Tocotronic - Kapitulation - Cover
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Tocotronic Kapitulation


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 54 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Wir alle müssen kapitulieren. Vor einer Band. Ihren Liedern. Einem neuen Glück.

Schon in jungen Jahren wollten sie Teil einer Jugendbewegung sein, erkannten schließlich, dass digital besser ist und nach der verlorenen Zeit kamen sie um sich zu beschweren. Es ist egal, aber aus K.O.O.K. wurde wieder Tocotronic und die Erkenntnis reifte, dass pure Vernunft niemals siegen darf. Nach mehr als dreizehn Jahren, sieben Studioalben und regelmäßigen musikalischen Metamorphosen sind Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und (seit 2004) Rick McPhail nun bereit für ihre Kapitulation.

Und diese bedeutet weitaus mehr als ein ordinäres Scheitern. Sie ist ein Zerfall, ein Fall, eine Befreiung, eine Pracht, eine Hingabe. Die endgültige Unterwerfung. Die größte aller Niederlagen und gleichzeitig der größter Triumph. So geschrieben im Albumeigenen Manifest zum Plattentitel. Hamburger Schule, Jugendkultur, Diskurspop, Grunge-Anleihen, Studentenrock der Intellektuellen. Schlagwörter die unausweichlich mit der Band und ihrer bisherigen Schaffensphase in Verbindung stehen. Eine Band deren Name einem Gameboy-Vorläufer zu verdanken ist und die Mitte der 90er Jahre ihre ersten Charterfolge zu verzeichnen hat. Deren musikalische Entwicklung sich vom Schrammeligen Lo-Fi Indie-Grunge-Gemisch über einen breiteren und düsteren Sound bis hinzu poetischen Ausflügen in die unendlichen Weiten der Pop-Sphären bewegt hat. Die Band die in den letzten Jahren teilweise sehr erschöpft und ziellos wirkte und die von vielen bereits abgeschrieben wurde. Diese Band kapituliert. Und zwar auf eine ungeahnt beglückte, frohgemute, zuversichtliche und genussvolle Art und Weise.

Das „Porträt von Douglas Morgan Hall“ ziert das neue Albumcover. Ein Gemälde des US-Amerikanischen Malers Thomas Eakins. Ein Junger Mann starrt ausdruckslos und mit geröteten Augen ins Nichts. Wie die Hoffnungslosigkeit in diesem Bild handeln auch die Texte der kapitulierenden Songs von Kraftlosigkeit, Ziellosigkeit, vom Verlust, von Resignation und Unterwerfung. Und musikalisch betrachtet, könnte man Kapitulation als die Quintessenz aller bisherigen Tocotronischen Entwicklungsphasen definieren. „Mein Ruin“ ist ein verzerrtes und gleichlaufend schnörkelloses Statement gegen eine wie Lotzwow es beschreibt „schreckliche Emo-Kultur (...).“ Auf dem mit harten Gitarrenriffs versehenen „Wir Sind Viele“ und dem geradezu punkrockigen „Sag Alles Ab“ präsentiert sich das norddeutsche Quartett dann auch in rockigster Höchstform. Aggressionspotential ist unzweifelhaft vorhanden. Zugleich betritt die Band aber auch ungewohnt eingängig-melodisches Terrain. Das fast schon beschwingte „Verschwör Dich Gegen Dich“ verzichtet auf jegliche Soundexperimente vergangener Tage und infiziert gleichermaßen unverschämt, wie die packenden und fassbaren „Imitationen“. Tocotronic gelingt es dem rauen Charme ihrer Anfänge neues Leben einzuhauchen und alle ihre bis dato eingeschlagenen Stilrichtungen gekonnt miteinander verschmelzen zu lassen.

„Und wenn du kurz davor bist / kurz vor dem Fall / Und wenn du denkst / Fuck it all / Und wenn du nicht weißt / Wie soll es weitergehen / Kapitulation“ lautet eine Textzeile aus dem Titeltrack. Wer wagt da noch Widerstand zu leisten? Dirk von Lotzwow singt makellos wie nie und Tocotronics Achte ist abseits jeglicher popmusikalischen Klischees eines der lyrisch anspruchvollsten und heilsamsten deutschsprachigen Alben seit Jahren. Wir alle müssen kapitulieren. Vor einer Band. Ihren Liedern. Einem neuen Glück.

Anspieltipps:

  • Mein Ruin
  • Kapitulation
  • Verschwör Dich Gegen Dich
  • Imitationen
  • Sag Alles Ab
  • Explosion
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