gesellschaft verändert sich eben. Speziell die technischen Fortschritte lassen die Menschheit einer immer höhere Entwicklungsstufe erklimmen. Natürlich bringen Innovationen meist auch Risiken mit sich, wer jedoch die Vorteile ignoriert, versündigt sich mehr an der Gesellschaft, als die Geräte/Prozesse/Elemente etc, die er in seinen Texten anprangert. Aber genug zum thematischen Hintergrund. Möge sich jeder eine eigene Meinung dazu bilden. Bei „Fear of a blank planet“ handelt es sich um ein klassisches Konzeptalbum. Wie gesehen, setzt sich das Werk intensiv mit einer bestimmten Problematik auseinander. In musikalischer Hinsicht sind die Übergänge mal mehr, mal weniger fließend und alles ordnet sich der deprimierenden Grundstimmung unter. Es dominiert eine bedrohungsschwangere Atmosphäre, die nach intensiver Beschäftigung geradezu schreit. Statt der vergleichsweise sanften Melancholie in Moll früherer Alben wird „Fear of a blank planet“ durch ein bitterkaltes, fast schon schroffes und beängstigendes Flair beherrscht. Man beginnt phasenweise unweigerlich zu frösteln. Inhalt und Atmosphäre gehen damit eine nahezu perfekte Symbiose ein. Wer bei einem Album gerne in die Tiefe geht, wird die ausgiebigen Kopfhörersessions mit Booklet in der Hand kaum noch erwarten können. Das Coverartwork transportiert die Stimmung übrigens sehr gut.

Zugegeben: „Deadwing“ hielt der anfänglichen Euphorie auf Dauer nicht stand. Speziell die schreddernden und allzu simplen Metalriffs wirkten im Nachhinein wie Fremdkörper. Trotzdem scheint Wilson weiterhin Gefallen daran zu finden, und so verwundert es nicht, dass die strammen Gitarrenklänge auch auf diesem Album zu hören sind, allerdings mit dem bedeutenden Unterschied, dass sie sich dieses Mal wesentlich besser ins Gesamtbild einfügen. Anstatt zum reinen experimentellen Selbstzweck existierend, wie das beispielsweise noch bei „Arriving somewhere but not here“ der Fall war, wirken sie hier zur jeder Zeit songdienlich und sorgen nicht selten dafür, dass man von der nervenzerrenden Spannung erlöst wird, wie etwa im pulsierenden 18-minütigen Schwergewicht „Anesthetize“, wo sie teilweise mit eine Urgewalt röhren, dass einem angst und bange werden kann. Besagtes Lied ist thematisch und musikalisch das Kernstück des Albums und zugleich eine Reminiszenz an die eigene Musik. Eine die Grenze des Erträglichen austestende Spannung, die immer wieder in grandiosen Refrains kulminiert, welche durch Wilsons weltentrückten Gesang der ohnehin eindringlichen Atmosphäre das I-Tüpfelchen aufsetzen. In „Anesthetize“ finden alle Markenzeichen der Band ihren Niederschlag, so dass die anderen Songs fast schon wie Beiwerk wirken. Doch wer einmal „Sentimental“ gehört hat, will vorläufig keine andere Ballade mehr hören. Man kann dieses entzückende Lied einfach nur lieb haben und ganz fest knuddeln. Ähnlich verhält es sich mit dem übrigen Material. Jedes Lied hat seine Existenzberechtigung. Nichts wirkt deplatziert oder wie ein Lückenfüller. Alle Songs strotzen vor Selbstbewusstsein. So war es schon immer bei Porcupine Tree. Man merkt einfach: diese Band hat trotz inzwischen über 20jährigen Bestehens noch viel zu sagen.

Im besten Falle zeichnet sich ein Konzeptalbum in dieser Machart durch ein einprägsames (Grund-)Thema aus, welches in unterschiedlicher Variation an verschiedenen Stellen immer wieder zum Einsatz kommt. Ein solches ist auf „Fear of a blank planet“ leider nicht zu entdecken, worunter der Wiedererkennungswert ein wenig leidet. Dennoch vergeht die Zeit wie im Fluge. Die Repeattaste leiert aus. Man kann sich einfach nicht satthören. „Fear of a blank planet“ ist die logische Fortsetzung der Entwicklungsgeschichte dieser Band, doch zugleich eine Rückbesinnung auf alte Traditionen. Es ist einerseits so psychedelisch und floydig wie einst „Up the downstair“ (1993), andererseits frisch, unverbraucht und modern, wie man das von den Tools, Nine Inch Nails, Radioheads und Porcupine Trees dieser Welt eben erwartet.

Als Fazit bleibt zu sagen, dass Porcupine Tree mit „Fear of the blank planet“ souverän ihre Ausnahmestellung als unangefochtene Speerspitze des New Art-Rock untermauern. Inhaltlich fragwürdig, aber atmosphärisch und musikalisch auf allerhöchstem Niveau, selbst wenn die Ohren nichts vernehmen was man nicht so oder ähnlich schon mal gehört hat, aber es muss ja auch nicht jedes Album neue Maßstäbe setzen. „Fear of a blank planet“ ist ein starkes, reifes, kontroverses und nachwirkendes Album geworden. An die genreübergreifende Genialität eines „In Absentia“ reicht es jedoch nicht ran, weshalb ihm der Klassikerstatus verwehrt bleiben muss.

Die Platte ist auch als mehr als doppelt so teuere Sonderedition erhältlich. Diese beinhaltet im Vergleich zur normalen Ausgabe zusätzlich eine CD mit dem 5.1. Surround-Mix des Albums. Für Fans der Band hält das Jahr 2007 übrigens noch weitere Überraschungen parat. So sollen sowohl „Lightbulb sun“ (2000) als auch „Recordings“ (2001) wiederveröffentlicht werden. Außerdem plant Steven Wilson sowohl mit Mike Portnoy von Dream Theater als auch mit Mikael Akerfeldt von Opeth Projekte. Der Mann hat sich bestimmt klonen lassen.

Anspieltipps:

  • Sentimental
  • Anesthetize
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