Jean-Michel Jarre - Jarre In China - Cover
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Jean-Michel Jarre Jarre In China


  • Label: Warner Music Vision
  • Laufzeit: 200 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

"Jarre in China" ist ein unglaubliches optisches bzw. akustisches Kultur-Dokument der Extraklasse.

Den Franzosen Jean Michel Jarre, der gebürtig aus Lyon stammt, kann man eigentlich als den Godfather of E(lectronic)-Pop bezeichnen. Jarre hat diesen in den späten 70er Jahren quasi erfunden, und wenn dies doch jemand anders gewesen sein sollte, von dem wir nie gehört haben, dann hat Jarre diesen Stil auf jeden Fall geprägt und salonfähig gemacht. Jarre, Sohn des legendären "Dr. Schiwago"-Komponisten Maurice Jarre, der auch für die Filmmusik zu "Ghost" und "Lawrence von Arabien" zuständig ist, spielte in einer Rockband mit Namen Mystere IV, bevor er bei Schaeffer in die musikalische Lehre ging, er kurze Zeit später die Elektro-Musik für seine Zwecke entdeckte. 1977 erschien die erste Platte von Jean Michel Jarre: "Oxygene". Dieser Albumtitel wurde bis heute in unzähligen Varianten neu aufgenommen und veröffentlicht, der Moderne immer wieder neu angepasst und perfektioniert. Dies gilt selbstverständlich auch für andere Mega-Seller von Jarre wie z. B. "Equinoxe".

Jarre sorgte für bisher drei Einträge ins Guinessbuch der Rekorde für Live-Performances, zu denen er Millionen von Zuschauern anzog. Gibt es irgendwo auf der Welt gigantische Geschehnisse, Feierlichkeiten, "Revolutionen", Jahrestage ... es wäre sehr unwahrscheinlich, wenn Jarre dort nicht zur Feier des Tages ein Mordsspektakel auf die Beine stellen würde. So spielte er bereits auf dem Place de la Concorde in Paris, in Peking und Shanghai, Houston, Lion, London, Paris-La Defense (2,5 Millionen Zuschauer), Hong Kong, vor 1 Million Menschen vor dem Eiffelturm in Paris, in Moskau (3,5 Millionen Zuschauer), Ägypten, Okinawa, Athen, Aalborg in der Verbotenen Stadt in Peking sowie auf dem Tian`anum Square in Peking. Und wenn die Gattin von Chirac verlegen auf ihn zu kommt und um ein Foto als Souvenir bittet, schmilzt Jarre förmlich dahin.

Jean Michel Jarre ist seit über 20 Jahren gigantisch gut im Geschäft, hat round about 60 Millionen Alben unters Volk gebracht und schafft jährlich neue Meilensteine, indem er seiner Experimentierfreudigkeit freien Lauf lässt und mit offenen Ohren und Augen durch die Welt spaziert. In Hamburg sagte Jarre vor kurzem, er würde sehr ungern auf Reisen bzw. Tourneen gehen, würde am liebsten gemütlich daheim bleiben und von dort aus schalten und walten. Auch ist er ein technologischer Vorreiter, Konzerte via Internet zu geben lehnt er strikt ab.

Der heute 56jährige Jean Michel Jarre ist in der Lage, jeglichen elektronischen Instrumenten und Hilfsmitteln dermaßen geniale Klänge und Klangfolgen zu entlocken, dass man seine Musik auch als Synthesizer-Doping bezeichnet könnte. Jarre verfügt über Möglichkeiten, den Zuhörer mittels seiner trickreich genutzten Instrumentierung beinahe in Trance zu versetzen. Mit seiner Musik im Ohr kann man wundervoll abschalten, träumen, entspannen, nachdenken, verdammt kreativ sein und noch vieles mehr. Jarre selbst sagte vor kurzem: "Meine Musik ist für mich Sex. Das Sexuelle ist das Traumverlorenste, zu dem Menschen fähig sind. Und ich bin sowieso – und hier mal nicht nur im sexuellen, also positiven Sinne – traumverloren."

