UB40 - Homegrown In Holland: Live - Cover
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UB40 Homegrown In Holland: Live


  • Label: Warner Bros./WEA
  • Laufzeit: 160 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Für den Musikpuritaner ist diese DVD belanglos, da ohne wirklich wichtige Hintergrundinformationen.

UB40, was ist aus euch geworden? Ein hervorragend gemachter Konzertfilm, der als Marketing-Pusher für Party-Reggae dienen darf. Hervorragend ist in diesem Fall der technische Teil des Films, und die professionelle Art und Weise des Auftritts der Band. Der Leiter des Unterfangens, Robin Bexton, ist in diesem Genre kein Unbekannter und steht für Professionalität. Die DVD selbst enthält neben der Hauptsache, dem Konzertmitschnitt, einige belanglose Dreingaben, auf die jedoch verzichtet werden kann, wie zum Beispiel Interviews mit den Bandmitgliedern, die für den nicht englischsprachigen Zuhörer untertitelt sind, eine so genannte Bildergalerie (der Fotograf war entweder stoned oder phantasielos), ein Ausflug in Luci’s World, der bei Teilnahme des interessierten Beobachters hinter die Bühne und in die Garderobe der Künstler führt („sehr interessant“) oder eine Vorstellung der Tour-Crew - der noch interessanteste aller Bonustracks.

Die Musik hat mit dem Reggae aus den Anfängen von UB40 soviel zu tun wie der Musikantenstadl von Karl Moik mit Biermösl Blosn. UB40 treten in hübschen Maßanzügen auf wie Londoner Investmentbanker auf Speed - genau wie Herr Moik und seine Mitspieler in Kleidung auftreten, die der Volksmusikzombie für volkstümlich hält. Das Ganze kommt so aalglatt daher!

Die Besetzung der Gruppe ist nach wie vor unverändert und in 25 Jahren des Daseins so aufeinander eingespielt, dass blindes Verstehen auf der Bühne selbstverständlich ist. Ali Campbell (Gesang & Gitarre), Robin Campbell (Gitarre & Gesang), Earl Falconer (Bass & Gesang), Norman Lamont Hassan (Percussion & Gesang), Brian Travers (Tenorsaxophon & Synthesizer) und Michael Virtue (Tasteninstrumente, Astro/Gesang & Percussion). Zusätzlich verstärkt wird durch Laurence Parry (Trompete & Posaune) sowie Martin Meredith (Saxophon & Tasteninstrumente).

Die neue CD/DVD gibt ein Konzert der Gruppe im niederländischen Rotterdam wieder. Der Auftritt beginnt mit dem, was heute unter Weltmusik läuft. Orientalische Klänge vom Band als letzter Soundtest der Anlage in voll besetzter Halle eröffnen das Konzert und gehen mit einem fulminanten Einsatz des hervorragenden Bläsersatzes mit dem Titel „Present Arms“ unter Leitung des Saxophonisten Brian Travers in ein ca. zweistündiges Konzert der Band über.

Nun nimmt der mittlerweile weichgespülte musikalische Teil der DVD seinen Lauf. Was früher sozialkritische Texte mit dem markanten Beat unterstrich, ist heute zu einer Abfolge von unkritischen Schnulzentexten verkommen. Linton Kwesi Johnson für Warmduscher sozusagen, da bekanntlich auch dieser mit einem starken Gebläse seinen UK-Reggae unterlegte, um seinen Aussagen den nötigen hörbaren Druck zu verschaffen. Bei den meisten Stücken dieser DVD fehlen die klaren Aussagen. Oder ist England mittlerweile zum Paradies mutiert, das keine Sozialkritik mehr nötig hat? Gibt es keine Arbeitslosigkeit mehr, wofür man das Formular „UB40“ benötigt? Keine Rassendiskriminierung, die es anzuprangern gilt? Keine sozialen Ungerechtigkeiten u.s.w...? UK-Reggae stand früher dafür, diese Themen aufzunehmen und so einem großen Hörerkreis zugänglich zu machen, auch UB40 reihten sich hier ein. Auf das Erstlingsalbum „Signing off“ sei in diesem Zusammenhang verwiesen.

