Portishead - Dummy - Cover
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Portishead Dummy


  • Label: Go Records/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 49 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Bristol, England. Eigentlich ist das nur irgendwo im UK, doch wer immer dachte, dass Manchester die einzige Stadt war, die eine Szene geprägt hat, liegt falsch. Natürlich führen die meisten beatlastigen Produktionen aus England auf diese Stadt zurück, aber in Bristol konnte sich ein Mann mehr als nur einen Namen machen. Geoff Barrow ist einer der angesagtesten Studiomusiker im Jahre 1994. Wobei dieser Mann weder Gitarre, Bass noch Schlagzeug bedient, sondern die Musik fast ausschließlich am Rechner entstehen lässt. Diese Musikausflüge à la „Café Del Mar“ alleine reichen natürlich nicht aus und so besorgte sich Barrow mit Sängerin Beth Gibbons eine Stimme, die perfekt in die düstere Stimmung des 20. Jahrhunderts passte.

Gleich bei „Mysterons“ wird dem Hörer das Konzept an die Stirn geklatscht. Dichte, atmosphärische Musik, von Beats unterlegt und Gibbons Stimme untermalt. Alles ergibt sich zu einem Ganzen, wobei sich die Musik Barrows recht neutral verhält, Beth aber den gesamten Schmerz herauslässt. Mit Einsatz von Bläsern oder anderen Effekten schafft Geoff aber auch entspanntere Musikgefilde und auch wenn sich das „Noir“-Gefühl der Songs nie absprechen lässt, ist es doch eine mal mehr, mal weniger be(un)ruhigende Stimmung, die einen verschlingt. „Pedestal“ und Strangers“ sind zum Beispiel Songs, die nicht so bedrohlich daherkommen. Ersterer punktet mit den Bläsern und letzterer legt stampfende Beats vor.

Das Album kommt wie ein Gesamtkonzept daher, ohne die ganze Zeit gleich zu klingen. Ein Lied wie „Wandering Star“ hat schlicht und ergreifend eine hypnotische Wirkung und lebt von Barrows gekonntem Einsatz der Elektronik. Ein bisschen aus der Reihe fällt „It Could Be Sweet“, das trotz Gibbons Stimme wie „irgendein“ Song klingt. Hier fehlt ein wenig die persönliche Note und das Lied plätschert ein klein wenig vor sich hin. Ähnlich verhält es sich mit „It’s A Fire“, welches aber immerhin mit einigermaßen ansprechendem Hintergrund (der auf diesem Album eigentlich immer den Vordergrund stellt) daherkommt. Warum klingen die Songs nicht ein Stück mehr wie „Numb“? Gibbons Gesang ist nicht mehr leer, sondern passt sich der groovigen Melodie an, ohne das Bedrohliche zu verlieren.

An und für sich ist gegen konventionellere Stücke nichts einzuwenden. „Roads“ ist herrlich eingängig und Gibbons zeigt, dass sie wirklich eine sehr gute Stimme hat. Ein beruhigender Song zum Träumen, weinen und was man nicht sonst noch alles damit anstellen kann. Wenn Portishead Hymnen schreiben können, dann ist „Roads“ ohne Frage ihre schönste. Wer dann noch das Gefühl hatte, dass sich Barrow immer wieder Ideen aus vergangenen Jahrzehnten holt, wird in „Nobody Loves Me“ bestätigt. Eine wunderbare Mischung aus Siebziger Underground Musik, die sich ja eigentlich erst in den Achtzigern entfaltete. Das Stück „Biscuit“ soll noch mal daran erinnern, dass schwer hämmernde Beats irgendwie einfach dazugehören, bevor mit „Glory Box“ der wahrscheinlich heißeste Song mit dem ein Album je ausgeklungen hat. Gibbons hört sich wieder recht groovig an, was ihr ehrlich gesagt besser steht, als das zerbrechliche. Hier spielen Portishead noch einmal alle ihre Stärken aus und beenden ein zeitloses Album wirklich famos.

Eigentlich hat „Dummy“ keine Höhepunkte, da sich beinahe kein Song abhebt, aber gleichzeitig sind die meisten Songs Höhepunkte für sich in diesem Gesamtkunstwerk. Es ist tatsächlich ein Stück Musikgeschichte, das das Duo da aus dem Ärmel geschüttelt hat. Ein absolutes Ass, wo nur der ein oder andere schleppende Ton die Höchstwertung verhindert.

Anspieltipps:

  • Numb
  • Roads
  • Nobody Loves Me
  • Glory Box
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