"Jarre in China" ist ein unglaubliches optisches bzw. akustisches Kultur-Dokument der Extraklasse. Das Konzert in Peking war mehr als einzigartig und wird so schnell keine Wiederholung finden. Monatelang wurde geplant, geprobt, organisiert, komponiert, geändert, geflucht, gestritten, sich gefreut, stand man kurz vor einem nervlichen Zusammenbruch und doch ... es wurde vollbracht. Der Anlass war das französisch-chinesische Freundschaftsjahr. Der gefilmte Auftritt stammt vom 10.10.2004. Gezeigt wird das Mega-Konzert aus der Verbotenen Stadt in Peking, wo er von einem 260 Musiker starken chinesischen Symphonie-Orchester begleitet wurde sowie eine One-Man-Show auf dem Tian-Anmen-Square in Peking, wo Jarre nur in Begleitung einer chinesischen Sängerin auftrat, fast schon verloren auf der großen Bühne mit für seine Verhältnisse viel zu wenig "buntem Tasten- und Klang-Spielzeug".

Die vorliegenden DVD wurde in State Of The Art-Technologie aufgenommen. "Jarre in China" ist das erste Konzert überhaupt, das in High Definition - THX aufgenommen wurde. THX wurde von Star-Wars-Regisseur George Lucas entwickelt. Hier wird der allerhöchste Standard an Ton- und Bildqualität gezeigt und garantiert. Es war irgendwie klar, dass Jean Michel Jarre derjenige sein würde, der hier Pionierarbeit leistet. Was auch neu ist: hier wurde das erste Mal in 5.1 Dolby Digital Live Sound aufgenommen.

Auf "Jarre in China" befindet sich das gesamte Konzert aus der Verbotenen Stadt, eine Audio-Dokumentation, das vollständige Konzert vom Tian`Anmen-Platz, inkl. Audio-Dokumentation, Jean Michel Jarre in den Fußstapfen des letzten Kaisers, eine Dokumentation über Jarre und den chinesischen Bob Dylan bzw. John Lennon, der zensiert wurde und nicht auftreten durfte, Cui Jian. Abgerundet wird die zweite DVD durch eine Fotogalerie sowie eine Biografie Jarres. Für unterwegs enthält dieser Digipack noch eine Audio-CD des Konzerts.

Die gesamte Live-DVD läuft über von gewaltigen Lichteffekten, aufgeblasenen, beleuchteten Figuren, auf die immer wieder neue Botschaften oder Bilder projiziert wurden. Das chinesische Publikum schenkte Jarre schon nach der ersten Nummer Standing Ovations und kriegte sich gar nicht wieder ein. Als Jarre vor 20 Jahren dort gewesen ist und auftrat, verpasste er dem chinesischen Volk mit seiner Musik einen regelrechten Kulturschock, hatten diese Menschen derzeit doch noch nie zuvor Popmusik gehört, teils wussten sie gar nicht, dass es so etwas Wundervolles überhaupt gab. Wenn Jarre dieses erzählt, schüttelt er noch immer ungläubig den Kopf, auch heute, 20 Jahre danach.

Jean Michel Jarre agierte von einer Plattform aus, auf der er all seine "Spielzeuge" um sich versammelt hatte. Seine Werkzeugkiste enthielt nicht nur diverses Tastenwerk, sondern auch eine immens große und schwere Glocke, diverse Klangkörper, die er immer mal wieder gekonnt anschlug, Becken, diverse Mischpulte, eine Laser-Harfe, Synthesizer, die geblasen wurden, Schwingungs-Flöten und noch viele weitere Klangarmaturen, die er trickreich zu nutzen verstand. Beweist Jarre doch spätestens jetzt mit dieser DVD, dass es ein absoluter Irrglaube ist, dass ein E-Pop-Musiker alles in seine Computer einspeist, auf den Einschaltknopf drückt, Kaffee trinken geht und irgendwann nach seinem Konzert zurück kommt, um seinen Computer wieder auszuschalten. Jean Michel Jarre ist Musiker mit Herz und Seele, kein Computer-Genie, der Programme spielen lässt. Er spielt live und selber und geht wahnsinnig konzentriert mit seinen Instrumenen um, weiß ganz genau, in welchem Bruchteil einer Sekunde er welchen Knopf drücken, welche Taste anschlagen oder welchen Klangkörper kitzeln oder anschlagen muss. Die Sounds sind programmiert, aber die gesamte Geschichte wird live vor Ort von Jarre zu einer Einheit, einem Klangerlebnis zusammen geschmolzen. Jarre könnte niemals ein Konzert geben, ohne anwesend zu sein und alles live zu spielen.

