Ryan Adams - Easy Tiger - Cover
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Ryan Adams Easy Tiger


  • Label: Mercury/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 39 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer seine Qualität beibehalten möchte, muss sich ständig ändern.

Zynische Zungen - diejenigen, die Ryan Adams nicht besonders achten - mögen fragen, wo der Künstler mit dem unglücklichen Namen im vergangenen Jahr geblieben ist. Anfang 2006 erschien ein Album, das aber auch bereits seit 2004 fertig auf den Tischen der Plattenfirma lag, den einfachen Namen „29“ trug und nicht mal ein sonderlicher Höhepunkt in dem Schaffenswerk des Melancholikers war. Überlegene Grinsen wissen jedoch mehr. Sie wissen, dass der Name gar nicht so unglücklich gewählt sein kann, schließlich ist Ryan nur der zweite Vorname von David Adams. Sie wissen, dass es eher eine leider überreizte Anspielung auf „Sie-wissen-schon-wen“ ist, der dann auch am gleichen Tag wie Ryan Adams Geburtstag hat. Sie wissen, dass sich 2006 Ryan Adams eine langwierige Entziehungskur unterzog. Sie wissen, dass selbiger, nach zwei Versuchen, wieder auf deutschen Boden auftrat und dabei alles in Grund und Boden spielte, alle Überwartungen übertraf und die Besucher randgefüllter Hallen an einem Abend glücklicher gemacht hat. Aber – und das ist das wichtigste – sie, die Ryan-Adams-Fans, akzeptieren die zynischen Zungen und denken sich heimlich, wer sich eine so große Diskographie in so wenig Zeit mit hochwertig-qualitativen und innovativen Lieder aufbaut, der kann nur absolute Fans und große Gegner haben.

Und darin liegt der kleine Schwachpunkt für viele Ryan-Adams-Songs. Denn wer seine Qualität beibehalten möchte, muss sich ständig ändern, sich neu erfinden und lässt damit auch viele Anhänger auf der Strecke. Als Ryan Adams 2000 seine Countryband „Whiskeytown“ auflöste und sich dem Folk und der Singer/Songwriter-Musik widmete, baute er sich eine neue musikalische Fanbase auf, die ihn schnell vergötterte, inklusive „der neue Bob Dyan“-Ausrufe. Dem depressiven „Heartbreaker“-Debüt folgte das popige „Gold“-Album, das Adams den Durchbruch bescherte. Höhepunkt seiner melancholischen Popmusik ist das Meisterwerk „Love is Hell“, das ungerechterweise nicht den Absatz fand, den es verdient hätte. Und so überraschte auch Ryan Adams zwei Jahre später mit dem Country-Album „Cold Roses“, ebenfalls ein Meisterwerk mit wunderbaren Songs. Doch der Trend scheint gesetzt, Ryan Adams gibt sich der Countrymusik hin. Ein Bruch, den viele Fans mit den folgenden Alben, „Jacksonville Skyline“, „29“, nicht mitmachten. Doch dieser Bruch scheint überwunden, mit dem nun erscheinenden „Easy Tiger“, eine Mischung aus Country und Pop, ein Spagat, wie nur Ryan Adams es hinbekommen könnte, denn keiner ist so Herr beider Metiers wie der 32-jährige Amerikaner.

Bereits beim Blick auf das Cover erinnert man sich zurück an das „Heartbreaker“-Album. Damals lag er auf dem Bett, Zigarette im Mund, Ascher danebenliegend, gedankenverloren. Heute sitzt er, hat die Zigarette zurück zwischen seine Finger geschoben und lächelt. Er streift die Haare aus dem Gesicht oder reibt sich sein Auge und trotz des melancholisch-drückendem Schwarz-Weiß wirkt er glücklich. So auch seine Musik: Melancholisch aber nicht traurig, vielleicht verzweifelt, aber es klingt nie nach aufgeben. Und so beginnt das Album mit „Goodnight Rose“, einem Countrylied, das den Übergang zu den vorigen Alben erleichtert. Ganz im Stil von „Cold Roses“ singt sich Adams mit beachtlicher Leistung, wie man es auch schon auf den Deutschlandkonzerten im Sommer 2006 hören konnte. Da verzeiht man auch mal Cardinals-Gitarrist Neal Casal, das er manchmal nur wie ein betrunkener, talentierter Gitarrist klingt. Dem Duett mit Sheryl Crow „Two“, ein hervorragender Song, der im Refrain leider etwas zu langweilig ist, folgt das wunderbar poppige „Everybody Knows“, eine Geschichte über eine Dreier-Konstellation inklusive Entliebten, aber frei von gerechtfertigter Trauer. Sachlich erzählt, vielleicht sogar Pop at its best.

Highlight, und das ist ungewöhnlich für einen Ryan Adams, ist das nichtssagende „Halloweenhead“, bei dem man mit dem Protagonisten durch die Halloweennacht geht und nach Gitarrensoli verlangt. Dazu reichen sich klare Drums und mitreißende Gesangslinien die Hand und vereinen sich mit der Rufus-Wainwrightesken Bridge zu einem garantierten Highlight auf jedem Konzert. Doch Ryan Adams vergisst nicht, nicht auf „Easy Tiger“, sein künstlerisches Repertoire zu präsentieren. So ist „Oh my God, whatever, etc“ eine hübsche Ballade nur mit Akustik-Gitarre, wie man es auch auf den Alben „Gold“ und „Demolition“ finden würde und „The Sun also sets“ mit seinem flehenden „There it is“-Gesang liefert einen „Love is Hell“-Moment. Mit „Off Broadway“ befindet sich auch auf dem aktuellen Album ein alter Ryan Adams-Song aus dem Jahr 2001, das damals auf seinem Bootleg „The Suicide Handbook“ erschien und seither von Fans immer wieder gewünscht, aber niemals von Adams gespielt wird. Ebenfalls bekannt dürfte „These Girls“ sein, das früher „Hey There, Mrs. Lovely“ genannt wurde, heute auch gerne Radiohead-like dargeboten wird und früher mit Worten wie „This is a new song that I wrote and absolutley hate“ eingeleitet wurde.

Mit einer traurigen Mundharmonika endet das Album mit „I taught myself how to grow old“ und man fühlt sich wieder wie damals als man das erste mal „Heartbreaker“ gehört hat, mit Zeilen wie „And I, I taught myself how to grow without any love and there was poison in the rain. I taught myself how to grow, now I’m crooked on the outside and the inside’s broke“, in denen jegliches Gefühl der Countryoberflächlichkeit verstummt und man wieder weiß, warum einem Ryan Adams früher so viel bedeutet hat. Als er nur der gitarrenzumpfende Songwriter war und nicht das talentierte Gitarren-Melodientalent.

Anspieltipps:

  • Halloweenhead
  • The Sun also sets
  • Off Broadway
  • Two Hearts
  • These Girls
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