Say Anything - In Defense Of The Genre - Cover
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Say Anything In Defense Of The Genre


  • Label: RCA/SonyBMG
  • Laufzeit: 89 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Doppelt hält besser. Zumindest wenn es sich um ein Sicherheits-Backup der heimischen PC-Festplatte handelt. Oder um die vorsorgende Mütterliche Grippebekämpfung via zweifachem Gore-Tex-Pullover-Überzugs bei ihren umsorgten Schösslingen Kevin und Mandy. Oder auch beim zusätzlichen Nageleinschlag beim Aufbau eines Wackelwandschranks Marke Schwedischer Möbeleinrichter. Aber wie sieht es aus bei unseren geliebten Musikwiedergebenden Silberlingen?

Die Vergangenheit hat bewiesen das in den meisten Fällen besser der Leitsatz „Weniger ist mehr“ über die Studiotür hätte gemeißelt werden sollen. Zugegeben, nicht jede Zwillingsveröffentlichung gehört in die Sparte Lückenfüller. Wir denken an die Smashing Pumpkins und ihre immer wieder aufs Neue beglückenden „Siamese Dreams“ oder an die lyrische Sozialisationsstudie eines Mark Oliver Everett, besser bekannt als die Eels, auf seiner einfach märchenhaft schönen „Blinking Lights And Revelations“. Den Großteil stellen aber Platten, denen eine Songtechnische Reduzierung wohl immens gegen das eigene Vergessenwerden geholfen hätte und die aufgrund der ausgedehnten akustischen Ergüsse ihrer Schaffer, ein vereinsamtes Leben in nassen und dunklen Kellern (bzw. den im Keller gestapelten Boxen) fristen. Wer hat sich nicht schon alles vergeblich daran versucht? Die Foo Fighters, die Ärzte, die Red Hot Chili Peppers oder auch der ansonst Qualitätsmaßstäbe setzende Ryan Adams – um nur einige zu nennen. Ihr Ausflug in die 20+ Songverbreitung war gemessen an ihren künstlerischen Höchstleistungen eigentlich stets eine mehr oder weniger derbe Enttäuschung.

Nun versucht es auch Max Bemis, Liederschreiber, Mastermind und Frontmann von „Say Anything“. Ihr Vorgängeralbum „Is A Real Boy“ war eines der besten im Jahre 2006 und strotzte nur so vor ironischen Seitenhiebe auf Genreverwurzelte Möchtegernstars und begeisterte u.a. durch grandiose Melodien und einmalige Songjuwelen. Umso erstaunlicher, dass bereits mit ihrer erst dritten Veröffentlichung, der Weg einer in der Hörerschaft eigentlich immer mit Argwohn betrachteten Doppel-Ausgabe eingeschlagen wird. „In Defense Of The Genre“ heißt das 27 Stücke umfassende und bereits durch seinen Titel mit einem Augenzwinkern versehene, auf uns zukommende Rockraubtier. Stellt sich eigentlich nur die Frage, ob wir es hier mit einem brüllenden Löwen oder einem Altersdebilen Streichelkätzchen zu tun haben?

Es sei vorweggenommen: Say Anything schaffen es nicht nur, die auf den meisten Doppel-Erscheinungen obligatorisch eingestreuten „Filler“ gänzlich zu vermeiden, sondern streifen mit ihrem Album nahezu jeden musikalischen Stil, den man mit Rock, Pop- und Punkmusik überhaupt in Verbindung bringen kann. Dabei sind auch die zahlreichen Gastauftritte befreundeter Sänger, u.a. Pete Yorn, Adam Lazzara (Taking Back Sunday), Chris Carrabba (Dashboard Confessional), Matt Skiba (Alkaline Trio) oder auch Gerard Way (My Chemical Romance) zu erwähnen, die durch ihre Background Performances zu überzeugen wissen. Bei der Fülle der vorliegenden Songs fällt es demnach auch nicht leicht eine gebührende Bewertung jedes einzelnen Liedes der zwei Scheiben vorzunehmen. Ich beschränke mich deshalb auf die absoluten Höhepunkte einer durchweg begeisternden Platte, bei der zwar das eine oder andere Stück im Vergleich zu anderen allerdings weniger überragend wegkommt, aber bei der dennoch keine nennenswerte Schwächen auszumachen sind.

Bereits der Opener auf CD 1 „Skinny, Mean Mean“ erfüllt die hohen Erwartungen vollends. Etwas düster daherkommend, beweist die Band schon zu Beginn ihre unglaubliche Fähigkeit, Songs nach Belieben diversen Tempo Veränderungen zu unterziehen, ohne dabei das Liedgerüst auch nur Ansatzweise ins Wanken zu bringen. „Church Channel“ schlängelt sich nur so durch Tempi und Stil-Mixe, dass es eine wahre Freude ist und „Shiksa (Girlfriend) ist der astreine, catchy Ohrwurm der Platte. „Baby Girl, I’m A Blur“ feuert elektronische Beats Richtung Ohrmuschel und das herrlich aufbrausende „People Like You Are Why People Like Me Exist“ sticht gleichermaßen erfrischend ins Ohr wie das ruhige und himmlisch von Streichern begleitete „An Insult To The Dead“. Auf der sich mehr an Mid-Tempo-Stücken orientierenden zweiten CD sollten unbedingt, der mit tollem Chorus aufwartende Titeltrack, sowie das Pop-Perlende „The Truth Is You Should Lie With Me“ Erwähnung finden. Ebenfalls das langsame und einfach berauschende „Vexed“, sowie das raue und äußert zügig vorbeischrammelnde „We Killed It“. Mit dem sagenhaften „Plea“ beenden Say Anything ihren atemberaubenden Trip durch die Genres. Hier packen Sie noch mal alles was schon die letzten 85 Minuten so sehr Freude bereitet hat in einen einzigen Song.

Dies ist auch gleichzeitig das Beste, was Say Anything in ihrer Karriere bis dato abgeliefert haben. Mit der Unterstützung von Hayley Williams und Kenny Vassoli (The Starting Line) klang ein Rocksong selten so ehrlich und euphorisch wie hier. „In Defense Of The Genre“: Zwar bleibt ungewiss was Benis und Kumpanen denn nun eigentlich Verteidigen wollen. Punk? Emo? Den guten alten Rock? Oder irgendetwas dazwischen? Es ist eigentlich völlig egal. Sie haben es aufopferungsvoll beschützt. Und dank dieses Albums sollte ihr Genre von nun an für die gut nächsten 50-100 Jahre, vor jeglichen Attacken gefeit sein. Vielseitig, verrückt und fesselnd. Say Anything legen mit diesem Giganten gewaltig vor und zeigen allen an ihren gewaltigen Produktionen scheiternden Künstlern wie es gehen kann- wenn man es denn kann!

Anspieltipps:

  • Skinny, Mean Mean
  • The Church Channel
  • An Insult To The Dead
  • We Killed It
  • Vexed
  • Plea

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