Dream Theater - Systematic Chaos - Cover
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Dream Theater Systematic Chaos


  • Label: Roadrunner/WEA
  • Laufzeit: 78 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Das beste und vor allem konsensfähigste Album seit 1999.

Seit 1999, also seit das Konzeptmeisterwerk „Scenes from a memory“ erschien, veröffentlichten Dream Theater kein Album mehr, das so gut wie alle Fans zufrieden stellte. „Six degrees of inner turbulence“ (2002) fanden viele eher quantitativ als qualitativ überzeugend; vor dem brachialen Thrashgewitter auf „Train of thought“ (2003) suchte man lieber Deckung und „Octavarium“ (2005) stellte zwar eine Rückbesinnung auf melodischere Zeiten dar, war aber in den Ohren eines Großteils der Fangemeinde zu seicht und banal. Einig waren sich die Fans lediglich darüber, dass all diese Alben dem Stil der führenden Prog-Metaller neue Facetten hinzufügten, egal ob man diese nun begrüßte oder nicht. „Systematic chaos“ macht in dieser Kontinuität der Veränderung keine Ausnahme. Wiederum scheint es, als hätten sich die fünf Großmeister des progressiven Metals durch ihre Diskographie gewühlt, die besten Elemente der vergangenen 15 Jahre destilliert und neue Ideen hinzugefügt. Ob sich das Ergebnis dieses Prozesses hören lassen kann, sollen die nächsten Zeilen klären.

Zunächst gilt es festzustellen, dass dieses Album wieder einmal sehr viel „Value for Money“ bietet. Mit fast 79 Minuten Spielzeit, die fast ausnahmslos auf Longtracks verteilt sind, ist „Systematic chaos“ eine der umfangreichsten Dream-Theater-Veröffentlichungen. Diese Tatsache hätte natürlich keinerlei Bedeutung, wenn die 79 Minuten aus lieblosem Gefrickel und ausgelutschten Melodien bestehen würden, was unter anderem angesichts der vorab veröffentlichten Single „Constant motion“ zu befürchten war. Allerdings sorgt bereits der Opener „In the presence of emenies - Part I“ für Entwarnung. Untypischerweise umweht den Hörer erst mal fünf Minuten pure progressive Power, unterlegt mit bedeutungsschwangeren Melodien, bevor sich Sänger James LaBrie zu Wort melden darf. Das von Beginn an hohe Niveau wird die gesamten neun Minuten durchgehalten. Ein Einstieg nach Maß!

Bei dem folgenden „Forsaken“ werden allerdings den ersten Hörern die Sorgenfalten auf die Stirn treten. Der Song schließt sich an die balladesken Momente „Octavariums“ an, fällt jedoch glücklicherweise nicht annährend so kitschig aus wie „The answer lies within“. Mit einem „Surrounded“ (vom Album „Images and word“, 1992) kann er es allerdings auch nicht aufnehmen. Denjenigen, denen das Operettenhafte an LaBries Stimme schon immer auf die Nerven ging, werden während des Refrains die Ohren abfaulen. Das anschließende „Constant motion“ zeigt, dass er auch Tonlagen beherrscht, die frappierend an James Hetfield von Metallica erinnern. Trotzdem ist der Song nur Durchschnittskost. Die thrashigen Gitarrenriffs sind zwar eingängig und laden zum Headbangen ein, wirken aber auch überaus gewöhnlich – vor Allem für diese Band. Und warum sich der latent größenwahnsinnige Drummer Mike Portnoy inzwischen zum Singen (besser: Shouten) und Regieführen (näheres dazu am Ende der Rezension) berufen fühlt, bleibt mir ein Rätsel. Zumindest ersteres beherrscht er nicht annährend so gut wie sein überdimensionales Drumset.

„The dark eternal night“ schließt sich härtegradtechnisch nahtlos an „Constant motion“ an und relativiert den bei diesem Song gewonnenen Eindruck ein wenig. Die moderne Ausrichtung steht dem Song gut zu Gesicht, die Drums haben mächtig Wumms, die exzessiven instrumentalen Passagen sind nicht zuletzt dank der lange ungehörten Spielfreude der Herren Petrucci und Rudess Dream Theater in Reinkultur und der Refrain gehört zu den besten des Albums. Ein gnadenlos guter Song, der auf „Train of thought“ zu den Highlights gezählt hätte. Wem Dream Theater auf Speed noch nie geheuer waren, darf jetzt aufatmen. „Repentance“ ist einer der unaufdringlichsten Dream-Theater-Songs überhaupt. Porcupine Tree lassen hier nicht nur in Form eines Spoken-Words-Beitrags von Steven Wilson grüßen. Unter anderem auch zu hören: Mikael Akerfeldt (Opeth), Daniel Gildenlöw (Pain Of Salvation), David Ellefson (Megadeth) und Neal Morse.

Mit „Prophets of war“ folgt dann der inzwischen wohl unvermeidliche Muse-Track. Und offensichtlich setzt der Einfluss der britischen Alternative-Rock-Band ungeahnte Kreativität frei, schließlich fiel auf dem letzten Album schon „Never enough“ äußerst positiv auf, insofern man Muse mag. Das Finale bestreiten die beiden viertelstündigen Epen „The ministry of lost souls“ und der zweite Teil von „In the presence of enemies“. Man könnte beide Stücke in den blumigsten Worten beschreiben und würde ihnen doch nicht gerecht werden. Dream Theater, wie man sie liebt und vergöttert.

Bestandsaufnahme: Acht Songs. Darunter fünf Großkaliber sowie zwei sehr gute, aber kontroverse Lieder („Forsaken“, „Prophets of war“) und mit der Single „Constant motion“ ein einziger Schwachpunkt, der jedoch kein Totalausfall darstellt. Das reicht zwar nicht ganz zu einem neuen Klassiker, ist aber das beste und vor allem konsensfähigste Album seit 1999. „Systematic chaos“ ist auch als Sonderausgabe mit anderem, aber ebenso ansehnlichem Coverartwork erhältlich. Für ca. 20 Euro erhält man zusätzlich eine DVD mit dem 5.1.-Mix des Albums sowie das unter der Regie von Mike Portnoy entstandene 90-minütige Making Of „Chaos In Progress - The Making Of Systematic Chaos“.

Anspieltipps:

  • Repentance
  • The dark eternal night
  • In the presence of enemies - part I
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