Paul Dimmer Band - Wenn Alle Stricke Reissen - Cover
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Paul Dimmer Band Wenn Alle Stricke Reissen


  • Label: Tapete/INDIGO
  • Laufzeit: 40 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer ist eigentlich Paul Dimmer? Nein, die nahe liegende Vermutung, dies sei der selbstverliebte Leader der nach ihm benannten Band, ist falsch. Denn die Mitglieder heißen Christoph Wegner, Patrick Reuter und Jens Zulauf. Und die verschweigen auf ihrem neuen Werk nicht nur weiterhin die Hintergründe ihrer Namensfindung, sondern werfen gleich mal noch ein weiteres Rätsel auf. Denn der Titel ihres Zweitwerks, für das sich die drei bekennenden Melancholiker fünf Jahre Zeit ließen, mag nicht so recht zu seinem Inhalt passen. Denn diese Musik klingt überhaupt nicht, nicht mal ein bisschen nach dem, was sich die Allgemeinheit so darunter vorstellt „Wenn alle Stricke reissen“.

Ihr Label Tapete-Records tut sich schwer damit, die Paul Dimmer Band einem Genre zuzuordnen und hantiert in der Presseinfo ergebnislos mit den Kategorien „Adult Orientated Rock“ und „Alternative Adult Rock“. Dann hätte konsequenterweise noch ein „Ab 18“-Aufkleber auf die Plattenhülle gemusst. Fest steht, dass diese unvergleichliche Musik von unerklärlicher Größe ist. Weshalb es so lange dauerte, bis diese für ihr Debütalbum „Im Kleinen Kreis“ so hoch gelobte Band uns mal wieder mit zehn neuen Liedern beglückt, lässt sich vielleicht mit den Lebensorten der Protagonisten erklären. Die wohnen nämlich gut verteilt im Lande, in Hamburg, Frankfurt und Berlin. Und schickten sich ihre jeweiligen Parts zwischen diesen Städten immer wieder hin und her. Immerhin atmeten ihre Kompositionen damit die sehr unterschiedliche Luft dreier Metropolen - und doch klingt das Ergebnis dieser umständlich anmutenden Entwicklungsarbeit außerordentlich harmonisch. Keineswegs dramatisch, wie es der Albumtitel verheißt. Sondern herrlich unaufgeregt, in sich ruhend - und klar, sehr melancholisch.

Christoph Wegner singt mit einer Beiläufigkeit, die Worte zu Tönen werden lässt, Töne, die in fließenden Melodien münden. Vieler Instrumente bedarf es deshalb nicht, um die Sentimentalität der Kompositionen zu betonen. Die Texte beschränken sich auf Andeutungen, die viele Fragen offen lassen, nichts erklären wollen. „Ich kenne die Geräusche und den Krach/ Die Geschäfte und Leute dieser Stadt/ Doch irgendwie heute bricht’s mir das Herz“ singt Wegner im ergreifenden „Neben Mir“. Und überlässt es dem Hörer, diese Worte mit eigenen Gefühlen zu einer Geschichte zu entwickeln.

Langsamkeit ist wohl die am deutlichsten ausgeprägte Eigenschaft der Paul Dimmer Band. Das fällt auf, wenn man beim Hören mal aus dem Fenster schaut und sich wundert, weshalb die Leute auf der Straße alle so rennen. Tun sie natürlich nicht. Aber im Kontrast zu dieser bedächtigen Musik wirkt das gewöhnliche Alltagsleben eben wie ein rastloser Spurt. Der Dramaturgie wegen gibt’s am Ende dieser Besprechung dann noch die Auflösung der Frage, wer eigentlich der Namensgeber dieser Band ist: „Paul Dimmer ist diese Art melancholischer Schweinehund, der in uns wohnt, wenn uns mal wieder keiner versteht, wir ohnehin keinen sehen wollen und die Welt durch ein Jammertal geht.“ Den gibt’s also nicht wirklich. Schade, ich hätte ihn gern mal gesprochen. Er ist mir noch einige Antworten schuldig.

Anspieltipps:

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