Dinosaur Jr. - Beyond - Cover
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Dinosaur Jr. Beyond


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Zurück in die Vergangenheit. Wir schreiben das Jahr 1993. Bill Clinton wird als Nachfolger von George H. W. Bush (Senior) US-amerikanischer Präsident. Deutschland (mit Michael Stich und Marc-Kevin Goellner) gewinnt das Tennis Davis Cup-Finale gegen Australien. Nelson Mandela nimmt den Friedensnobelpreis in Empfang und „Die Ärzte“(aus Berlin) feiern ihre viel umjubelte Wiedervereinigung. Das Musikfernsehen in Deutschland ist dank MTV im Aufwind. Und an Stelle von Synapsen sprengenden Klingeltönen und an Schwachsinn kaum zu überbietenden ach so trendigen Teeny-Shows, kann man hier durch aus noch tolle Musikkapellen für sich entdecken.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich den Fernseher einschalte und mir ein langhaariger, mit Cowboystiefeln und unmodischem Hut ausgestatteter Zottel ins Gesicht springt. Doch bereits nach den ersten Tönen von „Start Choppin“ bin ich dieser Band ausgeliefert. Vor einem in rosa und blauen Farben getauchten, sowie mit Naturszenarienfilmchen angestrahltem Bluescreen, „grungen“ die drei von Dinosaur Jr. vor sich hin und die ständig zu brechend erscheinende Stimme von Leadsänger J. Mascis zieht mich „unwiderhörlich“ in seinen Bann.

24 Jahre nach Bandgründung, sieben Studioalben, Besetzungswechseln, einer Auflösung, diversen Soloprojekten und der Reunion im Jahre 2005, ist „Beyond“ das erste Album seit 1988, welches in der Originalbesetzung eingespielt wurde. Und die drei Dinosaurier aus Massachusetts belegen eindrucksvoll, dass nicht jede (meist finanziell rentabel erscheinende) Reunion auf Kosten der künstlerischen Qualität gehen muss. Denn Knödelstimmenweltmeister J. Mascis, Bassist Lou Barlow und Schlagzeuger Murph liefern mit diesem Album eines der besten ihrer gesamten Bandgeschichte ab. Der unverkennbare Sound der drei begeistert heute wie damals, mit treibenden Gitarrensoli, exstatischem Trommelgewirbel und dem markanten Gesang von J. Mascis. Schon nach wenigen Sekunden fühlt man sich katapultartig um Jahrzehnte zurück geschleudert. Man denkt an Kurt Cobain oder die Lemonheads in der Blütezeit ihres Schaffens, und erinnert sich wehmütig an die „guten“ alten Zeiten.

Bereits das umwerfende, schrabbelnde Gitarrenintro von „Almost Ready“ rockt dermaßen unbeirrt vor sich hin, als gebe es kein Morgen mehr. Bei der melancholischen Ballade „ Crumble“ und dem hart und wild umherwirbelnde „Been There All Time“ scheint es so, als lausche man dem Erstlingswerk einer ambitionierten Band, die den Schmuddelrock vergangener Tage zu neuem Leben erwecken will und ganz nebenbei dies auch schafft. Auch das ungewohnt melodiöse Albumhighlight „We’re Not Alone“ und das von peitschenden Gitarren und atemberaubendem Trommelwirbel vor sich hergejagte„Pick Me Up“ müssen zweifellos zu den Sternstunden der Dinosaurischen Karriere gezählt werden. Mit „I Got Lost“ und der altbewährten, fein wummernden Kraft von „What If I Knew“ werden dann letzte Hemmungen abgelegt und es schwirren wie früher, noch stundenlang Melodie- und Rhythmus Geschwader durch die Gehörgänge.

Zurück in die Zukunft. Wir befinden uns im Jahre 2007. Die deutsche Handballnationalmannschaft gewinnt das Weltmeisterschaftsfinale in Köln gegen Polen. Man feiert den 100. Geburtstag von Astrid Lindgren. Die Waldkiefer (Pinus sylvestris) ist Baum des Jahres. Und die alten Herren von Dinosaur Jr. beglücken uns mit „Beyond“. Die musikalische Wiederauferstehung einer tot geglaubten Band, an die man in einer solch eindringlichen und bezaubernden Art und Weise wohl nicht mehr geglaubt hat. Zum Glück haben wir uns geirrt.

Anspieltipps:

  • Crumble
  • Pick Me Up
  • Been There All the Time
  • We're Not Alone
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