Madonna - Confessions Tour - Cover
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Madonna Confessions Tour


  • Label: Maverick/WEA
  • Laufzeit: 139 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Ist diese trockene, technikheischende Darbietung alles, was Frau Ciccone zustande bringt?

Dass Madonna nach ihrem musikalischen Gesinnungswandel zur Disco Queen herbe Kritik einfuhr, wundert nicht. Wer sich mit dem stolzen Alter von 49 in hautengen Latexanzügen zeigt, die mehr offenbaren als nötig und eine bierernste Platte namens „Confessions on a dancefloor“ aufnimmt, die für die Verhältnisse und Möglichkeiten eines Weltstars vom Schlage der Pop-Ikone erstaunlich spannungsarm ist, der muss auf Gegenwind vorbereitet sein. Und siehe da: Frau Ciccone holt trotzdem erstaunlich viel aus ihrer Kreativitätspause heraus, die in 2 CD/DVD-Pakete innerhalb eines Jahres zu Buche schlagen. Zuerst „I´m going to tell you a secret“ (06/2006), das einen sehr intimen und persönlichen Blick in das Familienleben und das ganze Drumherum der “Re-Invention”-Tour bebilderte und jetzt „The confessions tour“, eine komplette, 2-stündige Aufzeichnung aus der Wembley Arena. Das der Konzertsaal gesteckt voll war, braucht man nicht zu erwähnen.

Nach einer kurzen Einleitung geht es los. Mehrere Tänzer versuchen sich als Pferde bzw. Halter dessen und Madonna steigt aus einer überdimensionalen Discokugel auf die Bühne. Begleitet wird sie von phrenetischem Jubel, Euphorie, Applaus - alles was eben so dazugehört zu einem Spektakel der Superlative. „Future lovers“ eröffnet das 21 Tracks umfassende Set, das den Großteil der gespielten Songs jedoch nicht in ihrer Urform präsentiert, sondern mit tanzbaren Beats unterlegt, womit der vorherrschende Pop-Faktor herausgenommen und stattdessen House und Disco-Einsprengsel vorherrschen. Die Musik verkommt aber ohnehin nach maximal einer Viertelstunde zur Nebensache und das Konzert entpuppt sich als steriler wie auch angeberischer Breakdance-Workshop mit eingestreutem, aufdringlichem Selbstfindungstrip. Eine Rechnung, die in letzter Zeit anscheinend berücksichtigt werden muss, will man sich eine Darbietung von Frau Ciccone zu Gemüt führen.

Daher sollte die Kreuzigungsszene in „Live to tell“ nicht mehr als ein müdes Lächeln wert sein, denn wer mit einer Dornenkrone am Schädel vor zig tausend Menschen ein Konzert veranstaltet, sollte nicht allzu ernst genommen werden. Ein Umstand, der wohl auch dem Publikum bewusst ist, das die eingeblendete Message „In africa 12 million children are orphaned by aids“ wahrscheinlich gar nicht registriert hat, weil tosender Jubel ausbricht als ein donnernder Soundeffekt aus den Lautsprechern gepaart mit zuckenden Lichteffekten ertönt, während zur gleichen Zeit eine der Videowalls „2 Millionen sterben bevor sie 2 Jahre alt sind“ zu berichten weiß, dicht gefolgt von 2 Websites, die diesem Kindersterben ein Ende setzen wollen. Hat mal jemand Papier und Bleistift?

Das gleiche Problem fünf Lieder später. Nachdem Madonna mehrere Male verschwunden, wieder aufgetaucht, verschwunden, von irgendeiner Plattform hoch- bzw. runtergefahren wurde, sich als tänzerisch-kämpfende Emanze in „Sorry“ gegen einen ihrer Komparsen durchgesetzt hat und für „Like it or not“ einen flotten Stühlchentanz a la Britney Spears im Video zu „Crazy“ dargeboten hat, verschwindet sie mal wieder und überlässt den Tänzern und den Bildern der Fernsehwände die Bühne. Dort erscheint eine Videocollage mit Tony Blair, Taliban-Führer Osama Bin Laden, Bildern aus der dritten Welt, dem Ku-Klux-Klan, mehreren Waldbränden, Tierquälereien und am Höhepunkt der Stakkato-Bilderflut prangt George W. Bush auf allen Videowalls, während im Hintergrund weiterhin eine Endlosschleife von „Sorry“ dröhnt und das Ganze durch den finalen Satz „Is anyone listening?“ beschlossen wird.

Doch bevor sämtliche Gehirnwindungen zu Grübeln beginnen, ruiniert die Pop-Diva den nachdenklichen Moment, kommt in coolem Lederoutfit mit E-Gitarre im Anschlag auf die Bühne und stimmt „I love New York“ an, was vom Publikum natürlich euphorisch goutiert wird. Das ist Showbiz! Den Vogel schießt sie aber eindeutig mit der Überleitung zu „Ray of light“ ab, wenn sie die versammelte Menschenmasse dazu auffordert doch bitte im Takt zu hüpfen und das sofort. „Show me your „Fuck you“ attitude and start jumping. I wanna see the whole world jumping. Come on motherfuckers!” heißt es von ihrer Seite. Das sie damit ihren sicherlich ernst gemeinten Vortrag vor etwa 4 Minuten komplett zunichte gemacht hat, ist Nebensache, denn ab jetzt regiert ausgelassene Partystimmung ohne erhobenen Zeigefinger und Weltverbesserungsvorschläge.

Zwischenzeitlich bedankt sie sich in einem rührendem Moment bei den Hundertscharen an Technikern ohne die sie natürlich so etwas gar nicht auf die Beine stellen könnte und bei den Fans, die ihr das alles erst ermöglicht haben. Nach dieser kurzen Unterbrechung geht es allerdings auch schon wieder weiter im Programm. Nachdem mit „La isla bonita“ doch noch dem Pop in Reinkultur gefrönt wird und „Lucky star“ vom Debütalbum angestimmt wird, das nahtlos in den Überhit „Hung up“ einhergeht, übertrifft zumindest die Bühnenperformance alle Erwartungen, klettern schließlich mehrere Tänzer die Fassaden der Zuschauertribünen hoch und stellen somit das Video zum Song nach. Danach regnet es über hundert goldene Luftballons vom Himmel, Madonna lässt das Publikum der vorderen Reihen, die sicher dreistellige Summen für ihr Ticket bezahlt haben, in ihr Mikro singen und verabschiedet sich nach schweißtreibenden 120 Minuten von der Bühne, während der Zuschauer hin und her gerissen vor dem Bildschirm sitzt.

Soll das denn alles sein? Ist diese trockene, technikheischende Darbietung alles, was Frau Ciccone zustande bringt? Das etwa viertelstündige Bonusmaterial bietet zwar einige interessante Einblicke „Behind the scenes“, legt sein Augenmerk also auf die Proben und Übungen vor dem großen Gig, indem Tänzer befragt und bei ihrer Arbeit gemeinsam mit Madonna beobachtet werden, ein bisschen mehr hätte es allerdings schon sein dürfen nach diesen bis in kleinste Detail durchstrukturierten und gefühlskalten 2 Stunden. Wenigstens sitzen Ton (wahlweise PCM Stereo oder DTS 5.1 Surround in 8 Untertitelsprachen) und Bild perfekt, sodass es hier keine Abzüge gibt.

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