Neutral Milk Hotel - On A Very Island - Cover
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Neutral Milk Hotel On A Very Island


  • Label: Domino/ROUGH TRADE
  • Laufzeit: 49 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
4.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Lo-Fi-Indie-Rock. Klingt ziemlich abenteuerlich und dies sei vorneweg gesagt: Das ist es auch. Was Jeff Mangum dem Hörer hier „antut“ ist Jenseits von Gut und Böse. Das Land, welches der Hörer mit dem einlegen dieser CD und dem Play-Knopf betritt, hat es in sich. Psychedelische Soundcollagen und teils sehr irritierende, sowie lustige und gleichzeitig nachdenkliche Texte treffen sich auf einem mit einem 4-Spur-Gerät aufgenommenem Silberling, um Klangebenen zu beschreiten, die man vor 30 Jahren schon erreichen konnte. Was hat man sich dabei bloß gedacht?

Wenn traumhaft (schlecht aufgenommene) Gitarrenklänge ins Zimmer strömen, macht sich der Eröffnungssong „Song Against Sex“ breit. Die Melodie kommt einem bekannt vor, entzieht sich aber jeglichen Vergleichen. Das ist Gute-Laune-Indie-Rock vom Feinsten. Der Clou ist tatsächlich der Schrammelsound, der es schafft, die Band auf eine ganz eigene Art vom Mainstream und anderen Indiebands abzugrenzen. Die Gitarren knarzen, die Bässe brummen und das Schlagzeug gibt trotz dumpfen Ton alles. Einzig Mangums Stimme klingt recht „normal“. Vielleicht liegt es gerade an der Einfachheit seiner Stimme, aber Jeffs Stimme ist sehr charismatisch und auch wenn man bessere Sänger kennen mag, ist es eine Freude dem Gesang des NMH-Frontmann zu lauschen. Das Psychedelische zeigt sich erst in den beiden Folgeliedern, welche durch Soundeinschübe, Krach, schiefe Töne und allerlei Spielereien verziert werden. Besonders „Someone Is Waiting“ übertreiobt es hierbei fast schon. Die ersten werden bei den sehr kratzigen Klängen aber wählen müssen, ob das nun guter Indie-Rock oder nur noch Instrumentenvergewaltigung ist. Die letzten dreißig Sekunden des Tracks werden von beinahe ohrenbetäubenden Gitarrenklängen beherrscht.

Bei „Baby For Pree“ läuft der Hase jetzt genau anders herum. Der reine Gitarrensong hört sich schon fast ein wenig zu normal an und einzig die charakteristische Stimme des Sängers erhält den Indipendentgedanken. Vielleicht sollte sich der Hörer aber auch nur in Sicherheit wiegen, denn mit „Marching Theme“ kommt ein eingängiges und gleichzeitig so verrücktes Instrumentalstück an und in die Ohren des Hörers, dass dieser nicht mehr weiß wo vorne und hinten ist. Als hätte man die Basistöne des Gameboys in den Mixer geworfen und mit einem einzig verbliebenen langsam untermalt. Die Gitarre sind völlig verknarzt und lassen nur eine Melodie erahnen, welche absolutes Ohrwurmpotenzial verspricht. So wirkt der Song einfach nur hypnotisch auf den angestrengten Hörer und ist ein Hörerlebnis der fremden Art. „Where You’ll Find Me Now“ führt den Hörer wieder zum Beginn der Platte. Der Klang und die Struktur der ersten Songs wird wieder erreicht. Diesmal zeigen sich Neutral Milk Hotel von der ruhigeren Seite, ohne den Schrammelcharme abzulegen. Das zweite Instrumentalstück „Avery Island/April 1st“ lässt sich am besten als knapp zweiminütiges Outro des Vorsongs beschreiben. Ganz ruhig und ohne Gitarren oder Schlagzeug. Leicht unterlegter Bläser ist zwar nicht unbedingt so psychedelisch, wie der Gesamteindruck der Platte, aber ein wunderbarer Kontrastpunkt auf der LP.

Der Hörer ist nun im Herzen des Albums angekommen und trifft mit „Gardenhead/Leave Me Alone“ auf einen Track der trotz der NMH-Tonqualität tatsächlich Chancen im Radio und in den Charts hätte. Das wünschen sich Mangum und Mannen wahrscheinlich gar nicht, aber dieser Song hat eine eingebaute Ohrwurmgarantie. Die Indie-Freunde erfreuen sich nebenbei an dem starken Blasinstrument und des Sängers Stimme. Mit „Three Peaches“ kommt der erwachsene Bruder von „Baby For Pree“ und beweist, dass nur ein paar Soundcollagen für einen bezaubernden Sound sorgen können. Bei „Naomi“ können dann die imaginären Feuerzeuge gezückt werden. Der Song knüpft nahtlos an „Gardenhead/Leave Me Alone“ an. „April 8th“ verabschiedet den Hörer mit schweren Tönen und einer traurigen Stimme. So muss eine Platte enden und nicht anders. Wer möchte kann sich auch noch das letzte Stück anhören, doch hierbei handelt es sich um eine vierzehnminütige (!) Dauerschleife des Aufnahmegeräts. Vielleicht erkennt der Rezensent nicht die Genialität des Stückes. Psychedelisch ist das zwar, aber der Kopf, sowie die Ohren halten das kaum aus. Das musste eigentlich nicht sein. Besonders nach dem schönen Abschluss, den „April 8th“ geliefert hätte.

Insgesamt muss anerkannt werden, dass es schade ist, was heute so schnell als Indie-Rock hochgejubelt wird. Letztendlich ist doch alles irgendwo Pop-Musik. Im Grunde auch Neutral Milk Hotel, nur schaffen sie es einen Charme zu entwickeln, der die Menschen auffordert hinter das Äußere zu gucken und die innere Schönheit zu entdecken. Die vielen Ideen und tollen Melodien, die das Album liefert, sind Soundtechnisch vielleicht ein Desaster, aber vielleicht wären sie modern abgemischt nur halb so schön.

Anspieltipps:

  • Song Against Sex
  • Marching Theme
  • Gardenhead/Leave Me Alone
  • Three Peaches
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