The Cinematic Orchestra - Man With A Movie Camera - Cover
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The Cinematic Orchestra Man With A Movie Camera


  • Label: Ninja Tune/ZOMBA
  • Laufzeit: 68 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Auf der nimmer müden Suche nach neuen, innovativen Konzepten in der Popmusik, nimmt der Einfluss des Jazz seit einiger Zeit konstant zu. Und das nicht erst seit dem unvorhersehbaren Erfolg von Norah Jones, die mit ihrem poppigem Folk-Jazz Millionen Hörer begeistern konnte. Da aber jede Art von Musik in irgendeine Schublade gesteckt werden muss, weil die Vertreter der schreibenden Zunft sonst offensichtlich nichts damit anzufangen wissen, musste ein neuer Oberbegriff gefunden werden. Was lag da näher als „Nu-Jazz“?

Zu den absoluten Nu-Jazz-Spezialisten zählt das Ende der 90er-Jahre gegründete Projekt The Cinematic Orchestra um Mastermind Jason Swinscoe. Swinscoe studierte in Cardiff Kunst, Fotografie und Bildhauerei, als er 1990 seine erste Band gründete. Nach dem Studium arbeitete er als DJ für den Londoner Piratensender „Heart FM“, während er nebenbei seine eigenen musikalischen Vorstellungen verwirklicht, indem er die Vibes aus den 60er und 70er Blütejahren des Modern-Jazz mit der Atmosphäre von Filmsoundtracks und den Innovationen der Sample-Kultur zu verbinden versucht. Er verschickt musikalische Skizzen, Piano-Loops, Bass-Lines oder Melodiebruchstücke an befreundete Musiker und lädt sie anschließend zu Aufnahmen ins Studio ein. Danach, sortiert und ordnet er die Bänder, nimmt die Stücke auseinander, setzt sie neu zusammen und erschafft damit außergewöhnliche Klangwelten aus der Synthese von Jazz, TripHop und Dance-Music.

Im Jahr des Erscheinens ihres Debütalbums „Motion“ (1999) spielt das Cinematic Orchestra auf der Verleihungsfeier des „Director’s Guilt Lifetime Archievement Award“ und liefert eine gefeierte Hommage an den Starregisseur Stanley Kubrick ab. Noch im selben Jahr wird die Band gebeten, die Live-Umsetzung eines Soundtracks zu einem beliebigen Stummfilm zu schreiben, die auf dem Porto-Filmfestival vorgeführt werden soll. Swinscoe entscheidet sich für den den legendären, sowjetischen Dokumentarfilm von Regisseur Dziga Vertov „Man with a movie camera” aus dem Jahr 1929. Die Aufführung wird zu einem großen Erfolg und beeinflusst das 2002er-Album „Every day“, auf dem einige Passagen des Soundtracks verwertet werden. Jetzt, vier Jahre nach der Premiere, erscheint der vollständige Soundtrack zu „Man with a movie camera” auf CD und DVD. Und wie kann man dieses ungewöhnliche Projekt besser beschreiben als ein schlichtweg neues Glanzstück des Nu-Jazz.

„Man with a movie camera” ist ein, für die damalige Zeit, moderner, avantgardistischer Dokumentarfilm über den idealisierten Alltag der Menschen in der Sowjetunion der späten 20er-Jahre. Obwohl er keine spezifische Geschichte verfolgt, handelt er vom Erwachen der schlafenden Stadt in der Morgenfrüh, zeigt die Belebung der Strassen durch Menschenmassen, Straßenbahnen, Pferdekutschen und Autos, hin zum vormittäglichen Arbeitsleben, wo in großen Fabriken die Produktion läuft und der Arbeiter im Bergwerk schwitzt, bis zur nachmittäglichen Muße bei der Flasche Bier mit den Genossen, Sport- und Freizeitaktivitäten, Ferien am Strand und schließlich der ausgelassene Besuch von Kinos und Lokalen mit Musik und Getränken am Abend. Das alles wird festgehalten von einer Person, die immer wieder mal durch das Bild huscht. Sie trägt ein seltsames Gerät mit sich und kurbelt daran herum. Sie steht auf der Strasse, auf Dächern oder liegt unter vorbeifahrenden Zügen. Es ist ein Mann mit einer Filmkamera, der auf künstlerische Weise einen filmischen Einblick in das Großstadtleben der frühen Sowjetunion abliefert.

Zu den faszinierenden Bildern von Dziga Vertov liefet das Cinematic Orchestra einen absolut stimmigen Soundtrack ab, der sich der Dramaturgie des Films komplett anpasst. Ob atmosphärische Streicherklänge, fette Beats und Klarinettensoli, klappernde Bongos, voluminöse Orgel- und Bläserklänge oder einfache Kontrabassriffs, alles harmoniert perfekt miteinander, sodass Bild und Ton zu einer elektrisierenden Einheit aus funkigem Jazz und relaxten Chill-Out-Sounds verschmelzen. Selbstverständlich funktionieren die Songs auch ohne die Unterstützung der bewegten Bilder, sodass sich auch der Erwerb der erheblich günstigeren CD auszahlt. Wer also Lust auf Jazzmusik außerhalb der gängigen Normen hat, sollte definitiv mal in das aktuelle Werk des Cinematic Orchestras reinhören.

Anspieltipps:

  • Voyage
  • Evolution
  • All things to all men
  • The awakening of a woman
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