Kommen wir jetzt zum handwerklichen Teil der Combo. Übergewichtig, wie es sich für diese Art von Musik gehört, treibt der Bass von Earl Falconer zusammen mit dem Drummer J. Brown die Band nach vorne. Wobei sich das Bass-Spiel auf den einfachsten Beat beschränkt und kein variables Spiel, das die Sache interessanter machen würde, aufweist. Zusammen mit den eingangs bereits erwähnten Bläsern machen sie das Musikgebilde von UB40 eigentlich aus. Als drittes Standbein der Gruppe dienen die Helfer am Steuerpult, die mit viel Computertechnik die ganze Geschichte unterstützen und nach eigenen Aussagen hier die Grenzen des Machbaren erreichen. Der Rest der Gruppe geht musikalisch eigentlich unter, was schade ist. Lediglich die markante Stimme von Ali Campbell ist noch präsent, langweilt aber nach kurzer Zeit aufgrund des tonalen Einerleis, dem auch die vokale Unterstützung von Robin Campbell keine Abhilfe schaffen kann. Andere Mitglieder der Band, die sich im Gesang versuchen dürfen, reißen hier auch nichts besonderes. Vollends zum Comic mutiert N. Hassan, der in dem Stück „Rudie“ ein Solo auf seinen Congas spielen darf, das so offensichtlich Midi-unterstützt ist, dass er einem schon fast Leid tut.

Der Konzertfilm beziehungsweise das Konzert nimmt erst mit älteren Titeln der Band Fahrt auf. Ab dem Titel „Here I am“ ist ein Anflug von Begeisterung beim Publikum zu erkennen, die dann kontinuierlich zunimmt wie z.B. bei dem Titel „Rat in my kitchen“, der an einen Kinderreim erinnert, aber Partystimmung zu verbreiten im Stande ist. Die Mitsinghymne „Red Red Wine“ zeigt jedoch dann schon wieder auf, dass der Gruppe das innere Feuer fehlt, das man braucht, um anhaltend den Funken auf das Publikum überspringen lassen zu können. Erst mit „Cant´t help falling in Love“ gelingt dies letztendlich. Bei „Food for Thought“ vom Erstlingsalbum „Signing Off“ ist der ursprüngliche UK-Reggae zu hören, der das Publikum mitreißt. Leider verfällt UB40 direkt im Anschluss wieder in den 08/15-Pop-Reggae, bei dem Mr. A. Campbell zum Harry Belafonte für Arme mutiert und mit viel technischer Unterstützung ein gefälliges Liedchen trällert und dabei versucht lasziv mit den Hüften zu kreisen. Das folgende „Cherry oh baby“ ist wieder angetan karibischen Flair zu verbreiten und kommt mit einer Leichtigkeit daher, die einem bei geschlossenen Augen an einen palmengesäumten Karibikstrand versetzt.

Das letzte Stück des Konzertmitschnitts, „Kingston Town“ genannt, assoziiert den dargebrachten Musikstil mit dem Kraut, dass in dieser Szene dazugehört wie beim schon erwähnten Karl Moik der Gerstensaft. Ohne Ganja kein Reggea! So ist auf der kreisrunden Leinwand über der Bühne ein Stilleben in grün zu sehen, dass Reggae mit Jamaica und Marihuana gleichsetzen soll.

Wer UB40 von früher kennt, wird enttäuscht sein. Jüngeren Zuhörern/-schauern kann vielleicht der Beat des Genres Reggae vermittelt werden. Ersatz für ein Live-Konzert ist mit Sicherheit nicht gegeben. Für den Musikpuritaner ist diese DVD belanglos, da ohne wirklich wichtige Hintergrundinformationen.

Anspieltipps:

  • Present arms
  • Young Guns
  • So destructive
  • Rat in mi kitchen
  • Food for thought
  • Cherry Oh Baby
  • Kingston Town
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