The Chemical Brothers - We Are The Night - Cover
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The Chemical Brothers We Are The Night


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 60 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Big Beat ist tot! Lang lebe der Big Beat! Gerne erinnert man sich daran zurück als „Exit planet dust“ (06/1995) mit seinen „Chemical beats“ und „Song to the siren“ die Clubs unsicher machte und ein gänzlich neues Stilgemisch aus dem brodelnden Kochtopf Madchesters (wie die damalige Szene in Englands Großstadt bezeichnet wurde) gezaubert wurde. Doch das ist bereits über zehn Jahre her und die Pioniere dieses Subgenres der elektronischen Samplekunst wie The Prodigy, Fatboy Slim, The Crystal Method oder eben The Chemical Brothers versuchen so gut es geht dem Sound von damals nach und nach eine Frischzellenkur zu verabreichen. Was bei Norman Cook mit „Palookaville“ (10/2004) allerdings in Songs voll gähnender Leere ausuferte, nahm bei Tim Rowlands und Ed Simons ganz andere Dimensionen an.

Nach dem mit althergebrachten Sounds angereichertem „Come with us“ (01/2002) und der Best Of-Zusammenstellung „Singles 93-03” (09/2003) war es auch für das Duo an der Zeit einen Schlussstrich unter das Kapitel Big Beat zu setzen und neue Wege zu beschreiten. Der Vorbote für „Push the button“ (01/2005) mischte orientalische Beats mit einem wüsten Feature von Q-Tip der Hip Hopper A Tribe Called Quest und brachte sowohl „Galvanize“ als auch dem dazugehörigen Album einen Grammy ein und The Chemical Brothers wieder ins Gespräch. Diesen Status wollen die Briten mit ihrem bislang sechsten Werk „We are the night“ beibehalten und schreiten dafür über mehrere stilistische Grenzen hinaus, die das Duo sich auf den Vorgängern gesetzt hatte.

Damit die neue Ausrichtung doppelt zur Geltung kommt, wird die neue Scheibe vom einminütigen „No path to follow“ eingeleitet, das somit das erste Intro in der gesamten Diskographie des Duos darstellt. Anschließend bauen die Chemicals in den Titeltrack das abschwellende Sample des Stücks „The sunshine underground“ von „Surrender“ (06/1999) ein und schweben auf fiependen Tunes und einem Apollo 440-ähnlichen Klanggemisch zum ersten Höhepunkt, der Kollaboration mit der New Rave-Truppe Klaxons. Mit einem enorm hohen Grad an Tanzbarkeit und bedingungsloser Dringlichkeit ausgestattet scheppert der Dance-Track in den nächstbesten Club um die Tanzfläche zum Beben zu bringen. Ähnlich stürmisch gebärt sich „Saturate“, ein minimalistisches Electro House-Monster, das mit seinen live eingespielten Schlagzeugbeats dem Song eine geradezu plastische Identifikationsebene zuführt.

Die immer wiederkehrende Aussage „I´ve seen it pumped electric“ macht sich daraufhin in der bereits ausgekoppelten Single „Do it again“ ebenfalls bemerkbar, leider verharren Rowlands & Simons zu lange auf dem gleichen Beat und langweilen bis „Das Spiegel“ den Pegel ein zweites Mal in Richtung „Surrender“ schiebt, hätte dieser Song durch seine stilistische Ähnlichkeit schließlich ohne weiteres auf dem dritten Album der Chemie-Brüder Platz gehabt. Was die Beiden jedoch mit „The salmon dance“ (mit rappender Darbietung von Fatlip der Amerikaner The Pharcyde) aussagen wollen, bleibt schleierhaft, denn mehr als ein ganz netter, an Hip Hop-angelehnter Spaßtrack, der die stringente Darbietung der folgenden Stücke auflockern soll, ist dabei nicht herausgekommen. Schließlich sind sowohl „Burst generator“, „Battle scars“ als auch „A modern midnight conversation“ zu langatmig ausgefallen, selbst wenn letzterer durch seinen 80ies-Touch der Marke Lipps Inc. („Funkytown“) durchaus Potential gehabt hätte.

Bevor „We are the night“ dem Ende zugeht, streut das Duo noch das atmosphärisch-wabernde „Harpoons“ ein, das nahtlos in „The pills won´t help you now“ mit Midlake-Sänger Tim Smith mündet, welches in der Tradition der frühen Platten der Chemical Brothers ein ruhiges und besonnenes Stück darstellt und auch hier durch angenehme Harmonien, psychedelische Klänge und eine schmeichelnde Stimme ihren Reiz bezieht. „Wir haben mehr oder weniger unseren eigenen Weg gefunden und der besteht darin, in unserem eigenen Studio monatelang zu experimentieren und dann mit Leuten zusammenzuarbeiten, die etwas einbringen, was wir aufregend finden. Es macht uns immer noch viel Spaß, ins Studio zu gehen. Für uns ist das nach wie vor ein wundersamer Ort, wo magische Dinge passieren können“ gibt Rowlands zu Protokoll. Betrachtet man die neue Scheibe der Briten im Licht dieses Zitats, dann trifft die Aussage lediglich auf die erste Hälfte der Platte zu, in der die Chemicals ihre Ideen gesteckt und das gesamte Pulver verschossen haben. Ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl und sinnvolle Kritik am eigenen Material wäre daher durchaus angebracht gewesen, denn in dieser Form hebt sich das Gros der Scheibe leider nicht über zusammengestückeltes B-Seiten-Niveau heraus.

Anspieltipps:

  • Saturate
  • All Rights Reversed
  • The Pills Won´t Help You Now
  • A Modern Midnight Conversation
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