Die chinesischen Zuschauer saßen situiert auf ihren Plätzen und lauschten, jubelten, waren so still, dass man eine Stecknadel hätten fallen hören können. Wo zollt ein Publikum einem Künstler einen solch enormen Respekt? Jarre zeigte seinen Respekt, in dem er Dankesworte auf Chinesisch sprach und auch einige seiner Nummern mit chinesischen Heimatklängen einhüllte sowie Original-Instrumente aus diesem Land zum Einsatz brachte, gespielt durch die Orchester. Zu Beginn der einzelnen Songs verzauberte Jarre mit Sample-Klängen wie U-Bahn-Geräuschen, Flügelschlagen von Vögeln, Meerrauschen, Gewitter, Hubschrauber, Nebelhörnern etc.

Wunderschön war der überraschende Einsatz einer uralten Drehorgel, die live und in Farbe gespielt wurde, nicht gesampelt. Noch überraschter kann man sein, wenn Jarre sich ein Akkordeon umhängt und einen richtigen französischen Chanson zum Besten gibt. Bei diesem Künstler ist so gar nichts unmöglich oder planbar. Jean Michel Jarre hat seine wahre Freude daran, sein Publikum zu beobachten, herauszufordern. Wenn ihm dieses gelungen ist, setzt er sein Kleinjungen-Lächeln auf und verzaubert damit. Wenn man sich die Doku-Parts auf der DVD angeschaut hat, möchte man nicht vermuten, dass ein Jean Michel Jarre sich über kleinste Kleinigkeiten und Gesten freuen kann wie ein (kleiner) König.

Jean Michel Jarre ist ein musikalischer Botschafter, von dem es kein zweites Exemplar auf dieser Welt gibt. Er leistet all das freiwillig, vielleicht sogar unbewusst, wofür andere Menschen zu gut bezahlt werden, oftmals völlig unfähig agieren. Musik verbindet, Musik befreit. Wer Musik liebt, versteht den anderen, auch spricht er seine Sprache nicht. Musik ist international. Jarre tat auch kund, dass er es als ungemein wichtig empfindet, in Ländern wie China dafür zu sorgen, wenn denn irgendwie möglich, dass hiesige Musiker frei und gefördert ihrer Kunst nachgehen können bzw. dürfen. Künstler, die zu Revolutionszeiten den Mund aufgemacht haben, werden noch heute zensiert, versteckt und dürfen teils nicht öffentlich auftreten. Jarre setzt sich für deren Rechte und Künste ein so gut er kann. Vieles hat er bereits erreicht. Sein Motto, ganz klar: Liberté, égalité, éternité! Diese drei Worte blendete er auch immer wieder auf die Figuren ein, die am Bühnenrand platziert waren.

Jarre verband mit diesen Konzerten Innovation mit Tradition, Modernität und Tradition verschmolzen, einfach so. Was in diesem Kader auch einmalig war: zum ersten Mal schrieb Jarre eine Nummer, zu der es einen Gesangspart gab. Hier handelt es sich um einen alten Piaf-Chanson, den eine Chinesin in recht rockiger Weise performte. Wenn Jean Michel Jarre eine Vision hat, muss er sie umsetzen, da geht so gar nichts dran vorbei.

Diese DVD ist ein Meisterwerk, welches zwei sagenhafte, auf der Welt absolut einmalige Konzerte beinhaltet, die man unbedingt mindestens einmal gesehen haben muss. Außerdem sind die Dokumentationen zu den Vorbereitungen auf das Konzert, die Bühnen-Planungen, Behörden-Probleme, Probleme zwischen zweier "Welten" oder Kulturen, die auf einander prallen, sich erst an einander gewöhnen müssen, musikalischen Hintergründen usw. auf jeden Fall eine enorm interessante Sache. Jean Michel Jarre verfügt außerdem über eine sehr wissbegierig machende Art, sein Tun und Leben zu erzählen und zu erklären. Er gibt sehr viel von sich selbst, lässt den Zuschauer teilhaben und ist sich nicht zu schade, Details zu verraten.

"Jarre in China" ist Kultur pur und verabreicht eine breite Portion feinste Bildung, die niemandem schaden kann. Wer schon nicht in Peking dabei gewesen ist, sollte diese musikalische Lücke sofort stopfen und sich "Jarre in China" anschauen und vor allem anhören. Dieses Werk ist schon heute ein großer Klassiker, das ist sicherlich nicht übertrieben.

Anspieltipps Audio-CD:

  • Aerology Remix
  • Oxygene 2
  • Equinoxe 4
  • Geometry of love
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