Sieges Even - Paramount - Cover
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Sieges Even Paramount


  • Label: Inside Out/SPV
  • Laufzeit: 62 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Den „Test of Time“ besteht nicht jedes Album. Von vielen vermeintlichen Meisterwerken spricht manchmal schon Wochen später kein Mensch mehr. Und wenn erst ein paar Monate und Jahre ins Land gezogen sind, fristet es ein Dasein im Verborgenen und möchte am liebsten schreien „Ich bin doch ein Meisterwerk, also beachtet mich gefälligst!“ Nun ist es ja nicht so, dass über „The art of navigating by the stars“ (im Folgenden nur noch als „Navigating“ bezeichnet) allzu viele Menschen gesprochen haben, obwohl sich das Album besser verkaufte als erwartet. Aber diejenigen, die darüber sprachen, sprechen immer noch darüber und sind von ihrem Standpunkt keinen Millimeter abgerückt. Die Halbwertszeit im Prog-Genre ist eben von längerer Dauer als in manch anderen Bereichen, was sicherlich darauf zurückzuführen ist, dass die Gruppen eine ausgeprägte stilistische Einzigartigkeit an den Tag legen und technisch so raffiniert zu Werke gehen, dass sich etwaige Epigonen bei Nachahmungsversuchen sämtliche Finger brechen.

„Navigating“ stellte ein Comeback-Album dar. Geschlagene acht Jahre war die Band in der Versenkung verschwunden. Mit dem neuen Sänger Arno Menses wagte man 2005 einen Neubeginn und schlug ein wie die sprichwörtliche Bombe. Selten hatte die Prog-Welt ein ausgeklügelteres Werk erlebt. Nach Meinung des Rezensenten gehört die Platte zu den 10 besten Prog-Scheiben aller Zeiten. Eine Erbe, das schwerer nicht wiegen könnte. Bemühungen, unmittelbar an den Vorgänger anzuknüpfen, sind eigentlich von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Und deswegen versucht es die Band auch gar nicht erst. Was bereits beim erstmaligen Hören von „Paramount“ auffällt, ist dass die Kompositionen merklich an Komplexität eingebüßt, aber an Melodiereichtum gewonnen haben. „Navigating.“ war beileibe kein allzu komplexes Werk, doch die typisch progressiven Eigenschaften traten definitiv deutlicher zu Tage als das auf „Paramount“ der Fall ist.

Eine der Besonderheiten des Albums lag darin, dass sich relativ schwer durchschaubare Strukturen langsam auflösten und in wundervollen Melodien mündeten. Diese Abwechslung, dieses Spannungsfeld war es (unter anderem), das die Brillanz von „Navigating“ ausmachte. Und genau dieses Spannungsfeld fehlt auf „Paramount“. Das Werk hält zwar immer noch genügend Überraschungen bereit, verzückt mit waghalsigen Breaks und erfordert hohe Konzentration um bei unvorhergesehenen Tempowechseln den Faden nicht zu verlieren, aber alles in allem herrscht für Prog-Verhältnisse „Easy Listening“ vor. Die Melodien stehen für sich, ohne mit großartigem Tamtam angekündigt zu werden. Aber können sie auf Dauer auch bestehen? Diese Frage kann wohl nur der eingangs genannte „Test of Time“ beantworten; unmöglich darüber zu diesem Zeitpunkt eine Aussage zu treffen. Es ist jedoch anzunehmen, dass sich erste Sättigungsgefühle schon nach relativ kurzer Zeit einstellen. Bis dahin werden Freunde des Wohlklangs aber ihren Spaß mit „Paramount“ haben. Vor allem die balladesken Lieder „Eyes wide open“ und „Bridge to the divine“ sind den Deutschen hervorragend gelungen.

Überhaupt sind die kurzen bzw. kurz betitelten Songs ganz klar die Highlights, was für ein Prog-Album auch nicht unbedingt gewöhnlich ist. Da ist es schon fast nicht verwunderlich, dass „Mounting castles in the blood red sky“ auch qualitativ deutlich aus dem Rahmen fällt. In dem Song wurde die berühmte „I have a dream...“-Rede von Martin Luther King verarbeitet. Im Grunde handelt es sich dabei nicht um ein Lied, sondern um einen Vortrag, der ab und zu von fragmentarischen Tönen unterbrochen wird. Entsprechend mühselig gestaltet sich das Hören. Politische Statements wurden schon besser transportieren. Im abschließenden Longtrack werden normalerweise noch mal alle Register gezogen, aber „Paramount“ (der Song) wirkt wie mit angezogener Handbremse eingespielt. Der Song strotzt zwar vor Einfällen, allerdings wurden die meines Erachtens nicht ganz überzeugend miteinander verknüpft. Der Refrain verleitet so gar kurzzeitig zum Weghören. Der Saxophon-Part gehört jedoch ganz klar zu den besten Momenten dieses Albums.

Alles in Allem ist den wiederauferstandenen Prog-Profis ein erstklassiges Werk gelungen, das den Vergleich zum Vorgänger jedoch nicht ganz standhält. In den Tagen nach dem Erwerb wird man sich kaum davon losreißen können. Die Frage ist nur, ob das in ein paar Wochen und Monaten auch noch so sein wird.

Anspieltipps:

  • Tidal
  • Eyes wide open
  • Bridge to the divine
  • Where our shadows sleep
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