Die Ärzte - Jazz Ist Anders - Cover
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Die Ärzte Jazz Ist Anders


  • Label: Hot Action/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 51 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Warten hat endlich ein Ende: Die „Beste Band der Welt“ meldet sich gut vier Jahre nach dem famosen Doppelalbum „Geräusch“ erstmals wieder mit völlig neuem Material zurück. Über die Ärzte selber wurde im Laufe der Jahre wohl alles gesagt – und auch diesmal hat sich an den Basics nicht viel verändert: Immer noch zeichnen BelaFarinRod für die Musik verantwortlich. Jedoch ist „Jazz ist anders“ die erste Platte seit dem 84er Debüt-Album „Debil“, für das die Band zugleich als alleiniger Produzent fungiert – in Anbetracht der parallel laufenden Soloprojekte der Band (Racing Team, Los Helmstedt und Abwärts) durchaus beachtenswert.

Entsprechend hoch sind natürlich auch die Erwartungen, die von Seiten der Fans an Farin Urlaub, Bela B. und Rod Gonzales gestellt werden – auch wenn „Die Ärzte“ sicherlich niemandem mehr etwas beweisen müssen. Im Unterschied zum letzten Studioalbum „Geräusch“ folgt „Jazz ist anders“ einem völlig anderen Konzept: War der Vorgänger noch durch drei eigenständige Songschreiber gekennzeichnet, die einen jeweils eigenen Stil mit auf die Platte brachten, ist der Neuling umso mehr ein Gemeinschaftsprodukt: Die Songs wirken geschlossener, puristischer als dies bei vorausgegangenen Projekten der Fall war.

Aber genug der grauen Theorie – was sagt die musikalische Praxis? Oben beschriebener Eindruck bestätigt sich schon im Opener „Himmelblau“: Zwar merkt man, dass der Track aus der Feder Farin Urlaubs stammen muss, erinnert dieser doch stark an Songs seiner Soloprojekte – jedoch tritt das angesprochene puristische Moment in den Vordergrund, indem auf effektüberladene Spielereien verzichtet wird. Das „Lied vom Scheitern“, diesmal aus Bela Bs Feder stammend, ist letztlich die immerwährende Geschichte des Versuchens und Scheiterns, die in altbekannter musikalischer Manier umgesetzt wird. An dieser Stelle schon zu sehen: Die immer wiederkehrende sprachliche Güte der Texte. „Breit“ ist der erste Track, für den Rod Gonzales verantwortlich zeichnet. Der Titel ist in diesem Fall Programm – textlich wie musikalisch: Es geht um Drogenexzesse und dem Gefühl, pausenlos High zu sein. Untermalt wird die Thematik von richtig schön dröhnenden Gitarren und einem ordentlich wummernden Bass. „Lasse redn“ erinnert von der Musik ein wenig an den DÄ-Klassiker „Motherfucker 666“. Bei näherem Hinhören gilt dies auch für den Text, geht es doch nicht zuletzt auch um die Frau von Osama bin Laden und deren Damenbart. Es ist einfach klasse, dass die „political correctness“ noch nicht jeden bösen Spaß in den Texten der Ärzte aufgefressen hat.

