PJ Harvey - White Chalk - Cover
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PJ Harvey White Chalk


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 34 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

PJ Harvey hat es in ihrer Karriere immer wieder verstanden, ihrer Musik einen völlig neuen, ihrer jeweiligen Stimmung und Lebenssituation entsprechenden Klang zu geben. Und so ihre eigene Erwartung zu erfüllen, sich niemals künstlerisch zu wiederholen. Die einzige Konstante blieb die Veränderung, und so überrascht es wenig, dass auch „White Chalk“ den Hörer mit allerlei unerwarteten Stilmitteln konfrontiert. Wild und wütend, geprägt von ihrem so leidenschaftlichen wie virtuosen Gitarrenspiel waren die Frühwerke der Polly Jean Harvey. Ihr aktuelles Album hingegen entstand komplett an einem Instrument, dass sie nach eigener Aussage nicht wirklich beherrscht: Dem Klavier. "Ich würde nie von mir behaupten, dass ich eine Klavierspielerin bin. Aber das Instrument half mir, mit Gewohnheiten zu brechen. Ich musste ganz neu überlegen, was ich eigentlich machen wollte." erklärt sie ihre fast kindliche Herangehensweise.

In der mehrjährigen Entwicklungsphase von „White Chalk“ verfasste die Britin etwa fünfzig Songs und wählte letztlich ausschließlich jene aus, die sie am Klavier komponiert hatte. Weil diese in ihrer Wahrnehmung die Stärksten waren - und das Klavier am ehesten jene Stimmungen zu transportieren vermochte, von denen die verstörend intimen Texte berichten. Abschied, Verlust, Einsamkeit, Betrug und Vergebung sind die vorherrschenden Themen der 11 Lieder auf „White Chalk“.

Gleich zu Beginn fordert Harvey im unglaublich intensiven, stampfenden „Devil“ niemand Geringeren als den Teufel zum Duell. Mit Engelsstimme, pompösem Kirchenchor und einer Emotionalität, die ihresgleichen sucht. Dabei ist ihre veränderte Stimmfarbe ein Stilmittel, das durchaus der Gewöhnung bedarf. Sie singt die 11 Lieder fast durchgehend in einer unglaublich hellen und hohen Stimmlage, welche sie selbst als ihre „Weihnachtsliederstimme“ bezeichnet. Und verstärkt damit die Fragilität und Intensität der Kompositionen noch einmal erheblich. Überhaupt wirkt „White Chalk“ so persönlich und innig, als hätte der Mensch Polly Jean Harvey kurzerhand die Künstlerin PJ Harvey ersetzt.

„When Under Ether“ lässt erahnen, dass die Geschichte einer Abtreibung erzählt wird, wirklich konkret wird der Text jedoch nicht. Klarer wird „To Talk To You“ in dem sie in ergreifenden Worten und Klängen den Verlust beschreibt, den der Tod ihrer Großmutter bedeutet. Eher mit der Naivität eines Kinderliedes beschreibt der Titelsong den örtlichen Ursprung all ihrer Inspiration, ihre Heimat Dorset, eine Grafschaft im Süden Englands. Und für die 3:10 Minuten, in denen Mundharmonika, Zither und der engelsgleiche Gesang diesen Ort beschreiben, ist Dorset unzweifelhaft die schönste Gegend der Welt. Dort wächst auch heute noch diese unglaubliche Fähigkeit der Harvey, ihre Empfindungen durch Lieder wahrhaftig werden zu lassen. Auf ihrem aktuellen Werk gelingt ihr dies intensiver und nahbarer als je zuvor, weshalb „White Chalk“ das leise Meisterwerk einer der außergewöhnlichsten Künstlerinnen dieser Zeit geworden ist.

Anspieltipps:

  • Devil
  • When Under Ether
  • White Chalk
  • Silence
  • Before Departure
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