Benjamin Biolay - Trash Ye Ye - Cover
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Benjamin Biolay Trash Ye Ye


  • Label: Labels/EMI
  • Laufzeit: 51 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Serge Gainsbourg starb 1991. Benjamin Biolay ist ein wenig zu alt, um tatsächlich die Wiedergeburt des genialistischen Chansoniers zu sein. Er hat auch niemals die Absicht verfolgt, einem der größten Musiker Frankreichs gleich zu sein. Es war vielmehr die Sehnsucht der Franzosen nach einem Künstler, der ihre musikalische Identität ins nächste Jahrtausend retten würde, die aus dem charismatischen Texter und Songwriter eine Kunstfigur formte, die dem jungen Gainsbourg mit jedem Artikel im Feuilleton, mit jedem Auftritt in der Öffentlichkeit - und vor allem mit jedem Skandal - ähnlicher wurde. Aus seiner Ehe mit Chiara Mastroianni (Tochter von Marcello Mastroianni und Catherine Denueve) ging außer der gemeinsamen Tochter Anna das Duettwerk „Home“ hervor, unvermeidlich war der Vergleich mit den verliebten Werken von Gainsbourg und Jane Birkin.

Die glamouröse Ehe ist mittlerweile gescheitert und auch die Liebe der Nation zu ihrem musikalischen Wunderkind ist merklich abgekühlt. Sein viertes Album "A L’Origine" aus dem Jahr 2005 war ein kommerzieller Misserfolg und die Nichtbeachtung seines Schaffens trieb den erfolgsverwöhnten Biolay in Selbstzweifel und zu der depressiven Selbsteinschätzung, „der größte unter den großen Hochstaplern“ zu sein. Deshalb ist es wenig verwunderlich, dass Biolay die Entstehung seines aktuellen Werkes als einen sehr schleppenden Prozess beschreibt, in dem er nicht weniger als siebenundfünfzig Tracks produzierte, von denen fünfunddreißig „zu nichts führten und in der Versenkung verschwunden sind“, wie er schmerzvoll eingesteht.

Doch immerhin zwölf Songs (dreizehn, zählt man den „Hidden Track“ am Ende des Albums hinzu) schienen ihm einer Veröffentlichung würdig und liegen nun unter dem Titel „Trash YeYe“ vor. Die Qualen der vergangenen Jahre scheinen durchaus inspirierend gewesen zu sein, denn „Trash YeYe“ ist ein außerordentlich abwechslungsreiches Album geworden. Die erste Singleauskopplung „Dans Le Merco Benz“ kommt mit sommerlichem Beat und fröhlichen Mandolinenklängen daher, im Stile eines Manu Chao swingt sich Biolay aus der Sinnkrise. „Qu'est Ce Que a Peut Faire?“ ist der reine Pop, die tongewordene Befreiung aus allen musikalischen Fesseln. Einmal, im aufregend düsteren „Regarder La Lumire“ erinnert Biolay gar ein wenig an Joy Division und Konsorten.

Als Chansonier hat sich Biolay eh nie verstanden, eher als Rockmusiker, der schlicht zu schlecht englisch spricht, um seine Texte in dieser Weltsprache zu verfassen die ihm sicherlich ein völlig anderes Publikum beschert hätte. Gewöhnungsbedürftig ist neben dem latenten Chorgesang im Hintergrund allerdings auch die instrumentale Opulenz, in der viele der Lieder vorgetragen werden. Das wundervolle „Laisse Aboyer Les Chiens“ beweist eindrücklich, dass weniger manchmal tatsächlich fast alles sein kann. Doch insgesamt gelingt Biolay mit „Trash YeYe“ ein beeindruckendes Werk, das keine Vergleiche mit anderen Künstlern zulässt, weil es im positiven Sinne sehr eigenartig ist. Herzzerreißend und lässig. Ein großer Schritt hin zur eigenen Identität eines Künstlers, der für nichts stehen möchte, außer für sich selbst. Vive la Benjamin!

Anspieltipps:

  • Bien Avant
  • Regarder La Lumière
  • Qu'est Ce Que Ca Peut Faire
  • Laisse Aboyer Les Chiens
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