Rufus Wainwright - Release The Stars - Cover
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Rufus Wainwright Release The Stars


  • Label: Geffen/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 55 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Release The Stars“ ist nicht das Album, das Wainwright machen wollte, es scheint eher das Album geworden zu sein, das er machen musste.

„Do I Disappoint You, In Just Being Human?” Direkt mit den ersten Zeilen geht Rufus Wainwright in Zwiesprache. Möglicherweise mit sich selbst. Denn er hatte, auf den Spuren Lou Reeds durch Berlin wandelnd, ein düsteres, musikalisch auf das Wesentliche reduziertes Album angekündigt. Und veröffentlicht nun ein Werk, dass an Opulenz, großer Geste und Pathos seinesgleichen sucht. Die Aufnahmen entstanden an historischer Stätte, in den ehemaligen DDR-Rundfunkstudios in Köpenick. Einem Ort, der symbolisch für das Scheitern einer politischen Idee steht. Und eben hier scheitert nun Rufus Wainwright an seinen eigenen Vorgaben. „Release The Stars“ ist nämlich eher so etwas wie das Gegenteil von Düsternis und Reduktion geworden.

Bereits „Do I Disappoint You“ jedoch lässt erahnen, dass Wainwright seine ursprünglichen Absichten über Bord werfen musste, weil an Stelle einer konzeptionellen Absicht die ungesteuerte Inspiration das Ruder übernommen hat. Orchestral und dramatisch eröffnet Rufus Wainwright sein neues Werk, welches insgesamt doch erstaunlich vielfältig geraten ist. „Going To A Town“ wirkt im Anschluss vergleichsweise sparsam instrumentiert, ist jedoch nicht weniger ergreifend. Und ohnehin steht hier der Text im Vordergrund, denn der hält ungewöhnlich kritische Worte für die Heimat („You Took Advantage Of A World That Loved You Well“) bereit. „Tiergarten“ beeindruckt als ausnehmend fröhlicher musikalischer Spaziergang durch Berlin und beantwortet die vieldiskutierte Frage, welchen Beitrag Pet Shop Boy Neil Tannent zu diesem Werk geleistet hat - denn das Hecheln zu Beginn und zum Ende dieses Titels steuert er höchstpersönlich bei.

Dafür bedankt sich Wainwright artig in den Credits, welchen Anteil der als „Executive_Producer“ aufgeführte Tennant darüber hinaus geleistet hat, bleibt – abgesehen von kaum hörbarem Hintergrundgesang bei einigen weiteren Titeln - allerdings unklar. „Nobodys Off The Hook“ stellt erstmals die großartige Stimme Wainwrights deutlich in den Vordergrund, leise und gefühlvoll begleitet von Klavier und Geige wirkt dieser Song vor allem durch den zerbrechlichen Gesang. Überraschend roh und rockig kommt „Between My Legs“ daher, seine Liebe zur Oper dokumentiert der Kanadier mit einem feudalen „Phantom Der Oper“-Zitat am Ende des Songs. „Not Ready To Love“ erinnert mit seiner einfachen und klaren Struktur dann doch einmal an die früheren Werke des Rufus Wainwright. „Slideshow“ beweist erneut, dass hier ein Künstler am Werk ist, der ein unvergleichliches Gefühl für Melodie & Harmonie in sich trägt. Leise und effektvoll aufgebaut, sprengt der Refrain ekstatisch die vorgesehenen Pfade, selbstverständlich mit der maximalen Ausbeute an Pomp und Kitsch. „Leaving For Paris“ ist ein zartes, musikalisches Kleinod, nur Piano und Bass begleiten den sehnsuchtsvollen Gesang.

Auf diesen kurzen Augenblick der Besinnung folgt „Sansoucci“, ein, ähem, klassischer Schlager mit Flötenspiel. Merkwürdig, doch selbst dieser Ausflug in seichteste Gewässer bleibt unpeinlich. „Release The Stars“ bildet in seiner majestätischen Big-Band Instrumentierung das würdige Ende einer aufregenden Reise durch die musikalische Welt eines Ausnahmekünstlers, der konsequent seinen eigenen Weg geht und Lieder mit solcher Substanz zu schreiben vermag, das kein Orchestergewitter dieser Welt diese zu zerschlagen vermag. Natürlich ist „Release The Stars“ nicht das Album, welches Wainwright machen wollte, es scheint eher das Album geworden zu sein, das er machen musste. Und so steht „Release The Stars“ nicht für die Tragik, sondern für die Schönheit des Scheiterns.

Anspieltipps:

  • Going To A Town
  • Tiergarten
  • Between My Legs
  • Slideshow
  • Release The Stars
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