Vince - Mordballaden - Cover
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Vince Mordballaden


  • Label: Murdersound/EDEL
  • Laufzeit: 50 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Kennt ihr diese Gruselgeschichte, in welcher der Erzähler die Angst des Zuhörers mit einer variablen, auf jeden Fall aber Furcht einflößenden Story über eine merkwürdige Kiste schürt? Die Dramaturgie ist ausgerichtet auf den drängenden Moment, in dem diese Kiste durch den von Panik gepeinigten Protagonisten geöffnet wird, der verängstigte Zuhörer erwartet mindestens den Teufel persönlich darin. Und dann lüftet der Erzähler, bedächtig und mit spannungstreibender Langsamkeit das Geheimnis um diese Kiste des Grauens: „Er öffnete diese dunkle, alte Kiste - und er sah (atemlose Pause…): VIELE VIELE BUNTE SMARTIES!“

Die Frage, was diese Geschichte in einer Musikrezension soll, ist berechtigt und wird im Folgenden mit der Beschreibung des Artworks zum vorliegenden Cover und der inhaltlichen Pointe beantwortet: Dunkelblaufastschwarz ist dieses Cover gehalten, ein stilisierter Totenkopf grinst uns böse an. Im Hintergrund eine undeutliche Zeichnung, die sich mit etwas Phantasie als das bedrohlich aufgerissene Maul eines bösen Fabeltieres identifizieren lässt. Und der Titel sichert den nächsten Schauer: „Mordballaden“ nennt sich dieses düstere Werk. Uuuh…

Das Album beginnt mit den bedeutungsschwanger vorgetragenen (inhaltlich allerdings durchaus diskutablen) Spoken Words „Am Anfang eines Mooorrdes steht das Ende eines Lebbeeens“. Uuuh²! Gesprochen hat diese Worte übrigens Udo Lindenberg, bis hierhin also eine konsequente Umsetzung der Idee, Grauen zu erregen. Dann setzt ein Orchester ein. Passt. Die Furcht vor dem, was da kommen mag, steigt ins Unermessliche. Und nun der erste Song, „You Are“. Und da sind sie, die vielen, vielen bunten Smarties!

Vince Bahrdt, Songwriter und Pianist der Kitschpopper „Orange Blue“, verantwortlich unter anderem für die Superschnulze „She’s Got That Light“, für die Musik zu Disneys „Dinosaurier“ und den Titelsong der Hollywood Produktion „America’s Sweethearts“, singt eine (gefährlich nah am Schlager gebaute) Ballade über die große Liebe. Und bringt diese dann nicht einmal um die Ecke. Statt eines anständigen Mordes gibt es den folgenden Text: „Du bist das Meer / Das jeden Regen leicht besiegt / Du bist so sehr / Ein jeder Ton in meinem Lied! Nun, die in diesen Zeilen geschürte Erwartung wird erfüllt, tatsächlich tropft die Liebe aus fast allen Texten und Tönen dieses Werkes. „She’s got that light“-Reloaded sozusagen.

So ganz sicher bin ich nicht, ob „Mordballaden“ (die natürlich auf dem hauseigenen Label „Murdersound“ erscheinen, welches wiederum in Bahrdts „Murdersound Entertainment GmbH“ eingegliedert ist – noch Fragen?) vielleicht nicht doch nur ein kluger Scherz ist, den ich nicht verstanden habe. Oder ob Vince Bahrdt diese Kombination aus Gothic-Anleihen, Schlager im Orchestergewand und hochtrabendem Dichtgut möglicherweise wirklich ernst meint. Immerhin erweist sich die Befürchtung, Joachim Witt sei nicht mehr der einzige ehemalige Musiker, der nah am Irrsinn Tod und Teufel beschwört, als unbegründet. Nein, Bahrdt folgt geradlinig dem Pfad, den „You Are“ ihm wies und verliert sein in „Und so verlier ich mich“, wörtlich vorgetragenes Bekenntnis „Belanglosigkeit ist was ich so lieb“ dabei nie aus dem Blick.

Sieben Jahre bastelte Vince Bahrdt an diesem Solo-Projekt. Es müssen Jahre voller bitterer Enttäuschungen und schlimmer Verluste gewesen sein, denn nur so lässt sich die morbid anmutende Auswahl von Artwork und Titel erklären. Musikalisch hat er sich jedoch in dieser Zeit kaum von dem entfernt, was er für Orange Blue bisher so erfolgreich komponierte. Einige schöne Melodien sind ihm auch für die Mordballaden eingefallen. Weshalb er das Ganze nicht einfach Balladen genannt hat und ein dem Inhalt entsprechendes Äußeres (vielleicht in Rosa, mit schönen Blümchen?) gestaltete, bleibt ein Geheimnis. Und zwar ein sehr Düsteres.

Anspieltipps:

  • Anfang
  • Ganz Allein

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