In „Die ewige Maitresse“ dreht Farin erstmals die Regler seiner Gitarre ein wenig mehr auf – direkt steigert sich auch das Tempo des Stücks, welches zugleich ein weiterer Beweis der textlichen Klasse des Albums ist. Die erste Singleauskopplung „Junge“, die ja bereits mit einem bemerkenswerten Video von sich reden machte, erzählt die Geschichte des typischen Heranwachsenden, dem sein spießiges Umfeld ins Gewissen zu reden versucht. Musikalisch ist der Song so typisch für die Ärzte wie dies nur geht und macht richtig Dampf. „Nur einen Kuss“ ist seit langer Zeit mal wieder eine Akustiknummer über Liebe und Sehnsucht – in Anbetracht der bei den Konzerten in den letzten Jahren etablierten Unplugged-Passagen bestimmt auch live ein gern genommenes Stück. „Perfekt“ ist wieder eine Nummer, die Bela B. auf den Leib geschrieben worden ist – insgesamt ein wenig flotter und bestimmt gerade in den Hallen der kommenden Tour eines der Highlights des neuen Albums. „Heulerei“ macht musikalisch einen Schritt in die weiter zurückliegende Zeit der Band, ist insgesamt deutlich aggressiver und direkter sowie relativ gitarrenlastig. „Licht am Ende des Sarges“ ist der unvermeidbare Grusel-Song von Bela B. – diesmal gehts aber um einen lustigen Vampir. Passend dazu ist die Musik bei Weitem nicht so düster wie bei entsprechenden Pendants auf „geräusch“ – insgesamt eine richtig gelungene, kontrastreiche Nummer. „Niedliches Liebeslied“ geht wiederum auf Rods Konto. Hier werden erstmals auch Parallelen zum Albumtitel deutlich, eine gewisse jazzige Grundstimmung ist deutlich herauszuhören. „Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)“ ist eine richtige Überraschung: Musikalisch hat man bei den Ärzten ja schon einiges gehört – aber das dem Hörer da ein waschechter Funk-Sound entgegenschlägt verwundert doch dann schon. Der Text steht mal wieder in bester Tradition – böse, frech, gut.

In dickem Kontrast dazu steht „Allein“: Wiederum ein düsterer Track, der nochmal ein wenig an „geräusch“ erinnert. „Tu das nicht“ ist ein kleines Meisterwerk: Der Anfang wieder schön jazzig, dann erfolgt die Zäsur und es wird richtig heavy – textlich ein klares Statement gegen das illegale Rippen von Musik – oder nicht?? Wie so oft bei den Ärzten ist hier beides denkbar - auch wir wollen dies an dieser Stelle bewusst offen lassen. In „Living Hell“ beschreibt Farin eindrucksvoll die negativen Seiten des Showbiz und Starrummels, „Vorbei ist vorbei“ ist zuletzt nicht nur der letzte Track der Scheibe sondern auch ein Song über das Ende des Lebens – eine Idee, die auch auf früheren Alben auch schon vorkam.

Und dann ist „Jazz ist anders“ nach etwas mehr als 50 Minuten auch schon rum. Das erste was man denkt: „Wow!“ Denn dieses Album hat wirklich alles: Wie beschrieben müssen „Die Ärzte“ heute niemandem mehr beweisen, was sie auf dem Kasten haben – und genau das machen sie sich zunutze. Zwar vermisst man an der einen oder anderen Stelle vielleicht den einen infantilen Song mehr, letztlich bleibt das aber auch dem persönlichen Geschmack überlassen. Fest steht aber, dass sich dieses Album mehr als jedes seiner Vorgänger von bestehenden Erwartungen losgesagt hat und auch stilistische Neuerungen nicht scheut. Darüber hinaus merkt man insbesondere den Texten an, dass die Band gemeinsam an dieser Platte gearbeitet hat und sie insgesamt in einfach passt und in sich stimmig ist. Darüber hinaus werden die Fans noch mit einer Bonus-EP beglückt, über die an dieser Stelle aber nichts verraten werden soll – Überraschung garantiert. Viele der Stücke bieten zweifelsfrei ein riesiges Live-Potential – und genau hier wird sich die Scheibe beweisen müssen: Denn das die Ärzte live noch deutlich besser sind „als wie auf Platte“ ist ja kein Geheimnis. Bis es soweit ist lässt sich somit nur sagen: „Jazz ist anders“ trifft voll ins Schwarze – gerade, weil es anders ist.

Anspieltipps:

  • Junge
  • Perfekt
  • Living Hell
  • Tu das nicht
  • Licht am Ende des Sarges
  • Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)

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